Wissenschaft,Fakten und Fake News : „Wir hören so viel Rauschen“

Die „Quarks“-Moderatoren Ranga Yogeshwar, Mai Thi Nguyen-Kim und Ralph Caspers über Wissenschaftsjournalismus im digitalen Zeitalter.

„Die Leute sind verdrossen, jetzt sind wir dran.“ Am Dienstag moderiert Ranga Yogeshwar, 59 (rechts), zum letzten Mal „Quarks“, das Wissenschaftsmagazin im WDR-TV (ab 20 Uhr 15), das er vor 25 Jahren gegründet hat. Seit 2010 wird das Magazin auch von Ralph Caspers, 46, („Wissen macht Ah!“) moderiert. 2018 stieß die promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim, 31, dazu, die für ihre Webvideos mehrfach ausgezeichnet wurde. Den Youtube-Kanal „maiLab“ betreibt sie für Funk, das Jugendangebot von ARD und ZDF.
„Die Leute sind verdrossen, jetzt sind wir dran.“ Am Dienstag moderiert Ranga Yogeshwar, 59 (rechts), zum letzten Mal „Quarks“,...Foto: WDR/K. Görgen

Herr Yogeshwar, in der „Quarks“-Sendung über den Abgasskandal stellten Sie im Februar fest, dass man auch mit Fahrverboten für Dieselfahrzeuge den Stickoxidgrenzwert nicht unterschreiten wird. Da haben die Gerichte wohl kein „Quarks“ geschaut.

YOGESHWAR: Das kann ich nicht beantworten, aber so etwas passiert uns oft. Wenn man sich mit Themen detailliert auseinandersetzt, kommt man häufig zu einer anderen Einschätzung darüber, was wirklich relevant ist. Beim Thema Luftverschmutzung ist es zum Beispiel der Abrieb von Autoreifen, der über 30 Prozent des Mikroplastiks ausmacht. Unsere Aufgabe ist es, unbestechlich und klar die Fakten zu prüfen.

Zum zehnten Geburtstag von „Quarks“ haben Sie gesagt, die Sendung sei der Beweis, dass man mit einem lausigen Titel auch überleben kann. Und: Die Redaktion wolle mit der Sendung über das Fernsehen hinaus wirken. Ziel erreicht?
YOGESHWAR: Teilziel erreicht. Als wir im Jahr 2003 zehn wurden, waren wir bereits sehr intensiv online unterwegs. Und wir haben damals die „Quarks Box“ an 3000 Schulen in NRW verteilt. Das waren Etappenziele. Ohne selbstgerecht zu sein: Es ist eine Menge passiert.

CASPERS: Ich wusste gar nicht, dass du den Titel damals nicht mochtest.

YOGESHWAR: Der Titel war eine Verhinderung von Schlimmerem. Damals gab es den Trend, alles zu personalisieren. Der Vorschlag der Kollegen war: „Rangas ... irgendwas“. Das lehnte ich kategorisch ab. Als gelernter Teilchenphysiker sagte ich: Wir wollen darauf schauen, was die Welt zusammenhält. Quarks sind die kleinsten Elementarbausteine, aus denen diese Welt besteht. Der Titel war ein Desaster, weil die älteren Zuschauer an „Quax, der Bruchpilot“ dachten und Laien mit dem Titel nicht verraten wurde, was sich in der Verpackung befindet. Aber wenn der Inhalt stimmt, ist irgendwann die Verpackung nicht so wichtig.

CASPERS: Der Titel wird jetzt auf WDR-Wissenschaftsformate im Radio und im Internet übertragen. „Quarks“ steht für gute Recherche.

NGUYEN-KIM: Man muss sich heute mehr denn je darauf besinnen, dass wir genau auf die Details schauen. Wir hören so viel Rauschen. Alle sind ja jetzt Wissenschaftsjournalisten, wenn man so will. Das Internet, in dem alle mitreden, ist schon eine Herausforderung. Aber das Schöne bei der Wissenschaft ist: Man kann es richtigstellen.

YOGESHWAR: Falsche Nachrichten verbreiten sich im Netz sechsmal schneller als richtige. In Indien sind nach dem Teilen von Meldungen über angeblichen Kindesmissbrauch zwei Dutzend Menschen gestorben. Wir erleben, wie soziale Medien das gesellschaftliche Miteinander extrem prägen, aber wir wissen nicht genau, wie diese Medien funktionieren.

NGUYEN-KIM: Es ist nachvollziehbar, dass sich falsche Meldungen leichter verbreiten, weil die Botschaften und die Titel aggressiv sind. Aber ich habe das Gefühl, wir bewegen uns auf eine Sättigung zu. Die Leute sind verdrossen – und jetzt sind wir dran.

"Quarks" im Ersten

Warum gibt es kein „Quarks“ im Ersten?
YOGESHWAR: Ja, das ist eine Unterlassungssünde. Wir reden ja nicht über akademische Wissenschaft. (Zu Nguyen-Kim und Caspers gewandt:) Eigentlich solltet ihr wöchentlich im Ersten – und zwar in der Primetime – zu sehen sein.

Frau Nguyen-Kim, Ihr „maiLab“-Kanal hat bei Youtube dreimal so viele Abonnenten wie „Quarks“.
YOGESHWAR (lacht): Das glaube ich nicht. Das ist Fake.

