Agenda-Konferenz 2019 : Lernen, wie man immer wieder neu lernt

Deutschland fit machen für New Work: die Ideen der FDP-Bundestagsfraktion für die Zukunft der Arbeit. Ein Gastbeitrag.

Johannes Vogel
In einer digitalen Welt reicht es nicht mehr, einmal etwas zu lernen.
In einer digitalen Welt reicht es nicht mehr, einmal etwas zu lernen.Foto: Andrea Warnecke/dpa

Was sind die relevanten Themen für die Politik im nächsten Jahr? Antworten gibt die Tagesspiegel-Konferenz „Agenda 2019“ am 19. November. Im Vorfeld skizzieren Parteienvertreter an dieser Stelle ihre Ideen für zentrale Themen:

Arbeiten im Café, im Zug oder von der heimischen Terrasse aus. Immer mehr Menschen haben die Chance, mobil etwas zu erledigen, was vorher nur in starren Zeitfenstern und an festen Orten möglich war: zu arbeiten. Ein Beispiel dafür, wie der digitale Wandel uns mehr Selbstbestimmung ermöglicht. Und immer mehr Menschen nutzen diese Möglichkeiten – und zwar gerne, weil es für sie einen Gewinn an Freiheit bedeutet. Schaut man sich die öffentlichen Debatten zur neuen Arbeitswelt aber an, so sind diese fast immer negativ konnotiert: Selbstausbeutung, Dauererreichbarkeit, Burn-out, der Einsatz von Roboter-Armeen und damit verbunden die Angst vor dem Jobverlust. Selbst große deutsche Nachrichtenmagazine sind davor nicht gefeit: „Die Computer-Revolution: Fortschritt macht arbeitslos“, „Sie sind entlassen! Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen“ - „Spiegel“-Titel der vergangenen Jahrzehnte. Unterschätzt wird das Positive. Hierzulande wird bereits kräftig automatisiert und digitalisiert. Das Ergebnis: Rekordbeschäftigung und steigende Reallöhne. Aber Ausruhen gilt nicht, es muss der Leitgedanke einer modernen Arbeitsmarktagenda sein, die Chancen des digitalen Wandels zu gestalten. Kurz: Wir müssen Deutschland fit machen für New Work!

Das bedeutet das Versprechen an jede und jeden, durch ein Bildungssystem für das ganze Leben am digitalen Wandel gut teilhaben zu können. Staat und Volkswirtschaft müssen Weiterbildung als zentrale Herausforderung annehmen, auch die Universitäten müssen wir im großen Stil dafür öffnen. In einer digitalen Welt reicht es nicht mehr, ein Mal etwas zu lernen. Man muss lernen, wie man immer wieder neu lernen kann. Nur: Bildungsauszeiten muss man sich auch leisten können. Warum hierfür nicht einen Rechtsanspruch zur steuerfreien Entgeltumwandlung für ein Bildungssparen schaffen? Mit den Langzeitkonten für Beschäftigte gibt es schon ein Instrument, das man umbauen und für alle Erwerbstätigen öffnen könnte – so entstünde auch mehr Zeitsouveränität für Auszeiten und Co. Alle Menschen müssen die dafür notwendigen finanziellen Mittel in die Hand bekommen, auch die ohne hohes Einkommen. Warum also nicht ein „Midlife-BAföG“ einführen? Das BAföG hat der Breite der Bevölkerung die Universitäten geöffnet. Warum sollte das nicht auch bei der Weiterbildung funktionieren?

Und es geht um mehr Selbstbestimmung. Das Arbeitszeitgesetz stammt aus dem Jahre 1994 – da gab es noch Telefone mit Wählscheibe. Wer heute um 22, 23 Uhr noch eine dienstliche E-Mail lesen will, darf am Morgen darauf erst nach 10 Uhr die nächste schreiben. Wer hält sich denn daran? Geben wir den Menschen mehr Freiheit, wann sie wie und wo arbeiten. Dazu gehört auch, dass zum Beispiel ein berufstätiger Vater den Nachmittag mit dem Kind verbringen und am Abend noch mal etwas abarbeiten kann. Dabei gilt natürlich: Niemand soll mehr arbeiten oder weniger Pausen machen als heute – aber alle sollen sich die Zeit flexibler einteilen dürfen. Und da, wo es möglich und erwünscht ist, sollen Beschäftigte wie in den Niederlanden ein Recht auf Homeoffice erhalten.

Schließlich müssen wir die Selbstbestimmung aller Erwerbstätigen ernst nehmen. Flexible Wechsel zwischen fester Anstellung, Projektarbeit, Selbstständigkeit und Unternehmertum nehmen zu. Manche probieren sich aus. Etwas klappt vielleicht nicht, man wechselt wieder zurück. Diese Experimentierfreude sollten wir unterstützen – etwa indem wir Selbstständigen nicht mehr höhere Krankenversicherungsbeiträge abverlangen als gleich verdienenden Angestellten und intransparente Statusfeststellungsverfahren zumuten. Und passt unser Rentensystem zu Zickzack-Lebensläufen? Wer zwischen Anstellung und Selbstständigkeit wechselt, kann heute nicht einmal die geförderte Altersvorsorge mitnehmen. Auch das starre Renteneintrittsalter ist eine Idee aus Bismarcks Zeiten. Warum lassen wir die Menschen nicht wie in Schweden mit flexiblem Renteneintritt selbst entscheiden, wann sie aufhören oder wie viel sie weiterarbeiten? Außerdem sollten wir die technische Revolution als Sprungbrett für eine neue Gründerzeit begreifen. Deutschland hat eine starke Industrie, aber disruptive Sprunginnovationen kommen im digitalen Zeitalter zu oft von der anderen Seite des Atlantiks. Das sollten wir ändern. Durch einen Quantensprung in der Gründerförderung und einen Kulturwandel für die neue Arbeitswelt. Dann liegt das Beste noch vor uns.

Johannes Vogel ist Sprecher für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der FDP-Fraktion im Bundestag.

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