Die Angst vor dem R-Wort : Über Privilegien muss man reden– auch über die der Weißen

Warum es nötig ist, den eigenen Rassismus zu erkennen. Ein Kommentar nach dem Kommentar.

Ob blond, ob braun - sind wirklich alle gleich und alle privilegiert? Mesut Özils (zweiter von links) Austritt aus der Fußball-Nationalmannschaft hat eine Debatte über Rassimus in Deutschland ausgelöst.
Ob blond, ob braun - sind wirklich alle gleich und alle privilegiert? Mesut Özils (zweiter von links) Austritt aus der...Foto: Michael Probst/dpa

Es gibt Zeitungstexte, die schreiben sich nach dem Andruck weiter. Weil sie die, die sie lesen, treffen – und sie antworten. Die eine, weil sie das Gefühl hat, da habe jemand genau das ausgedrückt, was sie auch so sieht. Der andere, weil er sich geärgert hat oder richtig wütend ist.

Vor zwei Wochen stand an dieser Stelle ein Text über den Rassismus in uns allen. Noch immer kommen Reaktionen darauf, und sie sind durch die Bank eher wütend. Aber sie sind auch ziemlich lehrreich. Hier das, was die Autorin daraus gelernt hat.

Ich und Rassist? Absurd!

Erstens: Jeder und jede fühlt sich nicht nur persönlich angesprochen, sondern persönlich beleidigt: Ich und Rassist? Absurd! Was behaupten Sie da (sprich: über mich)? Das ist die Wut über einen vermeintlich erhobenen Zeigefinger. Dabei heißt „wir“ zu sagen, in der Regel erst einmal, sich selbst zu meinen. Im Text ging es auch ausdrücklich nicht um einen persönlichen Charakterfehler, sondern um etwas, was uns – also den Gesellschaften, die üblicherweise die westlichen genannt werden – seit Jahrhunderten mitgegeben, eingeflößt wird, was unsere Kultur durchtränkt.

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Vom minderen Wert oder der Gefährlichkeit der Nichtweißen erzählten unseren Eltern und Großeltern noch Rassentheorien. Bis heute machen das Romane, Werbeplakate, die nur weiße Kundschaft kennen. Aber auch die eigene Mutter, die sich im Bus nicht neben den schwarzen Mann setzt. Oder die Medien, die aus Großbritannien Analysen von Reden der Premierministerin senden und aus Kenia Menschenmassen, die nach einer Wahl aufeinander losgehen. Wenn praktisch auf allen Kanälen Nachrichten über Unter- und Überordnungssysteme gefunkt werden: Wer kann sich dem widersetzen? Absurd ist es doch eher zu glauben, man habe eine echte Chance, nicht zur Rassistin zu werden.

Wer über Privilegien nicht reden will, trägt dazu bei, sie zu erhalten

Rassismus persönlich zu nehmen, als Vorwurf ans eigene Ich, man habe versagt, sei mangelhaft, verschafft freilich die Chance, nicht über ihn reden zu müssen. An dieser Stelle beginnt dann allerdings wirklich Schuld. Wer nämlich, erst recht in einer immer vielfältigeren Gesellschaft, über Privilegien nicht einmal reden will, der arbeitet daran mit, dass sie erhalten bleiben. Und es ist nicht nur ungerecht und in nicht wenigen Fällen unmenschlich, wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung nur seiner Hautfarbe und seiner Namen wegen keine Wohnung bekommt, keine Einladung zum Bewerbungsgespräch oder auch nur schief angesehen wird. Das ist auch eine Last für die Gesellschaft insgesamt, weil es die Intelligenz und Fertigkeiten eines wachsenden Teils verschleudert und Frustration erzeugt, die sich in Depression entladen kann oder Aggression. Übrigens auch aufseiten der Privilegierten.

Die Abwertungskämpfe sind spätestens seit Thilo Sarrazin sicher auch Abwehrkämpfe gegen die berechtigten Ansprüche der Kinder der Nicht-Alteingesessenen. Weil die, denen bisher diese Welt gehörte, ahnen, dass sie Konkurrenz bekommen, dass Weißsein nicht mehr ewig die – natürlich unausgesprochene – Voraussetzung sein könnte, um Eintrittskarten zu dieser Welt zu bekommen. So wie Mann sein nicht mehr so selbstverständlich wie früher den exklusiven Zugang zu Macht, Geld, Status verschafft.

Reisen sind kein Gegengift gegen Rassismus

Auch hier wurde das Argument, dass rein männliche Vorstände schlicht durch bessere Leistung zustande kämen, irgendwann komplett unmöglich. Schließlich konnten die Naivsten sehen, dass vor der Auswahl der angeblich Besten fünfzig Prozent der Menschheit, die Frauen, schon einmal aussortiert und ihren Leistungen und Fähigkeiten zum Trotz auf Abstand gehalten worden war.

Ein weiteres wiederkehrendes Argument, sich die Auseinandersetzung mit Rassismus vom Leibe zu halten, ist der Verweis auf die eigenen internationalen Erfahrungen. Man hat in zehn Ländern weltweit gearbeitet und eine mongolische Schwiegertochter. Da sei es doch ein Witz, wenn...

Nein. Wenn Reisen und Arbeit in wechselnden Ländern ein Gegengift gegen Rassismus wären, dann hätten europäische Kolonialbeamte eigentlich den Imperialismus zu Fall bringen müssen. Sie waren aber, oft gebildet und mehrsprachig, seine Stützen. Sie profitierten schließlich vom System.

Wenn Herkunft keine Rolle mehr spielen soll, müssen wir über das R-Wort reden

Eigene Privilegien verteidigen, mag legitim sein. Spannend wäre aber, an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der Hautfarbe, Name und Herkunft keine Rolle mehr dafür spielen, welchen Platz man in ihr bekommt. Dafür muss man über das hässliche R-Wort aber erst einmal reden. Dank also an die Leser, die das getan haben. Wütend oder nicht.

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