• Zwischen Hamburg und Nah-Ost: „Nur ein Augenblick“ will die Schrecken des Syrienkrieges zeigen

Zwischen Hamburg und Nah-Ost : „Nur ein Augenblick“ will die Schrecken des Syrienkrieges zeigen

Das ambitionierte Debüt einer Berliner Regisseurin erzählt vom Gegensatz zwischen bürgerlichem Leben und Krieg. Doch leider fehlt die emotionale Tiefe.

Katrin Doerksen
Karim (Mehdi Meskar) und Lilly (Emily Cox) führen ein harmonisches Leben.
Karim (Mehdi Meskar) und Lilly (Emily Cox) führen ein harmonisches Leben.Foto: Farbfilm

Bevor der Abspann von „Nur ein Augenblick“ beginnt, ist noch ein Interview mit dem syrischen Journalisten Michel Kilo zu sehen, der zwischen 2006 und 2009 im Gefängnis verbrachte. Er appelliert an die Künstler seines Landes, Filme zu machen, die zeigen, wie es in Syrien wirklich zugeht. Dieses dokumentarische Material an das Ende eines Films zu setzen, der im Original „The Accidental Rebel“ heißt, ist eine interessante Entscheidung.

Die Hauptfigur Karim (Mehdi Meskar) ist kein geborener Kämpfer. Als 2011 der Arabische Frühling ausschlägt, schickt ihn seine Familie zum Studium nach Deutschland, erst Jahre später erfährt er am Telefon, dass sein älterer Bruder zum Kämpfen geblieben ist und verschleppt wurde. In einem Anflug panischer Hilflosigkeit fliegt Karim in die Türkei und findet sich plötzlich im syrischen Kriegsgebiet wieder.

Ambitioniert ist das Debüt der Berliner Regisseurin Randa Chahoud allemal, ihr Film wurde auf dem Filmfestival Max Ophüls für den besten Schauspielernachwuchs ausgezeichnet. „Nur ein Augenblick" ist phasenweise wie ein actionreicher Kriegsfilm inszeniert, der ein größeres Budget suggeriert.

Den Kontrast zum Schlachtfeld bildet das Leben, das sich Karim in Deutschland aufgebaut hat. Mit seiner schwangeren Freundin Lilly (Emily Cox) wohnt er in einer Wohnung, die sich ein Student und die verschuldete Inhaberin einer Fahrradwerkstatt in Hamburg wohl kaum nicht leisten könnten.

Es ist eine geradezu spießbürgerliche Welt, in die globale Konflikte höchstens durch die Nachrichten dringen. Das alles zeichnet die Regisseurin sehr plakativ, umso mehr wirkt es nach, wenn aus dem Telefon plötzlich Schusssalven dröhnen. Doch gerade diese Ambitionen sind es, die Karims Geschichte den Atem rauben.

Chahoud versucht den Frontkämpfern psychologische Tiefe zu verleihen, reißt Einzelschicksale ziviler Opfer des Bürgerkriegs aber nur an. Und auch in Lillys Vergangenheit gibt es ein dunkles Geheimnis. Wie Chahoud all die inneren und äußeren Kämpfe mit Parallelmontagen zuspitzt oder anhand visueller Marker – ein gelber Rucksack hebt Karim von seiner Einheit ab – verdeutlicht, wirkt allzu bemüht.

Bezeichnend ist die Szene, in der Karim das erste Mal tötet. Die Entscheidung fällt im Bruchteil einer Sekunde, danach liegt der gegnerische Soldat blutüberströmt am Boden. Der Gegenschuss zeigt sein Gesicht und das Karims. Doch bevor dieser Moment Bedeutsamkeit entwickeln könnte, ist er wieder vorbei.

Solche Irritationen sind in „Nur ein Augenblick“ zahlreich, immer wieder brechen die Figuren in Emotionen aus, die Tiefe andeuten, nur um sich schnell wieder dem Zwang des Drehbuches zu fügen. Im Storyboard sahen diese Schlüsselmomente sicher eindrucksvoll aus, eine Geschichte glaubhaft zum Leben erwecken können sie nicht.
In Filmkunst 66 und Zukunft (OmU)

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