Neuer Hörspieltrend : Ohrenkino auf Serienkurs

Mit großem Aufwand und prominenten Sprechern entstehen derzeit einige ambitionierte Hörspiele. Wie Ivar Leon Mengers "Ghostbox", das gerade produziert wird.

Im Studio: Ivar Leon Menger (re.), Autor und Regisseur des Hörspiels „Ghostbox“, bespricht mit Nico Sablik die nächste Szene.
Im Studio: Ivar Leon Menger (re.), Autor und Regisseur der Hörspielserie „Ghostbox“, bespricht mit Nico Sablik die nächste Szene....Foto: Sven Krohn/Audible


Mit Taxifahrern macht die Journalistin Lena Gruenwald nicht die besten Erfahrungen – diese aber auch nicht mit ihr. Einmal hat sie nicht genügend Geld dabei, ihre EC-Karte ist überdies gesperrt, sie prellt die Taxizeche per Flucht. Noch drastischer verläuft allerdings ein anderes Erlebnis gleich zu Beginn von Ivar Leon Mengers neuestem Hörspiel „Ghostbox“, das sich derzeit in der Endproduktion befindet und in das der Tagesspiegel reinhören konnte.

In der Einstiegsszene steigt jene Lena, die Autor und Regisseur Menger übrigens beim Tagesspiegel arbeiten lässt, in ein Taxi und weist den Fahrer an, sie zum Potsdamer Platz zu bringen. Statt dessen fährt er sie zur nächsten Polizeiwache – was aus seiner Sicht durchaus berechtigt ist: nicht nur, weil der Potsdamer Platz vom Heidelberger Hauptbahnhof sicherlich keine Kurzstrecke ist, wie Lena meint, sondern vor allem, weil sie ein Skalpell in der blutverschmierten Hand hält. Als sie später im Krankenhaus erwacht, attestiert eine Freundin schnell, dass Lena offenbar einen Blackout hatte. Wie im Kino-Film „Men in Black“ sagt sie zu Lena: „Du musst zurück, sieh in das helle weiße Licht“. Schnitt.

„Ghostbox“ wird Anfang 2019 bei Audible erscheinen, der Amazon-Tochter für Hörbücher und Hörspiele. Die Produktion steht für einen Trend, der von den Video-Streamingdiensten auf den Audiobereich ausgestrahlt hat: „Unsere Kunden wünschen sich mehr aufwendige Hörspielproduktionen als wir momentan anbieten können. Deshalb investieren wir alleine in Europa einen zweistelligen Millionenbetrag in die Entwicklung von Audible Original Hörspielen“, sagt Nils Rauterberg, Geschäftsführer des Amazon-Tochterunternehmens. „Wir setzen in Zukunft bei Hörspielen verstärkt auf Eigenproduktionen, für die wir Autoren beauftragen, Geschichten wie etwa Anfang 2018 ,Die Meisterin‘ von Markus Heitz oder aktuell ,Ghostbox‘ von Ivar Leon Menger exklusiv für Audible zu entwickeln.“ Dabei werden diese Hörspiele mit prominenten Sprechern besetzt. So wie bei „Erbarmen“ von Jussi Adler-Olsen mit Caroline Kebekus, Justus von Dohnányi, Denis Moschitto und Matthias Koeberlin.

140 Millionen Hörstunden abgerufen

Der Markt für Hörbücher und Hörspiele wächst stetig: 2017 wurden bei Audible in Deutschland mehr als 140 Millionen digitale Hörstunden heruntergeladen, eine Verdoppelung innerhalb von drei Jahren. Eine Hörspielproduktion ist dabei zehn bis zwanzig Mal teurer als die Herstellung eines Hörbuchs, Geld, das in mehr Sprecher, Postproduktion, Soundtrack, Geräusche investiert wird.
Die Arbeit an „Ghostbox“, das überdies als Serie angelegt ist, begann für Menger im Oktober 2017. Bis April wurde der Plot erstellt, von Mai bis August schrieb er die zehn Folgen, parallel wurde gecastet. Im Herbst ging es für fünf Wochen ins Studio, sieben Tage die Woche, danach Schnitt, die Post-Production und die Komposition der Musik.

