Spuren wiesen ins rechtsextreme Milieu

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35 Jahre nach Oktoberfest-Attentat in München : Ermittlungen zu Wiesn-Attentat werden neu aufgerollt
Matthias Maus
Selbstmordattentäter. Um 22.19 Uhr zündete Gundolf Köhler 1,39 Kilo TNT. Obwohl es Spuren ins rechtsradikale Milieu gab, sprachen die Behörden stets von einem Einzeltäter.
Selbstmordattentäter. Um 22.19 Uhr zündete Gundolf Köhler 1,39 Kilo TNT. Obwohl es Spuren ins rechtsradikale Milieu gab, sprachen...Foto: Frank Leonhardt, p-a/dpa

Es ist ein Freitag damals, Sperrstunde auf der „Wiesn“, viele Menschen machen sich auf den Heimweg. Um 22.19 Uhr explodiert nahe dem Haupteingang eine Bombe, 1,39 Kilo TNT in einer aufgesägten britischen Granate, ein komplizierter Mechanismus. 13 Menschen sterben, darunter drei Kinder, 211 werden verletzt, 68 schwer, so wie Renate Martinez: „Ich spürte einen Stoß. Meine Haare brannten, ich flog durch die Luft, und dann lag ich da – anderthalb Stunden lang.“

Im Chaos von Blut und Trümmern finden die Ermittler den Ausweis von Gundolf Köhler, einem 21-jährigen Geologie-Studenten aus dem schwäbischen Donaueschingen. Er kann nur anhand von Kleiderresten identifiziert werden. Er hatte sich direkt über die Bombe gebeugt. Sein Name findet sich im Nadis, dem Computer-Fahndungsprogramm des Verfassungsschutzes. Köhler war Mitglied der rechtsradikalen Wiking-Jugend, er hatte 1976 und 1977 mindestens zwei Übungen mit der paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann mitgemacht. Dem Chef der rechtsradikalen Organisation, Karl-Heinz Hoffmann, hatte Köhler geschrieben, er wolle in Donaueschingen eine Zelle aufbauen.

Am Tag nach der Tat, als Köhlers Verbindungen zur Wehrsportgruppe Hoffmann bekannt werden, übernimmt Generalbundesanwalt Kurt Rebmann die Ermittlungen. Die Ermittlungsarbeit macht die 50 Mann starke Sonderkommission Theresienwiese des Bayerischen Landeskriminalamts (LKA).

Trotz der Spur ins rechtsradikale Milieu finden die Ermittler keine Mittäter. Stattdessen stützen sich die Beamten auf den einen Zeugen, der Köhler als sozial isolierten, frustrierten Zeitgenossen schildert. Andere Zeugen, die dem widersprechen, auch solche, die Köhler unmittelbar vor der Tat mit anderen Männern streiten sahen, werden ignoriert. Lieber glauben die Ermittler dem einzigen Bekannten, der einen politischen Hintergrund ausschließt – und der das bemerkenswerte Motiv vom „ Universalhass“ formuliert. Köhler allein habe die Bombe im Keller des elterlichen Hauses gebaut, er allein habe sie in selbstmörderischer Absicht gelegt.

Es gab keine Mittäter, erklärte die Anklagebehörde

Dass Köhler am Tag nach dem Attentat mit seiner frisch gegründeten Band üben wollte, dass er im Sommer 1980 einen Bausparvertrag abgeschlossen und 800 Mark eingezahlt hatte, dass er ein reges Sozialleben führte, das fiel unter den Tisch. Im Mai 1981 schloss die Soko Theresienwiese ihre Akten. Im November 1982 folgt Rebmanns Generalbundesanwaltschaft. Der „ursprünglich gehegte Anfangsverdacht“, am Attentat seien weitere Personen beteiligt gewesen, habe sich „nicht erhärten lassen“, erklärt die Anklagebehörde.

Genau erinnert sich Renate Martinez an die Sekunde, als sie von der Druckwelle durch die Luft geschleudert wurde, „Noch im Fliegen dachte ich: Das werden sie wieder den Linken in die Schuhe schieben.“ Den Versuch hat es gegeben.

Das Attentat fällt zusammen mit der Endphase des Wahlkampfs. Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) gegen Franz Josef Strauß. Das Thema innere Sicherheit ist nach dem RAF-Terror das Thema des Herausforderers von der CSU. Gleich nach dem Attentat nennt Strauß Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) einen „Unsicherheitsminister“. Baum habe „schwere Schuld auf sich geladen“, weil er den Terrorismus verharmlost habe. Doch der Angriff geht nach hinten los. Im Januar 1980 hatte Baum die Wehrsportgruppe Hoffmann als verfassungsfeindlich verboten. Die CSU-Staatsregierung in Bayern hatte Vorstöße der SPD-Opposition zu einem solchen Verbot mehrmals gestoppt. Strauß hatte die 1974 gegründete Organisation, die in Wehrmachtsuniformen und mit Platzpatronen in den Wäldern Oberfrankens Krieg spielte, als ungefährlich bezeichnet. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung.

Bemerkenswert bleibt, wie schnell nach der Tat Köhlers Verbindungen zu Hoffmann publik wurden und dass ausgerechnet ein wichtiger Mann im Regierungsapparat von Strauß dafür verantwortlich war. Schon am Tag nach dem Anschlag tauchten in Köhlers Heimatstadt Donaueschingen Journalisten auf, suchten nach Freunden Köhlers und nach Fotos. Der Name Köhler war da in der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt.

Durchgestochen hatte die Info der schillernde Chef des bayerischen Staatsschutzes, Hans Langemann an Journalisten der CSU-freundlichen Springer- und Bauer-Presse. Warum? „Der Generalbundesanwalt erlässt eine absolute Nachrichtensperre, im selben Moment gibt Langemann die Info über Gundolf Köhler raus“, wundert sich Ulrich Chaussy.

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