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Kontrapunkt : Schwarz und Grün: Einig in der Feigheit vor dem Feind

Die CDU hingegen weiß nach zwei Jahren schwarz-gelber Lotterwirtschaft überhaupt nicht mehr, wie sie ihren "bürgerlichen" Anspruch geltend machen soll, wenn nicht durch gelegentliche Anspielungen auf den grünen Bürgerschreck, den es längst nicht mehr gibt - oder nur so viel und so wenig wie im Umfeld der CDU selbst.

Verdrießlich ist das nicht etwa, weil Schwarz-Grün die hoffnungsvollste Vision für diese Republik wäre. Das kann sie kaum sein. Solange weder schwarze noch grüne Vorkämpfer auf offener Bühne dafür eintreten. Doch die neue Vielfalt im Parteiensystem erfordert eine neue Transparenz der politischen Debatte, wenn die wichtigen Entscheidungen nicht mehr und mehr von den Wählern auf die Parteien übergehen sollen. Über die künftige Politik können Wähler ja nur entscheiden, wenn vor der Wahl erkennbar wird, wie Sachvorschläge und Konzepte von Parteien sich in Koalitionspräferenzen abbilden. Wer alles offen hält, nimmt den Bürgern die Möglichkeit der Richtungsentscheidung.

Kretschmann macht den feinen Unterschied zwischen grundsätzlichen Konstellation und konkreten politischen Entscheidungen, den Schwarz und Grün verwischen möchten. Grundsätzlich sollten alle demokratischen Parteien untereinander koalitionsfähig sein. In den Kreis dieser Parteien gehören die Grünen (anders als die Linke) nach zahllosen realpolitischen Häutungen längst. Siehe Schwarz-Grün in Hamburg oder Schwarz-Grün-Gelb im Saarland.

Koalitionsfragen werden aber immer in ihrer Zeit und nach konkreten Fragen entschieden. Sozialliberal war einmal ein wegweisendes Bündnis; heute sind FDP und SPD sich spinnefeind. Alles offen zu halten, ist auch ein großes Risiko für die Parteien. Vor allem für die Grünen. Alle Wahlforscher sagen ihnen nämlich, dass die Zugehörigkeitsgefühle zu den politisch-kulturellen Lagern viel stabiler sind als das öffentliche Koalitionspalaver glauben macht. Deshalb reagiert ausgerechnet die nervöse SPD auf Kretschmanns Interview halbwegs gelassen. Die Grünen haben Gründe, sich vor allzu viel Nähe zur CDU zu fürchten. Ein deutliches Ja zum Atomausstieg aber wäre Ausdruck ihrer über viele Jahre erkämpften politischen Souveränität.