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Medien und Skandale : Bis zum Platzen aufgeblasen

Skandalisierungen beruhen fast immer auf Dramatisierungen. Besonders deutlich wird das bei Umwelt- und Lebensmittelskandalen. Während der Skandalisierung der BSE-Infektionen von deutschen Rindern wurden wochenlang erschreckende Bilder von kranken, sterbenden und toten Tieren gezeigt. Nach der Einführung von BSE-Tests berichteten die Medien ausgiebig über die Zahl der positiv getesteten Rinder. Die entscheidende Information fehlte jedoch fast immer - die Zahl der getesteten Rinder. Als die Medien die Bevölkerung mit der Meldung beunruhigten, dass jetzt bereits 125 Rinder positiv getestet worden waren, waren insgesamt 2 800 000 Tiere getestet worden. Die Wahrscheinlichkeit der Infizierung eines Rindes betrug 0,004 Prozent. Wie wahrscheinlich war es danach, dass man durch Rindfleisch an der für Menschen typischen Variante von BSE erkrankt? Die genaue Antwort ist bis heute unbekannt. Eine sachlich richtige Antwort hätte aber lauten können: Es ist gefährlicher zu heiraten als Rindfleisch zu essen, weil man eher vom eigenen Partner ermordet wird, als dass man durch Rindfleisch ums Leben kommt.

Was ist die Ursache solcher Übertreibungen, die man in anderer Form auch bei politischen Skandalen findet? Liegt es an der generellen Neigung von Journalisten zu Übertreibungen? Das ist nur bedingt richtig. Zwar hält etwa jeder vierte Journalist überspitzte Darstellungen für vertretbar, fast genau so viele finden sie aber nicht akzeptabel. Eine generelle Bereitschaft zur Dramatisierung lässt sich daraus nicht ableiten, zumal für jeden zweiten Journalisten überspitzte Darstellungen nur in Ausnahmefällen vertretbar sind. Die entscheidende Rechtfertigung in den Augen der zögerlichen Journalisten ist die Beseitigung eines Missstandes. Dann halten mehr als zwei Drittel der Journalisten Übertreibungen für vertretbar. Deshalb können Journalisten, die Missstände übertreiben, mit dem Wohlwollen ihrer Kollegen rechnen. Das ist eine Ursache der großen Zahl von Skandalen. Andere Gründe sind der zunehmende Wettbewerb zwischen den Medien und der Generationswechsel in den Redaktionen. Für die Jüngeren sind die erfolgreichen Skandalisierer der Vergangenheit Vorbilder, denen sie gelegentlich auch dann nacheifern, wenn es um Lappalien geht.

Die Bereitschaft zur übertriebenen Darstellung von Missständen beruht auf einer Kette von unausgesprochenen Annahmen. Der Missstand muss tatsächlich so groß sein, wie er im Moment erscheint. Seine publizistische Übertreibung muss wirklich die beabsichtigten Folgen auslösen. Die Folgen der Übertreibungen müssen allgemein als positiv eingeschätzt werden. Zudem darf die Übertreibung keine unbeabsichtigten negativen Folgen haben. Das ist allerdings oft so. Als Folge der Dramatisierung von BSE ging die Nachfrage nach Rindfleisch um über 50 Prozent zurück. Etwa 80 000 Rinder wurden auf Kosten der Steuerzahler getötet und zur Stützung des Marktes verbrannt, obwohl sie nicht infiziert waren. Die Bundesanstalt für Arbeit verzeichnete auch deshalb in ihrem Haushalt ein Milliardenloch, weil aufgrund des BSE-Skandals die Kurzarbeit stark zugenommen hatte. Wegen falscher Warnungen beim Ehec-Skandal brach der Markt für mehrere Gemüsesorten ein und bedrohte die Existenz von zahlreichen Landwirten. Deshalb zahlte die EU-Kommission Hilfsmittel in Höhe von 227 Millionen Euro. Weit darüber hinausgehen werden die finanziellen Folgen des überhasteten Ausstiegs aus der Kernenergie in Deutschland nach der berechtigten Skandalisierung und fragwürdigen Generalisierung der Reaktorkatastrophe in Japan.

Ähnlich problematische Folgen haben politische Skandale. Sie stärken nicht das Vertrauen in die Selbstreinigungskraft der politischen Systeme, sondern schwächen es. So glaubten vor dem CDU-Spendenskandal und dem SPD-Bestechungsskandal in NRW 58 Prozent der Bevölkerung, politische Entscheidungen würden durch Spenden erkauft. Einige Jahre danach waren es 72 Prozent. Die wachsende Zahl der politischen Skandale in Deutschland und den USA geht seit Jahrzehnten einher mit einer zunehmenden Politikverdrossenheit. Zwar kann man nicht beweisen, dass die Politikverdrossenheit eine Folge der Skandale ist. Man kann aber ausschließen, dass sie das Vertrauen in das politische System gestärkt haben.

Skandale sind an sich weder nützlich noch schädlich. Ihr Nutzen oder Schaden hängen vielmehr von zwei Größen ab. Erstens vom Ausmaß der Missstände. Je kleiner die Missstände sind, desto fragwürdiger ist ihre Skandalisierung. Zweitens von den negativen Nebenwirkungen der Skandale. Je größer sie sind, desto fragwürdiger ist die Skandalisierung von Missständen. Betrachtet man diese Sachverhalte im Zeitverlauf, kann man feststellen: Je kleiner im Laufe der Zeit die skandalisierten Missstände wurden und je größer die negativen Nebenfolgen der Skandale ausfielen, desto eher überwogen die Nachteile die Vorteile. Das trifft heute auf die meisten westlichen Industrienationen zu. Skandale sind dort nicht mehr die Krönung des ebenso schwierigen wie wichtigen investigativen Journalismus. Sie sind vielmehr gelegentlich notwendige Ausnahmefälle. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Der Autor ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik in Mainz. Von ihm erschien zuletzt "Die Mechanismen der Skandalisierung“ (Olzog Verlag, 24,90 Euro).

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