Die Zukunft des Westens : Der Engel des Unheils

Mit seinem „Kampf der Kulturen“ bot Samuel Huntington der Welt eine düster faszinierende Prophezeiung an. Inzwischen ist einiges davon eingetreten – fatalerweise. Ein Essay.

Alexander Görlach
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Justin Sullivan/Getty Images/AFPFoto: AFP

Seit 22 Jahren ist Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ in aller Munde, das Buch, mit dem seither jeder Konflikt zwischen Menschen verschiedener Religion und Herkunft erklärt wird. Wenn man das brisante Buch zur Hand nimmt, kommt man nicht um die Feststellung herum, dass der Politologe, der an der Harvard-Universität in den USA lehrte, mit seinem kontroversen Ansatz an vielen Stellen richtig lag.

Das ist der Kern von Huntingtons Thesen im „Kampf der Kulturen“: Kulturen bilden die Einheit, innerhalb derer Menschen zur Zusammenarbeit bereit sind und sich als Träger einer gemeinsamen Identität verstehen. Kulturen bilden eine Außengrenze zu „den anderen“, mit denen man weniger bis gar nichts gemein hat. Die Konflikte des 21. Jahrhunderts werden, so Huntington, an diesen Grenzlinien stattfinden. Huntington hat in seinem Buch ebenso den Krieg zwischen Russland und der Ukraine kommen sehen wie auch den religiösen Konflikt, den die hinduistische Mehrheit in Indien mit der muslimischen Minderheit in der Zwischenzeit tatsächlich vom Zaun gebrochen hat. Auch vom Aufstieg Chinas ist bei Huntington ausführlich die Rede. Ihn nutzt er als Beispiel, um zu zeigen, dass jenseits dessen, was man klassisch als „internationale Beziehungen“ bezeichnete (vornehmlich europäische Nationen und die USA sprechen miteinander) etwas wachsen würde, was mit einem eigenen Selbstbewusstsein, einer eigenen Kultur, auf die Weltbühne treten beziehungsweise auf sie zurückkehren würde. Die Jahrhunderte, in denen der Westen den Ton auf Erden angab, sind für Huntington vorbei.

Diejenigen, die ihre Weltsicht schon immer von Huntington bestätigt sahen, werden angesichts der positiv klingenden Eingangszeilen sicherlich Erquickung verspüren. Zu Siegesgeheul besteht allerdings kein Anlass. Denn es ging Huntington, der bekannt wurde mit seinem Diktum von den „blutigen Grenzen des Islam“ nicht darum, die Welt explizit vor dieser Religion zu warnen und den Untergang der westlichen Welt durch grün gewandete Gotteskrieger zu prophezeien. Vielmehr stellt er im „Kampf der Kulturen“ die Parameter vor, mit denen im 21. Jahrhundert Identität definiert und politisch instrumentalisiert wird. Religion ist der wichtigste von ihnen, überall auf der Welt. Das war vor 20 Jahren eine umstrittene These. Heute ist sie es nicht mehr.

Huntington - ein Untergangsprophet

Der wirkliche Gegenspieler von Samuel Huntington ist der Optimismus der neunziger Jahre, die Euphorie jener Zeit, als der Eiserne Vorhang fiel und Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ ausrief. Eben jener Stanford-Professor ist die eigentliche Nemesis Huntingtons. Die beiden stehen für entgegengesetzte Welten: Für Huntington wird die Welt des 21. Jahrhunderts aus Konflikten bestehen, für Fukuyama hingegen wird sie ein ruhiger, konfliktfreier Ort. Man muss Fukuyama bis heute für seine Courage danken, so intensiv über eine auf Ausgleich und Konsens ruhende Weltordnung nachgedacht zu haben. Neben ihm konnte Huntington nur wie ein Untergangsprophet wirken. Für Huntington bedeutete die heranbrechende Zukunft das Ende des Westens, in Fukuyamas Denken hingegen lag seine strahlendste Zeit noch vor ihm.