NGUYEN-KIM: „Quarks“ bei Youtube ist ja auch ganz neu.

Profitieren Sie bei „maiLab“ davon, wenn Sie „Quarks“ im Fernsehen moderieren?
NGUYEN-KIM: Das sind eher verschiedene Welten. Aber es macht Sinn, dass „Quarks“ sich crossmedial aufstellt und auch Fernsehinhalte auf Youtube online stellt, weil manche Leute vor allem Youtube und nicht in die Mediatheken schauen. Man sieht in den USA schon, dass Internet und Fernsehen immer mehr verschmelzen.

So verdient allerdings die Google-Tochter Youtube an Programmen öffentlich-rechtlicher Sender.
NGUYEN-KIM: Ich sehe das auch kritisch, weil es vielleicht nur eine Frage der Zeit ist, bis Youtube wieder eine neue strategische Entscheidung trifft, die nicht mehr einhergeht mit dem öffentlich-rechtlichen Verständnis. Klar, ich schalte keine Werbung bei „maiLab“, aber ich muss davon ausgehen, dass der Youtube-Algorithmus werbefreundliche Inhalte präferiert.

YOGESHWAR: Wir brauchen für diese Medien eine Offenlegungspflicht. Wer da was bei relevanten Themen im Hintergrund steuert, ist demokratisch relevant. Wer garantiert, dass irgendwann liberale Inhalte weiterhin vernetzt werden? Wir müssen eine echte Unabhängigkeit von Facebook, Google & Co. herstellen.

Früher hat man nur auf die Quote geachtet. Heute schauen Sie darauf, wie man Zuschauer über soziale Netzwerke gewinnt.
YOGESHWAR: Ja, man darf sich nur nicht zum Sklaven machen. Es geht um Journalismus, nicht darum, mit welchen Inhalten man den Algorithmus füttern muss. Es ist grundsätzlich so: Wir orientieren uns nicht am Zuschauer, sondern wir geben ihm Orientierungshilfe.

NGUYEN-KIM: All die Regeln, die man braucht, um bei Youtube Reichweite aufzubauen, sind nicht für Wissenschaft gemacht, sondern für Unterhaltungsformate. Aber bei „maiLab“ haben die Leute den Titel oder ein Foto gesehen und wollen es nun auch wissen. Die sind eher enttäuscht, wenn ich nur ein Drei-Minuten-Video drehe.

Dramaturgie einer Fernsehsendung

Ist „Quarks“ überhaupt noch eine klassische Fernsehsendung?
CASPERS: Ja, „Quarks“ hat immer noch die Dramaturgie einer Fernsehsendung. Es gibt ein Thema, das aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird und bei dem man in die Tiefe gehen kann. Das hat sich nicht groß geändert.

Sie erklären Komplexität seit langer Zeit schon im Kinderfernsehen.
CASPERS: Eigentlich ist es Ralph-Fernsehen. Egal ob „Maus“, „Wissen macht Ah!“ oder „Quarks“: Ich weiß, das klingt total arrogant, aber wenn ich keinen Spaß daran habe, wüsste ich nicht, warum ich das tun sollte.

Sind Kinder das dankbarere Publikum, weil sie neugieriger sind?
CASPERS: Kinder sind das härtere Publikum. Die sagen einfach: Das ist langweilig, ich gehe woandershin. Erwachsene sind eher so drauf: Vielleicht kommt da noch ein anderer Aspekt, da halte ich durch. Das machen Kinder nicht.

YOGESHWAR: Ralph bringt eine andere Facette und eine unglaubliche Community mit rein. Es gibt eine Generation, die kennt ihn seit ihrer Kindheit. Die schätzt seinen Humor, seine Art.

Frau Nguyen-Kim, wie waren die Reaktionen der „Quarks“-Zuschauer auf Ihre ersten Moderationen?
CASPERS: „Was ist mit Ralph passiert? Hat der auf einmal lange Haare?“

YOGESHWAR: „Ist das Rangas Schwester?“ Ich kenne dieses Phänomen. Als ich anfing, war ich der „Assistent von Jean Pütz“ oder dieser „komische Ausländer“. Fernsehzuschauer brauchen Zeit.

NGUYEN-KIM: Die Überschneidung ist nicht so groß zwischen denen, die mich aus dem Internet kennen, und dem klassischen „Quarks“-Zuschauer. Ich sehe mich nicht als nettes Gesicht, das einen Text vorträgt. Und dass ich mit meiner Überzeugung sehr gut in die Sendung passe, werden die Leute mit der Zeit schon merken.

YOGESHWAR: Mai ist extrem professionell. Gucken Sie sich mal die Moderationen meiner ersten „Quarks“-Sendungen an. Ich glaube, ich wäre durch jedes Casting gefallen.

NGUYEN-KIM: Im Internet zu überleben, heißt, sich nicht die ganze Zeit mit den Kommentaren zu meiner Sprechart, meinen Haaren oder sonst was zu befassen. Das interessiert mich nicht. Wenn jemand am Anfang etwas überfordert ist mit meiner Art und Weise – ich sehe das ganz entspannt. Der Inhalt zählt.

Das Gespräch führte Thomas Gehringer.

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