Medien : „Ein Flüchtling bleibt man ein Leben lang“

Drei Menschen fliehen Anfang 1945 aus Ostpreußen. Jetzt sehen sie den ARD-Zweiteiler „Die Flucht“. Erinnerungen an damals und Meinungen zum Film

Sonja Pohlmann

Wie ein 1000-Füßler reiht sich der Treck aus Flüchtlingen über das gefrorene Haff. Das Eis ist an einigen Stellen schon brüchig. Immer wieder wird der Zug von russischen Tieffliegern beschossen. Ganze Wagen versinken mit Pferden und Menschen in den Einschusslöchern – all das sind Szenen aus dem Film „Die Flucht“. Doch die Geschichte ist mehr als zwölf Millionen Menschen tatsächlich passiert. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs flüchteten sie vor der Roten Armee aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Drei Zeitzeugen erzählen dem Tagesspiegel von ihren Erlebnissen und zugleich davon, wie sie den Film, der heute und morgen in der ARD gezeigt wird, beurteilen.

Es fing schon an zu dämmern, als Günther Montkowskis Mutter plötzlich hektisch wurde. Sie nahm den Handwagen, mit dem normalerweise Kartoffeln vom Feld geholt wurden und packte ihn voll. Wahllos. Die wertvollen Taschenuhren blieben auf dem Küchentisch liegen. „Wir waren so panisch, dass wir nicht richtig nachdenken konnten“, sagt Montkowski. Als der Wagen voll war, ging er zusammen mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester los. Es war der Abend des 4. Februar 1945, Montkowski damals 13 Jahre alt. Dass er seine Heimat für immer verließ, wird er erst später realisieren. „Meine Todesangst hat meine Gefühle in diesem Moment verdrängt“, sagt er.

Seine Familie und er kamen mit ihrem Wagen kaum voran, die Straßen waren voll von matschigem Schnee. Immer wieder wurden die Flüchtlinge von vorbeifahrenden Wehrmachtstransporten in den Straßengraben gedrängt. Nach einer Woche erreichten die Montkowskis einen Gutshof. Hier rasteten sie. Frei herumlaufende Hühner und Ferkel wurden geschlachtet. Montkowskis Verhängnis. Er war fettes Essen nicht mehr gewohnt, bekam Durchfall, anschließend Ruhr. Trotzdem musste seine Familie nach drei Tagen weiterziehen, Richtung kurisches Haff, der einzige Ausweg aus dem von der Roten Armee eingekesselten Gebiet. Vorm Ufer hatte sich die Wehrmacht aufgebaut. Alle Männer, die noch eine Waffe tragen konnten, wurden abgefangen. Sie sollten zum Volkssturm antreten. „Als sich ein kriegsmüder Soldat weigerte, wurde er vor eine Scheunenwand gestellt und erschossen. Genau wie im Film“, sagt Montkowski. Er hat dieses Bild nie vergessen.

Mit durchnässten Sachen erreichten sie das andere Ufer in Neutief. Es dauerte mehrere Tage, dann konnte seine Mutter Karten für das Schiff Richtung Danzig-Neufahrwasser organisieren. „Erst als wir mit dem Schiff ablegten, wurde mir bewusst, dass ich gerade mein Zuhause verliere“, sagt Montkowski. Er weint, wenn er davon erzählt.

Am 4. März 1945 endete ihre Flucht in Lalendorf. Eine Tante arbeitete auf dem Gut Mamerow, sie nahm die geflohenen Verwandten in Empfang. „Wir waren in dem Ort die ersten Flüchtlingen und damit Exoten“, sagt Montkowski.

Heute lebt der 75-Jährige in Neubrandenburg, wo er früher als Lehrer arbeitete. Noch heute besucht er seine Heimat regelmäßig. Dass jetzt ein Film über die Flucht gedreht wurde, freut ihn. „Das war fällig. Bei einer solchen Geschichte kommt kein Guido Knopp mit“, sagt er. „Die Geschichte ist völlig realistisch dargestellt“, lobt er. Montkowski hofft deshalb, dass vor allem junge Leute den Film sehen. „Denn er hat die eindeutige Botschaft: Nie wieder Krieg.“

Es war die allerletzte Sekunde, in der Helmut Wunderlich floh. Bis zum 1. Februar 1945 hatte der 15-Jährige mit seiner Flucht gewartet, doch in der Nacht zog er los. Am nächsten Tag wäre er von russischen Soldaten erschossen worden. So wie alle Männer seines Dorfes bei Trakehnen, darunter auch sein Vater. Seine Mutter wurde in ein Arbeitslager gebracht. Was sie dort erlebte, hat sie ihrem Sohn nie erzählt.

Wunderlich ist mit seinen 1,84 Metern groß und kräftig. Während der Flucht musste er ständig auf der Hut sein, nicht von der Wehrmacht festgenommen und an die Front geschickt zu werden. Am Haff hatte er Glück: Wehrmachtssoldaten luden Pferdewagen ab, weil diese zu schwer fürs Eis waren. Wunderlich konnte unbemerkt das rettende Eis betreten. Mitten auf dem Haff beschossen Tiefflieger den kilometerlangen Treck, Wunderlich sprang von einer Seite zur anderen, „denn die Flieger kamen von rechts und links“. Um ihn herum färbte sich das Eis rot, blutende Pferde und Menschen. Ganze Wagen brachen mit ihren Fahrern und Pferden ins durchlöcherte Eis ein und versanken sekundenschnell. Im Film werden ähnliche Szene gezeigt. Wunderlich wühlen sie besonders auf: „Ich habe von diesem Beschuss noch Jahre später geträumt. Durch den Film werden diese Erinnerungen wieder geweckt.“

Er gelangte zur Weichsel, wo mehr als 1000 gefangene Russen auf Schiffe verladen wurden. Wunderlich rutschte auf Knien zwischen ihnen hindurch, um den deutschen Soldaten zu entwischen.

