Die Welt im Selfie : Sind wir nicht alle herrlich dumme Touristen?

Tourismus ist die Schwerindustrie unserer Tage. Sie baut die Welt um und hat unseren Blick verändert. Ein Lesetipp kurz vor den Sommerferien.

Wir und die Welt. Touristinnen vor dem Pariser Eiffelturm.
Wir und die Welt. Touristinnen vor dem Pariser Eiffelturm.Foto: Ludovic Marin/AFP

Noch eine Woche, dann sind Sommerferien. Badeanzug und Strandschmöker schon im Koffer? Sollten Sie nicht nur Urlaub, sondern sich auch Gedanken machen wollen über das, was Sie da tun, ist dieses Jahr Marco d'Eramos „Die Welt im Selfie“ erste Wahl. Nicht dass wir Touristen nicht schon ziemlich viel darüber wüssten: dass unsere Suche nach den letzten „unverfälschten“ Weltwinkeln eben die zerstört, dass die Ferienlofts von AirBnB die Berliner Mieten ebenso in die Höhe treiben wie unsereins die in Palma de Mallorca. Selbst dass die allgemeine Wut auf und Herablassung gegenüber Touristen immer nur den andern Touristen gilt, wissen wir doch inzwischen und machen uns beim Kaffee auf irgendeiner irrsinnig authentischen Calle oder Piazza über uns selber lustig.

Das Phänomen ist übrigens so alt wie der Tourismus selbst, schreibt d'Eramo. Stendhal erregte sich 1817 über sein Florenz, ein „Museum voller Ausländer“, die englische Stadt Bath ist schon in einem Briefroman von 1771 nicht mehr das, was sie einmal war, selbst das Las Vegas der 1960er Jahre wird Gegenstand der Nostalgie zweier Architekturkritiker, die die Stadt 30 Jahre später erneut besuchen.

Las Vegas, die letzte Industriemetropole

Las Vegas, für den Autor „eine der beeindruckendsten Städte, die ich je gesehen habe“, ist übrigens auch steinerner Beweis der zentralen These des Buchs: Die Tourismus-Industrie ist nicht irgendeine. Sie ist die Industrie des 20. und 21. Jahrhunderts, eine Schwerindustrie und, wie das Buch belegt, inzwischen die größte Umweltverschmutzerin. In den vergangenen 63 Jahren ist sie ums 50-fache gewachsen, sie verbaut weltweit Tonnen von Stahl und Beton in Hotels, Straßen, Skipisten, Ferienanlagen, Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen.

Die Großkasinos und Bettenburgen von Las Vegas sind zugleich die letzten Orte klassischer Industrieorganisation. Nur hier arbeiten noch Tausende Menschen so eng zusammen, dass sie organisierbar und streikfähig sind. Las Vegas, schreibt d'Eramo, war in den letzten 20 Jahren die US-Stadt mit den meisten Arbeitskämpfen. „In den anderen Branchen wurden Streiks mit der Drohung abgewendet, den ganzen Laden hinter die Grenze zu verpflanzen“: Aber anders als eine Elektronik- oder Autofabrik lässt sich ein Spielkasino nicht verlegen, „denn dann würde es das Label Las Vegas verlieren“.

In den Städten, die anders als Las Vegas nicht bereits für Tourismus gebaut wurden, erstickt die Schwerindustrie unserer Tage längst schon wirkliches städtisches Leben. Venedig hat die Stufen zum „Mausoleum mit Unterkunft anbei“ schon alle durchschritten, Barcelona, Paris, London, sieht d'Eramo auf dem Weg dahin. Eine entscheidende Rolle misst er dem Welterbestatus zu, den die UN-Kulturorganisation Unesco seit 1976 verleiht. Der mumifiziere lebendige Städte zu touristischen Themenparks. Weil das Welterbesiegel Konservierung vorschreibe, würge es Stadtentwicklung ab, die die brauchten, die in den Städten wohnen.

Wie das Internet dem Reisen den Garaus macht

Aber auch die Tage des Tourismus, wie wir ihn kennen, sind gezählt, prophezeit d'Eramo. Nicht nur bringt Reisen, wenn alle irgendwie zum Easyjetset gehören, kein Sozialprestige mehr. Zugleich löst die Lohnarbeitsgesellschaft sich auf und mit ihr jene Freizeit, „mit welcher der Massentourismus als universelles Phänomen unauflöslich verknüpft war“. Die Digitalisierung verändert unser Verhältnis zu Zeit und Raum, Menschen sind ganz nah einander fern – das handysurfende Pärchen im Café – genauso wie über Tausende Kilometer verbunden: in der Konferenzschaltung der Mailänder Architektin mit dem brasilianischen Designer.

Genießen wir also die nächsten Wochen eine der womöglich letzten Saisons, ob am Strand oder im Louvre. Die Schwerindustrie Tourismus kennt eh keinen wirklichen Unterschied zwischen Brutzeln auf Malle und bildungsbürgerlichen Studiosus-Touren. Nachhaltiger Tourismus, Bildungsreisen: Nach Lektüre mag man nicht mehr glauben, dass das, was auf italienisch einmal „vacanze intelligenti“ hieß, überhaupt möglich ist. Aber am Ende dieses provozierenden, klugen und unterhaltsamen Buchs wissen wir, neben vielem anderen, warum Venedigs Karneval die Disneylandisierung der Stadt schon im 18. Jahrhundert einleitete, wie es kam, dass Ohren und Nase in der Geschichte des Tourismus zugunsten der Augen abdankten. Und dass kein Mensch inzwischen mehr anders sehen kann – weil „der touristische Blick nichts anderes ist als der moderne Blick“. Mit Marco d'Eramos Selfie im Gepäck ist man intelligenten Ferien ziemlich nahe.

Marco d'Eramo: Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters. Aus dem Italienischen von Martina Kempter. Suhrkamp 2018, 26 Euro

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