• Anlehnung an Niemöller-Verse: Chinas Staats-TV rückt Hongkonger Demonstranten in Nähe von Nazis
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Anlehnung an Niemöller-Verse : Chinas Staats-TV rückt Hongkonger Demonstranten in Nähe von Nazis

China will die Protestbewegung in Hongkong in Verruf bringen. Das staatliche TV greift dafür auf Verse des Pfarrers und KZ-Häftlings Martin Niemöller zurück.

Teilnehmer einer Demonstration in Hongkong
Teilnehmer einer Demonstration in HongkongFoto: dpa/Gregor Fischer

Chinas Staatsmedien setzen angesichts der anhaltenden Demonstrationen in der Sonderverwaltungszone Hongkong die Diffamierung der Protestierenden fort.

Der Fernsehsender CCTV veröffentlichte am Samstag auf Twitter unter dem Titel „Hongkonger, wollt ihr weiter schweigen?“ einen Appell, der sich an Verse des deutschen Theologen und Widerstandskämpfers Martin Niemöller anlehnt. Damit werden die Demonstranten in die Nähe von Nazis gerückt.

Bei Niemöller, der von 1938 bis 1945 in Konzentrationslagern einsaß und nach dem Krieg beim Wiederaufbau der Kirche tätig war, heißt es in der Version, welche die Martin-Niemöller-Stiftung als die von ihm autorisierte nennt:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Bei CCTV heißt es nun unter anderem mit Bezug auf die Demonstranten:

„Zuerst haben sie Steine und Metallzäune geworfen, [...], und ich habe geschwiegen, weil sie jung waren und Nachsicht verdienten.

Dann haben sie Polizisten angegriffen, und ich habe geschwiegen, weil die Polizisten Waffen hatten und sich selbst schützen konnten.

Dann haben sie Straßen blockiert, Fahrer festgehalten und misshandelt, und ich habe geschwiegen, denn ich war ja kein Fahrer.

Dann haben sie Flugpassagiere bedrängt und attackiert und ihnen den Zugang zu den Check-In-Schaltern verwehrt, und ich habe geschwiegen, weil ich kein Passagier war.“

Der Aufruf endet mit dem Vers:

„Und dann kamen sie und griffen mich an, und da war niemand, der die Stimme für mich erheben und mich schützen konnte.“

Chinas Regierung und die Staatsmedien haben die Demonstranten in Hongkong in den vergangenen Wochen immer wieder als gewalttätig dargestellt und als Terroristen bezeichnet. Die Staatsführung versucht, auch in Hongkong eine Stimmung gegen die Demonstranten zu schüren. Die Drohungen aus Peking gegen die Protestbewegung sind schärfer geworden.

Dennoch gingen am Sonntag wieder Hunderttausende auf die Straße. Bei der zentralen Kundgebung in der Innenstadt der ehemaligen britischen Kolonie war der Victoria-Park bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch auf den Straßen rundum war kaum noch ein Durchkommen. Die Menschen ließen sich auch von heftigem Regen nicht davon abbringen, lautstark Freiheit und Demokratie zu verlangen. Bis zum frühen Abend (Ortszeit) blieb alles friedlich.

Die Demonstration galt als Gradmesser, welchen Rückhalt die Protestbewegung in der 7,5 Millionen-Einwohner-Stadt noch hat. Vergangenes Woche war sie wegen Prügelszenen auf Hongkongs Flughafen, wo Demonstranten auf einen chinesischen Reporter losgingen, in die Kritik geraten.

Am Samstag war es bei einem Protestmarsch von mehr als 50.000 Menschen friedlich geblieben, nachdem die Polizei in den Wochen zuvor häufig mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vorgegangen war.




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