MEDIA Lab : Nur das Wetter schlägt Trump

Donald Trump ist das beste Beispiel, wie Medien in die Aufmerksamkeitsfalle geraten können.

Stephan Russ-Mohl
Dass ein politischer Nobody wie Donald Trump US-Präsident werden konnte, sei zuvorderst die Schuld von Medien und Journalisten, meint der Publizist Matthias Zehnder.
Dass ein politischer Nobody wie Donald Trump US-Präsident werden konnte, sei zuvorderst die Schuld von Medien und Journalisten,...Foto: Reuters/Kevin Lamarque

Die „Washington Post“ hat nachgezählt: Donald Trump hat in den ersten 406 Tagen seiner Amtszeit 2436 mal mit Falschaussagen oder missverständlichen Statements die Öffentlichkeit belogen oder zumindest fehlgeleitet. Der Schweizer Publizist Matthias Zehnder erinnert daran, dass die allermeisten Medien „dringend von einer Wahl des Polit-Neulings abgeraten“ hätten. Dann schiebt er allerdings seine steile These hinterher: Dass „ein politischer Nobody, dessen ganzer Wahlkampf aus Lügen, Hass und Pöbeleien bestanden hatte“, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt wurde, an diesem Großerfolg von Trump seien „ganz zuvorderst die Medien selber schuld. Und zwar konkret die Journalisten“.

Um den scheinbaren Widerspruch aufzulösen, sieht Zehnder seine Berufskollegen in der Aufmerksamkeitsfalle zappeln. Er weiß, wovon der redet, denn er ist einer der raren Grenzgänger zwischen Medienforschung und Medienpraxis. An den Werbedollars, so argumentiert Zehnder, könne es jedenfalls nicht gelegen haben, dass Trump gewonnen hat: Von den 342 Millionen Dollar, die im Wahlkampf für TV-Werbung ausgegeben wurden, stammten drei Viertel aus dem Clinton-Lager. Trump selbst war mit gerade mal 13 Prozent am TV-Werbeaufwand beteiligt. Die Journalisten hätten indes viel häufiger über ihn berichtet als über Clinton – mehr als über Trump hätten die Redaktionen nur zum Wetter offeriert.

Kampf um Aufmerksamkeit

Aus Sicht von Zehnder ist es der verschärfte Kampf um die Aufmerksamkeit von uns allen, der die Medien immer boulevardesker werden lässt. Und das ermögliche es letztlich Populisten wie Trump, Strache, Blocher, Le Pen und Gauland erst, mit ihren Provokationen die Journalisten vor ihren Karren zu spannen.

Zehnders Analyse bleibt auch stark im Abgang. Da wirft er die Frage auf, weshalb sich auch seriöse Medien wie „New York Times“, „Washington Post“ und CNN den Populismus-Effekten nicht entziehen könnten. Seine Antwort: „Weil die Art, wie Trump mit Fakten umgeht, für seriöse Medien ein echter Skandal ist.“ Was wahr sei, bestimme inzwischen der Stärkere. Und stärker sei, wer die Medien dominiere – „also der populistische Politiker“.

Matthias Zehnder (2017): Die Aufmerksamkeitsfalle. Wie die Medien zu Populismus führen, Basel: Zytglogge Verlag

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