Ärger über Putin in Jerusalem : „Israel verkauft die Erinnerung an den Holocaust“

Wladimir Putin hat in Israel mit seinem Agieren beim Holocaust-Gedenken für Verstimmungen gesorgt - und eine ARD-Reporterin trifft den falschen Ton.

Benjamin Netanjahu, Wladimir Putin und Frank-Walter Steinmeier treffen beim Holocaust Forum aufeinander.
Benjamin Netanjahu, Wladimir Putin und Frank-Walter Steinmeier treffen beim Holocaust Forum aufeinander.Foto: dpa

Frank-Walter Steinmeier wirkt erleichtert wie selten, auf dem Rückflug von Jerusalem nach Berlin. Der Bundespräsident hat den richtigen Ton getroffen, die Hebräisch-Passagen haben geklappt. Was für eine Geste, als Israels Staatspräsident Reuven Rivlin ihn umarmt hat nach seiner nichts relativierenden, das Erstarken eines neuen Antisemitismus nicht verschweigenden Rede in Yad Vashem. Leider gibt es wohl kein Foto von dieser historischen Szene – 75 Jahre nach der Befreiung des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz im besetzten Polen.

Steinmeier wird es am Montag zum ersten Mal besuchen – und dort Rivlin wiedersehen. Weniger zufrieden mit dem Holocaust-Gedenktag sind andere Teilnehmer, die wegen Wladimir Putin lange warten mussten und vorzeitig die Veranstaltung verließen, darunter Emmanuel Macron und US-Vizepräsident Mike Pence.

In Israel wird kritisiert, dass ein Schatten auf dem Ereignis liege. "Israel verkauft die Erinnerung an den Holocaust an die Interessen fremder Nationen", schreibt die Zeitung "Haaretz". Im Fokus der Kritik: Putin. Der konstruiere unwidersprochen seine eigene Wahrheit. "Es ist wahr, dass die Sowjetunion Auschwitz vor 75 Jahren befreit hat. Aber die Sowjetunion hat auch einen Pakt mit Nazi-Deutschland unterzeichnet, der den Weg zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieg sechs Jahre zuvor ebnete – eines Krieges, in dem ein Resultat Auschwitz war", kommentiert "Haaretz".

Russlands Präsident Putin und Israels Premier Netanyahu eröffnen ein Mahnmal für die Opfer der Blockade Leningrads.
Russlands Präsident Putin und Israels Premier Netanyahu eröffnen ein Mahnmal für die Opfer der Blockade Leningrads.Foto: VIA REUTERS

Putin hat in Jerusalem alle Zeitpläne durcheinandergebracht und Israels Regierung hat sich vielleicht zu wenig dagegen gestemmt. Premier Benjamin Netanjahu war fokussiert auf etwas, das ihm im aktuellen Wahlkampf helfen soll. So traf sich Putin in Jerusalem zunächst mit der Mutter von Naama Issachar, einer jungen Israelin, die im April in Moskau festgenommen und zu 7,5 Jahren Haft verurteilt wurde, weil in ihrem Gepäck 9,5 Gramm Cannabis gefunden wurden. Der Fall belastet die Beziehungen – Medien vermuten einen Zusammenhang mit der Auslieferung eines russischen Bloggers von Israel an die USA. Überall in Jerusalem hängen Plakate mit der Aufschrift „Bringt Naama nach Hause“. Putin versprach, dass „alles gut“ werde. Eine Lösung könnte Netanjahu bei der Wahl am 2. März helfen – im dritten Anlauf will er eine Regierungsmehrheit schaffen.

Das World Holocaust Forum mit Vertretern aus 48 Staaten war die bisher größte politische Veranstaltung in der Geschichte Israels.
Das World Holocaust Forum mit Vertretern aus 48 Staaten war die bisher größte politische Veranstaltung in der Geschichte Israels.Foto: imago images/UPI Photo

Nicht nur das brachte die Abläufe in Jerusalem ins Wanken – es folgte noch eine pompöse Festveranstaltung, mit der Putin und Netanjahu im Sacher-Park, wo sie ein Mahnmal für die Hunderttausenden Opfer der deutschen Blockade Leningrads einweihten. Die Staats- und Regierungschefs sowie viele hochbetagte Überlebende mussten deshalb beim World Holocaust Forum (WHF) über eine Stunde auf dessen Beginn warten. Mitbegründer, Organisator und Finanzier des WHF ist der russische Oligarch Wjatscheslaw Mosche Kantor – dem gute Verbindungen zu Putin nachgesagt werden.

Mit an Bord auf Steinmeiers Rückflug ist übrigens auch eine Hörfunk-Korrespondentin der ARD, die sich zurück in Berlin mit einem veritablen Proteststurm im Internet konfrontiert sieht. Sie hatte vor dem Abflug einen Kommentar für tagesschau.de geschrieben, in dem sie die Rolle Russlands und Israels kritisiert, die hätten jenseits von Yad Vashem "ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty" gefeiert, den Gedenktag gekapert. Sie trifft einen falschen, missverständlichen Ton. Bei sechs Millionen jüdischen und mindestens 26 Millionen Opfern in der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ist an solchen Tagen mehr Taktgefühl geboten.

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