Das fremde Andere zu respektieren ist die wahre Integrationsleistung

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Kontrapunkt : Die Linke und die Beschneidung - Konflikt der Ideale

Die Zurückhaltung in Kreisen derer, die sich ansonsten nicht eben Meinungsschwäche attestieren lassen, hat ihren Grund. Für rund vier Millionen Muslime und 110.000 Juden, die in Deutschland leben, hat das Urteil unmittelbare Folgen. Viele von ihnen nehmen es als Eingriff in ihre fundamentalen Rechte wahr. Keine Wunder, dass sie es in ihre Diskriminierungserfahrungen einreihen. Wären die Gastarbeiter aus islamisch geprägten Ländern gekommen, wenn sie gewusst hätten, dass die Pflege ihrer Traditionen mit dem deutschen Gesetz kollidiert? Wollen Juden, die in Deutschland leben, in Festtagsreden künftig weiterhin als Beweis dafür herhalten müssen, dass Deutschland sich gewandelt hat, während sie sich gleichzeitig wegen des Beschneidungsverbots gezwungen sehen, vor einem „Ende des Judentums in Deutschland“ zu warnen? 

In einem Aufsatz für die „Zeit“ hat der Philosoph Robert Spaemann gerade nachgewiesen, warum die Ablehnung religiöser Prägung in der Kindheit einem inhaltsleeren und unsinnigen Ideal folgt („Der Traum von der Schicksallosigkeit“). Denn den Nullpunkt im Leben eines Menschen gibt es nicht. „Wer Kinder von einem Leben auf dem Hintergrund einer göttlichen Dimension fernhält, der prägt sie atheistisch. Eine Welt ohne Gott, das ist ebenso eine Prägung wie eine Welt mit Gott. Der Gedanke, man müsse Kinder vor ,Fremdbestimmung’ bewahren, verkennt, dass ohne anfängliche Fremdbestimmung es nie eine Selbstbestimmung geben kann.“ 

Hoffentlich dämmert es langsam zumindest einigen instinktiven Unterstützern des Kölner Urteils, dass sich Toleranz und Multikulti manchmal nur durch eine größere Offenheit für Religiöses verwirklichen lassen. Gerade die Muslime in Deutschland definieren sich stark durch ihre Religion. Das fremde Andere in seiner Fremdheit stehen zu lassen, zu ertragen und zu respektieren, ist die wahre Integrationsleistung. 

Über die Gretchenfrage „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ könnte es folglich in der deutschen Menschen- und Bürgerrechtsbewegung zur Spaltung kommen. Einerseits in jene, die die xenophobischen Folgen ihrer Religionsaversion im Namen einer höheren Moral in Kauf nehmen. Andererseits in jene, die bestrebt sind, immer wieder neu einen Ausgleich zu finden zwischen Humanität und Diskriminierungsverbot. Entscheiden muss sich jeder selbst.

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