100 Jahre Save the Children : Jedes Kind zählt – immer, überall

420 Millionen Mädchen und Jungen werden in Kriegen oder Konflikten groß. Hassan ist einer von ihnen. Wir erzählen seine Geschichte.

Antonia Rados
Verlorene Generation: Das Ausmaß und die Intensität der Gewalt gegen Kinder im Krieg nimmt zu.
Verlorene Generation: Das Ausmaß und die Intensität der Gewalt gegen Kinder im Krieg nimmt zu.Foto: Save the Children

Der Junge hieß Hassan, obwohl er sich vielleicht inzwischen – nach seinem dramatischen Leben, seiner Gefängnisstrafe in Berlin – umbenannt hat. Möglicherweise heißt er nun John oder gar Donald, denn er vergötterte die Amerikaner, imitierte ihren Slang und schlürfte in einem fort Coca-Cola, was mir auf die Nerven ging.

Als ich Hassan kennenlernte und mich später um ihn kümmerte, kannte er nur eine Art von Amerikanern: die Softdrinks verteilenden Besatzungssoldaten in seiner Heimatstadt Bagdad. Er wuchs als „Besatzungskind“ auf, wurde durch zahllose raue GIs – nicht schlechter, jedoch auch nicht besser als andere occupation forces – stärker geprägt, als es für einen Achtjährigen gut sein kann. Falls er überhaupt so alt war.

In seinen Dokumenten stand das in der Region Naher Osten übliche Geburtsdatum: der 1. Januar und das Jahr 1995. Ich kenne Dutzende Iraker, Afghanen oder Ägypter, die alle am ersten Tag des Jahres geboren wurden. Offenbar machen sich Beamte nirgendwo die Mühe, festzustellen, wann ein Kind tatsächlich zur Welt kam, genauso wenig stimmen oft die Namen der Eltern.

Andere Dinge waren bei Hassan klarer – wie die Zahl seiner Geschwister, sieben, das arbeitslose Dasein seines phlegmatischen Vaters, die Wohnung nicht weit entfernt von dem Hotel in Bagdads Zentrum, wo wir Journalisten im April 2003 die einmarschierenden US-Marines zu Gesicht bekamen und wo der kleine Hassan – ausgerüstet mit einem Schuh – begeistert auf die umgefallene Statue von Saddam Hussein einschlug. Jeder kennt diese Szene.

Bereits in den Wochen zuvor hatten wir Reporter ihn mit Sandwiches versorgt. Den kleinen Jungen, der in den Kampfpausen auf dem Hotelparkplatz auftauchte, um unsere Schuhe zu putzen – damals noch nicht, um sie für Racheaktionen zu missbrauchen. Er sah immer hungrig aus. So lernte ich den angeblich Achtjährigen, der aussah wie ein Zwölfjähriger, kennen.

Bagdad, Juli 2003: Wie Hassan putzen diese Jungen GIs die Schuhe, um sich Geld zu verdienen.
Bagdad, Juli 2003: Wie Hassan putzen diese Jungen GIs die Schuhe, um sich Geld zu verdienen.Foto: Norbert Schiller/dpa

Er spielte Fußball zwischen zerbombten Häusern

Hassan ist nur eines von vielen Kindern auf der ganzen Welt, die in einem Kriegsgebiet groß werden. Nur einer von vielen Jungen, die zwischen zerbombten Häusern leidenschaftlich Fußball spielen. Er riss Witze, war überhaupt ein Schlaumeier, ein Überlebenskünstler wider Willen. Hassan ist nichts besonders. Er ist – bildlich ausgedrückt – überall zu finden; man muss sich als Reporterin in einem Kriegsgebiet nicht einmal lange umsehen.

420 Millionen Kinder weltweit leben aktuellen Zahlen von Save the Children zufolge in einer Konfliktregion – knapp 30 Millionen mehr als noch 2016. Somit ist fast jedes fünfte Kind der Welt von einem Krieg oder Konflikt betroffen.

Während einer Reportage im Frühjahr 2018 beobachtete ich in der jemenitischen Stadt Aden, in einem Chaos sondergleichen, beinahe identische Kopien von Hassan, nur waren es dort die Söhne von Kriegswitwen. Sie schickten ihre Jungs zum Betteln auf die Straße. Wer Kinderarbeit in Konfliktgebieten verurteilt, darf nicht vergessen: Wenn es nicht genug zu essen, kaum medizinische Versorgung und keine Schulen gibt, dann haben Familien kaum eine Wahl, dann sind kleine Bettler leider eine Notwendigkeit.

Antonia Rados 2006 im Kongo. Kurz zuvor lernte sie in Bagdad Hassan kennen.
Antonia Rados 2006 im Kongo. Kurz zuvor lernte sie in Bagdad Hassan kennen.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Wenige Monate nach meiner Jemen-Reportage erzählte mir im Viertel Nr. 3 der afghanischen Hauptstadt Kabul in einem einfachen, kalten Raum eine Großmutter, sie müsse sich nun um ihre sechs Enkelkinder kümmern. Ihr Sohn, ein Polizist, sei bei einem Anschlag gestorben. Renten sind ein Fremdwort am Hindukusch. Auch das Wort „Kita“ habe ich in der gesamten Welt außerhalb Europas noch nie gehört. Vor Kurzem sagte ein französischer Politiker, wir müssten uns besser um unsere Kinder kümmern, denn in den ersten 1000 Tagen würden die Weichen für ihre Zukunft gestellt. Man sollte annehmen, dass diese einleuchtende Regel nicht allein in Europa gilt, oder?

Im Vergleich zu den Scharen bettelnder Kinder überall auf der Welt war Hassan allerdings um einiges besser dran. Er besuchte jeden Morgen, wenn er nicht gerade barfuß ein Fußballmatch bestritt, ein schäbiges Gebäude in Wohnungsnähe, das sich Schule nannte. Als ich dort einmal unerwartet auftauchte, tobten Hunderte Jugendliche jeden Alters unbeaufsichtigt in ihren Klassenzimmern herum, während der einzige anwesende Lehrer sich im Hof mit einer Zigarette beruhigte.

Wenigstens war er kein Kindersoldat, wie so viele andere

Hassan war lernwillig, konnte aber niemals so richtig lesen und schreiben. Er hatte kein Sitzfleisch, keinen inneren Radar. Der Junge, würden Psychologen sagen, litt unter dem ADHS-Syndrom; er war hyperaktiv. Laut seiner Mutter hatte diese Unruhe begonnen, nachdem Hassan im Sommer 2004 beinahe ein Jahr lang in der sogenannten Grünen Zone – einem von US-Truppen befestigten Areal in Bagdad – verschwunden war. Was er dort getrieben hatte, war nie aus ihm herauszukriegen. Doch seine Mutter vermutete, dass er eine Art Maskottchen der amerikanischen Soldaten gewesen war und ihnen nebenbei allen möglichen Kram verkauft hatte. Die Zone, in der es damals ständig Attentate durch Aufständische gab, war nicht gerade der richtige Spielplatz für einen Jungen. Das Soldatenleben bekam ihm genauso wenig. Nach seiner Rückkehr sprach Hassan breites, beeindruckendes Kriegs-Amerikanisch. Heißt: Er fluchte bei jedem zweiten Satz.

Zumindest war aus ihm kein Kindersoldat geworden wie aus anderen in Jemen, Syrien oder Somalia.

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