Meinung : „Am Ende war nur noch Brandenburg“

Bernhard Schulz

Seine Biografie des letzten deutschen Kaisers heißt auch im englischen Original schlicht „Kaiser Wilhelm II“. Christopher Clark hat sich regelrecht in Preußens Geschichte eingegraben. Der australische, 1960 in Sydney geborene Historiker, der seit 1990 Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College an der Elite-Uni Cambridge lehrt, hat sich vor allem mit dem 19. Jahrhundert in Preußens Geschichte befasst. Sein gerade veröffentlichter Überblick über die ganze Geschichte dieses eigentümlichen Staatswesens („Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947“, Deutsche Verlags-Anstalt) dürfte die Diskussion auf lange Zeit hinaus bestimmen – auf der „Spiegel“-Bestsellerliste ist er in dieser Woche damit bereits auf Platz neun geklettert.

Von den deutschen Diskussionen um Leistung und Versagen Preußens unbeeindruckt, hat sich Clark an die Grundfrage gewagt, wie dieser Staat, lange Zeit nur ein geografischer Flickenteppich, zu einer europäischen Großmacht reifen konnte – und schließlich im Bismarckreich von 1871 aufging. „Deutschland war nicht die Erfüllung Preußens, sondern sein Verderben“, lautet sein Fazit – konträr zum Verdammungsurteil der Kriegskoalition, die Preußen schuldig sprach und am 25. Februar 1947 von der Landkarte fegte.

Von 1985 bis 1987 hat Clark in Berlin studiert, in West-Berlin, „wo nichts Preußisches zu finden war“, wie er rückblickend feststellt: „Erst nachdem man sich am Grenzübergang Friedrichstraße durch die Drehkreuze gezwängt hatte, kam man ins Herz des alten Preußen.“ Es war indessen ein graues Preußen, das sich ihm darbot. Doch Nostalgie liegt Clark fern, Verklärung ist seine Sache nicht. Dazu kennt er die Wechselfälle der preußischen Geschichte zu gut, vor allem jenes „paradoxe Gefühl der Zerbrechlichkeit und Drangsalierung, das den preußischen Staat in jeder Phase der Vergrößerung ständig verfolgt hatte“. So urteilt er über Bismarcks Politik, der er in seinem Buch ein Kabinettstück an Geschichtsprosa widmet.

Ihn fasziniert, „wie es gelang, diesem abstrakten Staatswesen Leben einzuhauchen“, einem Gebilde, als dessen herausragendes Merkmal er die „zentrale Bedeutung des Staatsgedankens“ unterstreicht. Ein sehr unbritischer Gedanke – und so verwundert nicht, dass sich in Christopher Clarks quellenreiche Darstellung immer wieder leise Ironie mischt. Eben eine Liebe zu Preußen.