Fahrverbote : Weniger Raum für die Blechlawine

Deutsche Städte haben nicht nur mit dem Diesel zu kämpfen. Sie haben ein Platzproblem. Der Blechlawine sollte weniger Platz gegeben werden. Ein Kommentar.

Autos im Stau in Düsseldorf
Autos im Stau in DüsseldorfFoto: dpa / Martin Gerten

Dürfen es vielleicht doch noch ein paar Mikrogramm mehr sein? Ein Diesel-Fahrverbot jagt das nächste – doch die Debatte bleibt bei solchen Fragen stehen. Ob nun 50 Mikrogramm statt 40 Mikrogramm laut Bundesregierung für Fahrverbote verhältnismäßig sind, ob Selbstzünder nach der A40 im Ruhrgebiet auch von der A100 in Berlin verbannt werden – das grundsätzlichere Problem wird damit nicht gelöst: Wo sollen die Blechlawinen alle hin?

Deutsche Großstädte haben nicht nur ein Umweltschutzproblem, sondern auch ein Platzproblem. Autos – ganz gleich mit welchem Antrieb – nehmen einfach zu viel Raum ein. 60 Millionen erwachsene Deutsche stellen sich etwa 50 Millionen Fahrzeuge vor die Haustüren. Dabei entspricht ein Auto locker vier Fahrrädern, an denen es meist in viel zu geringem Sicherheitsabstand vorbeibraust.

In den Metropolen kommt es zum Verkehrsinfarkt. Herbeigeführt wird er ebenso durch die vielen Pendler, die sich alleine auf gut acht Quadratmetern sitzend über die Einfallsstraßen quälen, wie durch die vielen Innenstadtbewohner, die nach dem Wochenendausflug ihren Pkw auf dem Seitenstreifen vor ihrem Apartment wieder in die Parklücke zwängen. Es ist genau dieser Platz, der fehlt, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass sich das Mobilitätsverhalten der Großstädter überhaupt nachhaltig in eine andere Richtung verändern kann. Solange die Politik auf kommunaler Ebene keine andere und sozialverträgliche Infrastruktur schafft, nutzen die Menschen die vorhandene.

Helfen würde es, wenn die Parkgebühren in deutschen Städten massiv erhöht würden. Das schafft Einnahmen für andere Formen der Mobilität. Bislang zahlen die Besitzer vierrädriger Vehikel für die Nutzung des öffentlichen Parkraumes viel zu wenig. Es sind eher symbolische Beträge von einem Euro pro Stunde. In anderen – nicht gerade autofeindlichen! – Metropolen wie New York oder London sind es schnell mal umgerechnet 20 Euro.

In deutschen Städten liegen 40 Prozent aller Wege unter fünf Kilometer. So heimelig, exklusiv oder autonom das Gefühl innerhalb der eigenen vier Autowände auch sein mag: Nähme man den Pkws etwas Straße und Parkbuchten weg, entstünden Möglichkeiten für Fußgänger, Fahrradfahrer (die übrigens auch gesünder leben) oder auch Elektroroller. Sie sind es, die mehr Platz brauchen.

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Wenn etwa Berlin, wie im Klimaschutzschutzplan vorgesehen, dafür sorgen will, dass bereits in zwölf Jahren 77,5 Prozent des Verkehrs zu Fuß, mit dem Rad oder in öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigt werden, muss die Stadt schleunigst damit anfangen, im öffentlichen Raum in Pedelec-Highways, Roller-Abstellplätze und Ladestationen zu investieren.

Ändern muss sich aber auch etwas in den Köpfen. Obwohl es vordergründig gerne abgestritten wird: Die Bestätigung der eigenen sozialen Stellung durch übermotorisierte, schwere Autos ist kaum zu leugnen. Sie ist eine Erklärung für die stetige Zunahme von PS-Boliden und mannshohen SUV. Hier ist jeder Einzelne gefordert, sich selbst zu überprüfen: Ist das noch reines Mobilitätsbedürfnis – oder schon Status-Fetisch?

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