Die zwei Gesichter des Martin Schulz: Nachdenklicher Mensch und polternder Raufbold.

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Europa geradeaus : Martin Schulz wird neuer EU-Parlamentschef

Hier in Würselen, im Dreiländereck zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden, findet sich auch die Erklärung, warum es Schulz 1994 ins Europaparlament zog. Europa müssen sie in der Gegend als etwas Zwangsläufiges empfinden. Brüssel liegt nur eine gute Autostunde entfernt, Schulz pendelt. „Es ist doch ganz klar, dass man hier mit dem Europavirus infiziert wird“, erzählt Schulz, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Während seiner Zeit im Rathaus arbeitete er eng mit den „ausländischen“ Nachbargemeinden zusammen und pflegte eine intensive Partnerschaft mit dem Städtchen Morlaix in der Bretagne. Sein gutes Französisch, das deutlich gelassener klingt als sein Deutsch, hat er sich unter anderem bei den vielen Besuchen dort angeeignet. Als in den frühen 90er Jahren das Zollhaus zwischen den Nachbargemeinden Herzogenrath und Kerkrade abgerissen wurde, ließ Schulz einen der Steine in der Manteltasche verschwinden.

Einer, der Schulz schon jahrzehntelang kennt, ist Hubert Pütz. Der 76-Jährige ist seit elf Jahren Rentner, und mit Schulz verbindet ihn nicht nur die SPD-Mitgliedschaft, sondern auch eine Freundschaft, die über die gemeinsamen Jahre im Rathaus in Würselen gewachsen ist. Bevor Pütz 2000 in Pension ging, war er dort 30 Jahre lang Büroleiter gewesen, für mehrere Bürgermeister. Auch Martin Schulz hat er in dieser Funktion gedient. An die ersten politischen Gehversuche seines langjährigen Weggefährten erinnert er sich so: Schulz, damals noch Schüler am Heilig-Geist-Gymnasium in Broichweiden, kam Anfang der 70er Jahre in sein Büro im ersten Stock und fragte ihn über seine Arbeit aus. „Da spürte ich: Der hat Interesse, in den Stadtrat zu kommen, der junge Martin Schulz“, erzählt Pütz.

Mit 19 trat Schulz bei der SPD ein. Bis er in den Stadtrat gewählt wurde, vergingen dann aber noch einmal zehn Jahre. Denn erst einmal machte er eine Ausbildung zum Buchhändler und gründete seine Buchhandlung. Die konnte er nach seiner Lehre und verschiedenen Stationen in der Verlagsbranche nur eröffnen, weil das Gebäude einem SPD-Mitglied gehörte, der ihm den Laden im Erdgeschoss günstig vermietete. Gelernt hat Schulz dort vor allem zu überzeugen. „Ich kannte oft nur die Klappentexte, musste aber so tun, als hätte ich schon das ganze Buch verschlungen.“

Hubert Pütz weiß allerdings auch, dass in dieser Selbstbeschreibung ziemlich viel Understatement liegt. Schulz sei „literarisch unwahrscheinlich auf Draht“ gewesen, sagt Pütz, vor allem geschichtliche Stoffe hätten ihn interessiert. Die Leidenschaft fürs Lesen hat ihn nie verlassen, auch später nicht. Es sei schon mal vorgekommen, dass Schulz sich um Mitternacht von seinen Mitarbeitern mit den Worten verabschiedete: „Ich les’ jetzt noch zwei Stunden.“

Tatsächlich hat Martin Schulz zwei Seiten. Da ist zum einen der nachdenkliche Mensch mit seiner Ader für Europa. Und dann gibt es noch den polternden, provozierenden Raufbold.

Als Fußballspieler wurde er in der B-Jugend mit dem Traditionsverein Rhenania Würselen Vizemeister der alten Bundesrepublik. Und in dieser Zeit dürfte er auch die Lektion gelernt haben, dass man gelegentlich austeilen muss, wenn man nicht immer nur einstecken will. Jedenfalls fällt Hubert Pütz dazu eine Anekdote ein, die ganz gut Schulz’ hemdsärmelige Art beschreibt. Man muss dazu wissen, dass Schulz bis heute Fan des 1. FC Köln ist. Und da hat Pütz ihn einmal, als es für die Kölner mal wieder nicht ganz so gut lief in der Bundesliga, mit der Bemerkung ärgern wollen: „Mensch, die Bayern sind ja gut.“ Obwohl er selbst weiß Gott kein Fan des FC Bayern ist. Und Schulz hat zurückgegeben: „Halt die Schnauze.“

Auch am vergangenen Wochenende hat Schulz wieder kräftig ausgeteilt, gegen die Ratingagentur Standard & Poor’s, die Frankreich am Freitag die Spitzenbonität entzogen hat. Schulz sprach von einem „gezielten Angriff auf die Stabilität des europäischen Rettungsschirms“. Das war wieder einer dieser typischen Schulz-Sätze, denen der 56-Jährige seine Beliebtheit zu verdanken hat.

Allerdings hat das Europa-Geschäft den früheren Kommunalpolitiker Schulz auch härter gemacht. Das spüren die, die ihn noch aus der Zeit in Würselen kennen. Manchmal, wenn er Schulz im Fernsehen sieht und ihn dann seine kurzen, knappen Stakkato-Sätze formulieren hört, in denen stets Furor mitschwingt, dann denkt sich Pütz: „Das ist doch nicht unser fröhlicher Martin.“

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