In Gotenhafen endete die Überfahrt. Hier wollte Wunderlich Zugfahrkarten nach Pommern kaufen. Doch plötzlich entdeckte ihn am Schalter ein SA-Mann. „Der will türmen, schnapp ihn dir, sagte er zu seinem Kettenhund“, erinnert sich Wunderlich. Er rannte um sein Leben, versteckte sich auf einem Dachspeicher. Zwei Stunden später traute er sich wieder herunter und sprang auf einen anfahrenden Zug mit Verwundeten auf.

Am 12. Februar 1945 erreichte er sein Ziel: Neubrandenburg. Hier fand er bei einer Tante Unterschlupf fand. Zwei Monate später musste er wieder vor der anrückenden Roten Armee flüchten. Wunderlich versteckte sich auf einem Pfarrhof. Jede Nacht kamen Soldaten. „Sie hielten mir eine Maschinenpistole an die Schläfe und fragten, ob ich Nazi bin“, sagt er. Ein russisch sprechender Mitflüchtling konnte sie beschwichtigen. Doch die Todesangst in diesen 14 Nächten hat er nicht vergessen.

Wunderlich flüchtete nach Berlin-Spandau. Er arbeitete bei einer Bauernwirtschaft, dann wurde er Förster für landwirtschaftliche Fragen in Fahrland. Wunderlich ist heute 77 Jahre. Er findet, dass „Die Flucht“ gut recherchiert ist. „Als im Film die Wagen in Haff eingebrochen sind, musste ich weinen“, sagt er. Er habe wieder seine Hilflosigkeit von damals gespürt. Im Sommer 1998 reiste er noch einmal zu seinem Elternhaus – doch außer meterhohem Unkraut hat er nichts gefunden.

Eine der ersten Erinnerungen von Anita Motzkus ist, wie ihre Kindergärtnerin zu ihr sagte: „Kinderchen, geht nach Hause, der Russe ist schon ganz nah.“ Motzkus ist damals fünf Jahre, ihre Schwester drei. Am 21. Januar 1945 kam der Marschbefehl des Bürgermeisters von Schönlinde. Während ihre Mutter eilig den Planwagen bepackte, freute sich Motzkus auf das vermeintliche Abenteuer: „Eine große Fahrt fand ich immer toll. Als ich jedoch sah, wie unsere Hündin Senta mit traurigen Augen hinter unserem Wagen lief, wusste ich, dass da etwas nicht stimmen kann.“

Motzkus’ Treck schaffte es nicht bis zum Haff. Vor Landsberg geriet er zwischen die kämpfenden Truppen. Die Pferde und der Wagen wurden ihnen von den Russen weggenommen. Motzkus musste mit ihrer Mutter und Schwester ins Heimatdorf zurückgehen. „Immer nachts, alles andere war für die Frauen zu gefährlich. Wie es der Film zeigt, wurden die Frauen von russischen Soldaten schrecklich behandelt“, sagt Motzkus. Als sie auf ihrem Hof ankamen, war der Großvater nicht mehr auffindbar, ihre Oma lag erschossen im Kartoffelkeller.

Anfang März 1945 deportierte eine russische Abordnung Motzkus Mutter ins Arbeitslager nach Sibirien. Motzkus und ihre Schwester wurden seitdem von Bekannten der Familie versorgt. Zwischenzeitlich wurden die Geschwister getrennt.Trauer über die zerrissene Familie verspürte Motzkus nicht. „Es ging immer darum, den nächsten Moment zu überleben. Da war keine Zeit für Gefühle. Im Film wird das in einigen Szenen sehr deutlich“, sagt sie.

Motzkus kam im Sommer 1946 nach Insterburg und lebte hier als „Wolfskind“. Zusammen mit einem Jungen fuhr sie nach Litauen und bettelte um ein Stück trockenes Brot oder Kartoffeln. „Diese Zeit hat mich so sehr geprägt, dass ich heute immer sehr ungerne um Hilfe bitte“, sagt sie.

Heute lebt die 67-Jährige in Hamburg. Motzkus empfiehlt den Film:. „Endlich wird hier mal ein Thema aufgegriffen, das jahrelang tabu war.“ Vor allem die Fluchtszenen seien realistisch. „Die erfrierenden Menschen am Straßenrand. Ich habe sie genau so gesehen“, sagt sie. Die Dialoge berühren sie dagegen weniger, denn „die Geschichte ist fiktional“. Seitdem sie den Film gesehen hat, denkt sie mehr als sonst über ihre Flüchtlingszeit nach. „Vielleicht hilft mir der Film, einen Abschluss zu finden. Aber ein Flüchtling bleibt man sein Leben lang.“

„Die Flucht“, ARD, heute und am Montag um 20 Uhr 15

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