Vielleicht hat das große Unverständnis, mit dem Huntington in Deutschland rezipiert wurde, einen sprachlichen Grund. Der Titel des Werks im Englischen „Clash of Civilizations“ wird im Deutschen übersetzt mit „Der Kampf der Kulturen“. Anders als in allen anderen Sprachen, in denen Zivilisation alle Äußerungsformen menschlichen Miteinanders umfasst, wird im Deutschen zwischen Kultur und Zivilisation unterschieden. Ein anderes Buch, das in diesem Jahr 100. Geburtstag feiert, illustriert das: Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlands“ spricht von der griechischen Kultur und der römischen Zivilisation. Die Griechen, das sind Philosophie, Politik und Demokratie. Die Römer, das sind Eroberung, Recht und Straßenbau. In den Debatten, die heute in Europa über den Islam geführt werden, heißt es häufig, dessen „Kultur“ passe nicht zu der unsrigen, die „islamische Kultur“ nicht zur „christlichen“ oder der „deutschen“. Deswegen heißt die deutsche Übersetzung seines Buches wie sie heißt.

Der rationale Mensch kann nicht ohne den Einbezug von Kultur verstanden werden

Was Huntington aufgrund seiner Verwurzelung in der englischen Sprache allerdings hervorragend herausstellen kann, ist, dass Kultur etwas Ganzheitliches ist, eben nicht nur Technik, Militär und Ökonomie. In Kultur äußern sich Interessen, die, gleich ob sie von Gruppen oder Individuen vorgetragen werden, keinen rationalen Kern haben müssen, der sich von kulturellen Eigenarten diskursiv distanziert. Der rationale, der ökonomische Mensch, gleich welches Konzept man auch immer heranziehen mag, um die komplexe Entscheidungsfindung des Menschen zu dechiffrieren, kann nicht ohne den Einbezug von Kultur verstanden werden. Kultur als Lebensvollzug, als Identität. Der Mensch ist also ein homo culturalis.

Das gilt im fernen China genauso wie in Europa: Eine Studie des PEW-Centers in den USA hat vor Kurzem die Ergebnisse einer Befragung in ganz Westeuropa zum Thema Christentum und Identität bekanntgegeben: Demnach sagen 91 Prozent der Befragten, dass sie christlich getauft seien, 71 Prozent dass das Christentum Teil ihrer Identität sei. Dazu gaben allerdings nur 22 Prozent an, Kirchgänger zu sein. Hier wird deutlich, warum eine Zweiteilung menschlicher Leistung in Zivilisation und Kultur nicht zielführend ist: Das Christentum ist in dieser Umfrage nämlich nicht (nur) Teil eines individuellen Lebensvollzugs, sondern wird vielmehr als elementarer Bestandteil des Gesamtsystems, der europäischen Zivilisation, verstanden und auch so herausgestellt. Man muss kein Gläubiger sein, um sich als Christ zu begreifen. Wir nennen im Deutschen solche Menschen „Kultur-Christen“, „Kultur-Protestanten“ oder „Kultur-Katholiken“. Für Huntington wären diese Menschen „Zivilisations-Christen“. Diese religiöse Zuschreibung, die prägend ist für unser Zeitalter, muss nicht automatisch in einen Konflikt führen. Aber jeder Konflikt unserer Zeit, so Huntington, hat mit der Verschiedenheit von Zivilisationen im Hinblick auf die religiöse Grundierung zu tun, die sie aufweisen.

Der Westen hat selbst niemals eine große Religion hervorgebracht, daher rührt seine Schwäche

Das „Zeitalter der Identität“ wie ich unsere gegenwärtige Epoche nenne, zeichnet sich im Huntingtonschen Sinne dadurch aus: Die Fragen nach dem Woher und Wohin werden (wieder) im Rahmen der jeweiligen, tausende Jahre alten, Zivilisationen, im Deutschen würden wir sagen, Kulturen, beantwortet. Dabei findet Huntington, dass die Schwäche des Westens daher rührt, dass er selbst niemals eine große Religion hervorgebracht habe. Die hinduistische oder die chinesische Kultur hingegen könnten aufgrund ihrer tiefen Verwurzelung in der Vorstellungswelt der Menschen, die mit ihnen aufwachsen, bis auf den heutigen Tag motivieren. Gerade Chinas Aufstieg, den die Kommunistische Partei nicht zuletzt der konfuzianischen Ethik mit ihren Prinzipien der Meritokratie, Harmonie, Respekt und Disziplin, verdankt, ist ein gutes Beispiel dafür, wie „Religion“ (nicht als ein System von Dogma und Spiritualität, sondern von „Ortho-Praxis“ verstanden) politisch fruchtbar gemacht werden kann. Niemand kann verneinen, dass die Volksrepublik China in den vergangenen drei Jahrzehnten Unglaubliches geleistet hat, indem sie hunderte Millionen Menschen aus bitterer Armut zu einem bescheidenen Wohlstand geführt hat.

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