Fatale Abhängigkeiten : Die verhängnisvolle Liebe der Deutschen zum Auto

Der Liebeswahn, der uns jetzt Leben, Luft und Mobilität vergällt, droht sich bei der Digitalisierung in ähnlicher Form zu wiederholen. Eine Kolumne.

Viel Verkehr herrscht am Dreieck Funkturm auf der Stadtautobahn A100 in Berlin.
Viel Verkehr herrscht am Dreieck Funkturm auf der Stadtautobahn A100 in Berlin.Foto: Michael Kappeler/dpa

Es war einmal eine große Liebe. Und sie war auch eine besonders treue. Ihr diamantenes Jubiläum hat sie hinter sich, die Liebe der Deutschen zum Auto. Sie begann in den Jahren des Wirtschaftswunders, jahrzehntelang war für sie kein Preis zu hoch. Dass sie in den letzten Jahren bröckelt, dass sich immer mehr Menschen gegen Lärm, Gestank und Dauerstau auflehnen, auf Rad und öffentlichen Verkehr umsteigen und zu Fuß gehen: Bisher hat das politisch noch nicht zum Umsteuern geführt. Der Bundesverkehrswegeplan bleibt der größte und doch am wenigsten diskutierte Investitionshaushalt im Land, weiter verschwindet Landschaft rasant unterm Beton für Autobahnen und Ortsumgehungen.

Es ist wie in manchen alten Ehen: Die Liebe ist schon länger ausgeglüht, aber man bleibt zusammen, weil nach der langen Zeit auch jede Fantasie dafür erloschen ist, wie ein Leben ohne einander aussehen könnte.

Gegen Liebe dringt die kohlschwarze Realität nicht durch

„Erloschene Liebe“, so heißt auch, mit einem vorsichtigen Fragezeichen dahinter, das überaus informative Buch, das eine Autorin und drei Autoren über die fatale und vor allem deutsche Lovestory mit dem Automobil geschrieben haben. Ein historischer Krimi. Weert Canzler, Andreas Knie, Lisa Ruhrort und Christian Scherf, die alle am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung arbeiten oder gearbeitet haben, zeichnen darin nach, wie uns die „amour fou“ zum Heiligen Blech traf. Eben nicht als Pfeil aus heiterem Himmel.

Eine Gesellschaft, in der freie Bürger sich vor allem über freie Fahrt definierten, war Ergebnis von politischen Entscheidungen, die wesentlichen mehr als hundert Jahre alt. Und in den Köpfen der Menschen hinterm Steuer war sie von Anfang an eine emotionale Sache. Was so gern mit Notwendigkeit begründet wird – man würde ja gern umsteigen, aber als Pendlerin ..., klar, ich steh im Stau, aber ich bin unabhängig von Fahrplänen – ist in Wirklichkeit im Herzen verankert, nicht im Hirn. Das Auto setzte sich auch nicht als Fahrzeug durch, sondern als Mode-Accessoire, nachdem es zunächst ein Sportgerät war – im Auto ging’s zum Autorennen, später in den Urlaub, nicht zur Arbeit.

Entsprechend schwer hat es die kohlschwarze Realität aus Feinstaub, Parkplatznot und Dieselbetrug gegen den alten Traum, der sie überstrahlt. Die herrschenden Verhältnisse seien als natürlich gegeben „fest in den Köpfen verankert“, meinen die Wissenschaftler. Auch sie konstatieren zwar Ansätze zum Umsteuern, vom Fahrradvolksbegehren bis zu autofreien Citys, freilich in London und Madrid, nicht in München und Berlin. Einen baldigen Umschwung halten sie aber für unwahrscheinlich und setzen auf die langfristige Wirkung neuer Mobilität und Nischen-Experimente.

Die nächste Abhängigkeit droht bereits

Während wir also auf mittlere bis lange Frist noch an den Spätfolgen dieser alten und schrecklichen Liebe zu beißen haben dürften, die gegen alle Vernunft weitergelebt wird, stecken wir schon mitten in der nächsten Großtechnologie, die ähnlich schrecklich werden dürfte. Denn wieder beschäftigt sie nur zum Teil den Verstand und greift uns vor allem ans Herz. Unser Mobiltelefone, Tablets, Netbooks besetzen unsere Zeit und unser Denken noch stärker als das Auto, das neueren Erkenntnissen zufolge inzwischen sowieso durchschnittlich 23 Stunden am Tag steht. Die mobilen „devices“ scheinen das Auto als Statussymbol vor allem unter Jüngeren abzulösen. Für die ist der Führerschein zum 18. Geburtstag längst kein Muss mehr.

Und wie’s mit verrückten Lieben so ist: Der Verstand hat nicht mehr viel zu melden. Wie anders lässt sich erklären, dass wir mit unserem Geld und unseren Daten Monopole fettfüttern, Google, Microsoft, Facebook, die anfangs mit Dumpingpreisen oder dem ewigen Gratisversprechen locken, von denen doch jede und jeder wissen kann, dass das Lügen sind. Wieso ist uns egal, wer unser Leben auslesen kann – ja, das geht immer noch, trotz europäischer Datenschutz-Grundverordnung? Und zum Surfen ist diesmal nicht einmal eine Fahrprüfung nötig.

Und wieder steht Vater Staat hilfreich bereit, die Abhängigkeit zu zementieren. Der viel gelobte Digitalpakt soll Hardware in die Schulen spülen, die doch ganz anderes brauchten: Mehr und gutes Personal und Unterricht, der den Kindern kritischen Umgang mit den Geräten beibringt, die sie ohnehin im Schulranzen stecken haben. Damit nicht wieder Strukturen entstehen, die über kurz oder lang als naturgegeben hingenommen werden und uns beherrschen statt wir sie. Wenn wir denn Smog und Beton überleben, das Erbe unserer letzten verrückten Liebe.

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