Lineares Fernsehen oder Mediathek? : Ich weiß, was du morgen gesehen hast

Neue Serien und Filme, zu jeder Zeit: Die Mediatheken-Nutzung läuft dem linearen Fernsehkonsum immer mehr den Rang ab. Und das mit der Sieben-Tage-Regel sollte man nicht so wörtlich nehmen.

"Bad Banks": Gabriel Fenger (Barry Atsma), Jana Liekam (Paula Beer), Christelle Leblanc (Désirée Nosbusch)
"Bad Banks": Gabriel Fenger (Barry Atsma), Jana Liekam (Paula Beer), Christelle Leblanc (Désirée Nosbusch)Foto: ZDF und [m] KNSK Werbeagentur Gm


„Wenn morgen drei Millionen Deutsche auf die Bank gehen und ihr Geld abheben, ist es aus.“ Der Trailer zur neuen deutschen Arte-Serie „Bad Banks“ hat es in sich: Jung-Bankerin Jana (Paula Beer) im Finanzdschungel, das verheißt genreübliche Spannung. Doch, was heißt das schon: eine Arte-Serie? Zwei Tage nach dem Start am Donnerstag startet „Bad Banks“ auch im ZDF. Und überhaupt: Wieso warten und das Ganze im üblichen, klassischen Fernsehen sehen? „Bad Banks“ steht seit vergangenem Donnerstag in den Mediatheken von ZDF und Arte zum Abruf bereit. Und zwar nicht nur die erste Folge, sondern alle sechs Folgen, bis zur Auflösung der Frage, wie die Banken auf die Drohung mit dem kollektiven Geldabheben reagieren.


Bringt ja nichts, sich am Freitag im Büro über die erste Folge zu unterhalten, wenn der Kollege Janas gesamte Geschichte verrät, weil er lieber vorab online schaut. Das gilt auch für die ZDFneo-Sitcom „Nix Festes“, die am Dienstag im linearen Fernsehen startete und bereits komplett in der ZDF Mediathek steht. Geändertes Nutzerverhalten, geänderte Programmierung – immer öfter versuchen die TV-Sender ihre Zuschauer da abzuholen, wo sie sie vermuten: nicht zur vorgegebenem Uhrzeit vor dem Fernseher. Stichwort Binge-Watching, alle Folgen am Stück, wie bei Amazon Prime, Netflix & Co.


Noch scheint es so, dass es bei den Sendern keine einheitliche Regel gibt, ob und wann welche Serien vorab in die Mediathek gestellt werden. Auch nicht, wie lange sie dort verharren. Es gibt auch keine solide Erkenntnis, ob so etwas der Quote schadet. „Vorab-Angebote lohnen sich, sobald eine Kampagne für eine TV-Ausstrahlung startet“, sagt ZDF-Sprecherin Anja Scherer. Die Möglichkeit, im Anschluss an eine erste Folge im Fernsehen gleich weitere Folgen in der Mediathek sehen zu können, sei stark gefragt. „Diese Optionen sind immer einzelfallabhängig zu prüfen.“


Aber werden durch Vorab-Veröffentlichung in der Mediathek aus dem linearen Fernsehen nicht doch in größerem Ausmaß Zuschauer abgezogen? Das könne das ZDF nicht beobachten. „Wir gehen davon aus, dass wir über die Mediathek vor allem Menschen erreichen, die das Format sonst nicht genutzt hätten.“ In der Summe sei die Nutzung also höher als ohne Vorab-Einstellung. Im Rahmen der „audiovisuellen Gesamtreichweite“, die die AGF-Videoforschung derzeit zusätzlich zu den klassischen TV-Akzeptanzdaten etabliert, werde die Nutzung in der Mediathek dann auch dem TV-Sender und den entsprechenden Sendungen zugerechnet werden können.


Herausgeben wollen oder können ZDF/ARD/Arte diese hybriden Reichweiten nur spärlich, auf Nachfrage. Die seit 22. Februar in den Mediatheken von Arte und ZDF vorab eingestellten sechs Folgen von "Bad Banks" erzielten laut Arte-Sprecherin Lucia Göhner in den ersten sechs Tagen  durchschnittlich 32 433 Sichtungen bei Arte und 139 000 Sichtungen beim ZDF pro Folge.

Viele fragen sich, wie lange Serien/Filme in der Mediathek stehen

Auch die ARD ist 2017 bei der grandiosen Serie „Das Verschwinden“ mit Julia Jentsch verschiedene Ausspielungswege gegangen. 3,08 Millionen Zuschauer sahen den Vierteiler durchschnittlich linear im Fernsehen, in der Mediathek wurden insgesamt 876 000 Abrufe gezählt. Die beiden Kennwerte Linear/Stream dürften aber nicht einfach addiert werden, sagt ARD-Sprecher Markus Huber. Bei den Zuschauerzahlen ist berücksichtigt, wie lange die Zuschauer jede Folge gesehen haben, bei den Mediathekszahlen wird jeder Abruf, egal, wie lange oder kurz man letztendlich verweilte, gezählt.

„Die Sehgewohnheiten ändern sich, also ändern wir unsere Angebote.“ Für Zuschauer, die hauptsächlich Mediatheken nutzen, sei der zeitsouveräne Umgang mit Sendungen eines der wichtigsten Kriterien. Man stelle keine „Kannibalisierung“ der linearen Ausstrahlung fest, da so verschiedene Zuschauergruppen angesprochen werden.


Natürlich müsse man sich bei jedem Format überlegen, was die beste Herangehensweise der Veröffentlichung ist, damit die Spannung bei linearen Zuschauern erhalten bleibt, die Gefahr von Spoilern nicht besteht. Das unterscheide die ARD-Mediatheken von reinen Onlineanbietern. Und das ginge nur, wenn entsprechende Onlinerechte vorliegen. „Gerade bei Koproduktionen mit nationalen und internationalen Sendepartnern ist dies bereits bei der Vertragsschließung genau abzustimmen.“ Tatsächlich werde noch dieses Jahr die Online-Quote von der TV-Forschung miteinberechnet, sodass die Sender wissen, wie viele Zuschauer insgesamt die Sendungen gesehen haben.


Dazu zählt auch die Nutzung nach linearer Ausstrahlung. Viele fragen sich, wie lange Serien/Filme in der Mediathek stehen. Eigentlich gibt es die Sieben-Tage-Regel, nach der Sendungen dort nur eine Woche bleiben dürfen. Das betrifft laut ZDF nicht Reihen, serielle Angebote und Mehrteiler. Die bleiben bis sechs Monate nach Ausstrahlung der letzten Folge im Angebot, wenn sie ein feststehendes Ende haben. „Bad Banks“ ist bis August verfügbar, der Montags-Film „Südstadt“ bis 24. Mai, „Nix Festes“ bis September. Die Verfügbarkeit hängt immer von den jeweiligen Rechten ab.


Demnächst dürfte rundfunkpolitisch in die Sache Bewegung hineinkommen. Nach einem Entwurf unter Federführung Sachsen-Anhalts für ein neues Telemediengesetz könnte die Sieben-Tage-Regel via Länderchefs abgeschafft werden. Außerdem soll europäische Lizenzware wie angekaufte Serien 30 Tage lang im Netz abrufbar sein. Noch mehr Zeitsouveranität für Serien- und Filmfans – dann ist es vielleicht nicht aus mit linearem Gucken, aber es wird noch irrelevanter.


„Bad Banks“, Donnerstag, Arte, ab 20 Uhr 15 die ersten drei Folgen

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