Der qualitative Anspruch an Hörspiele ist gewachsen, „das Medium erlebt ja gerade ein Revival“, sagt Produzent Tommi Schneefuß. Die Nachbearbeitung ist für ihn eine Herzensangelegenheit. „Ich müsste das gar nicht machen, dafür gibt es fertige Apps. Aber ich mache das lieber von Hand.“ Die Sprachverständlichkeit ist sein oberstes Ziel. Musik und Geräusche um die Stimmen herum seien für Hörspiele extrem wichtig, „aber die Sprache muss sauber sein“. An einer Folge mit 60 Minuten schneidet er zweieinhalb bis drei Tage. „Dann sitzt es.“ Für die Atmosphäre mit Autos, Regen, Wind, in der Zeitungsredaktion ist Schneefuß ebenfalls zuständig. Der Geräuschemacher konzentriert sich auf Schritte und Kleidung. Der Trenchcoat des Kommissars erhält so zum Beispiel eine Columbo-Akustik. Allein für seine Arbeit wird der Geräuschemacher zwei Wochen benötigen.

Die junge Tagesspiegel-Praktikantin Lena (gesprochen von Yvonne Greitzke) stößt durch den überraschenden Tod ihres Bruders auf ein geheimes Forschungsprojekt der Uni Heidelberg. Dort hat man offenbar einen Weg gefunden, den Geist, also die Gedanken, Erinnerungen und das Selbst einer Person, via Datenupload praktisch unsterblich zu machen. Lena Gruenwald gerät bei ihren Recherchen in einen Strudel aus Vertuschungen, Intrigen und Mord – und selbstredend selbst in Gefahr.

Kreative Freiheiten bei Hörspielen

Menger, der auf der Berlinale 2002 in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ ausgezeichnet wurde, hat in den vergangenen 14 Jahren über 85 Hörspiele entwickelt und geschrieben und dabei Regie geführt. Am Medium Hörspiel schätzt er besonders die kreativen Freiheiten. In Film und Fernsehen gibt es nach seiner Meinung zu viele Vorgaben, es reden zu viele Leute mit.

In „Ghostbox“ steht für ihn die Frage im Vordergrund, was nach dem Tod kommt. „Wie kann ein Leben nach dem Tod aussehen? Und wie kann die Technik bei der Unsterblichkeit helfen?“, will er wissen. In seinem Hörspiel spielen alte und neue Technik eine Rolle. Es gibt einen alten Kommissar mit Block und Bleistift und einen jungen, der einfach „Hey, Siri, was ist Sulpirid?“ sagt. Auch Anna gehört der Generation Zukunft an, schreibt für Print und Online, unterhält sogar einen eigenen Youtube-Kanal.

Vom Genre her ist „Ghostbox“ sowohl Thriller als auch Science-Fiction, aber auch Mystery spielt eine Rolle. Eine ähnliche Box gibt es im Spiritualismus. Sie dient dazu, Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen. Aktuell versucht die KI-Forschung, den Geist in die Schachtel zu bekommen. „Die Frage ist: Was bedeutet es für die Menschheit, wenn unser Bewusstsein auf der Festplatte gespeichert wird? Wenn man unsterblich wird und die Seele so konserviert wird?“, fragt sich Menger. Für „Ghostbox“ hat er mit Medizinern, Neurologen und anderen Wissenschaftlern gesprochen.

Audible sucht derweil nach weiteren Original-Stoffen, hat gerade über einen so genannten „Call for Papers“ Drehbuchautoren, Radiomacher und andere Kreative zu Vorschlägen aufgefordert. „Für 2019 haben wir zahlreiche Produktionen geplant, darunter vier bis maximal sechs Blockbuster-Hörspiele mit Promibesetzung“, sagte Rauterberg. Bislang stehen zwei große Audible Originals für 2019 fest. Eines im Berlin der 20er-Jahre mit starken Frauenfiguren in den Hauptrollen, das andere Hörspiel aus der Feder eines bekannten Thriller-Autors. Zunächst aber steht Anfang des Jahres die Veröffentlichung von „Ghostbox“ auf dem Programm. Also, Taxifahrer, aufgepasst.

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