Finanzen der Deutschen : Auf dem Papier ist Deutschland reich - nicht alle spüren das

Die Deutschen bewerten ihre finanzielle Lage als gut. Tatsächlich aber haben viele nichts. Das wird sich rächen. Ein Kommentar.

Wie viel haben die Deutschen in ihren Geldbörsen? Der jahrelange Wirtschaftsboom ist an vielen Menschen spurlos vorbeigegangen.
Wie viel haben die Deutschen in ihren Geldbörsen? Der jahrelange Wirtschaftsboom ist an vielen Menschen spurlos vorbeigegangen.Foto: Frank Kleefeldt/dpa

Halten wir es mit Oscar Wilde. „Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben“, sagte der irische Schriftsteller einst. „Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt.“

Hätte der Mann recht, müssten die Bundesbürger zu den glücklichsten Menschen der Welt gehören. Glaubt man einer neuen Umfrage des Sparkassenverbands, geht es den Deutschen nämlich finanziell so gut wie nie. 63 Prozent der Menschen beurteilen ihre finanzielle Lage mit „gut“ oder „sehr gut“. An der Spitze des finanziellen Hochgefühls stehen die Hessen, die am Sonntag wählen.

Ein Schelm, wer denkt, die Sparkassen würden mit ihrer Umfrage Werbung für den amtierenden Regierungschef Volker Bouffier von der CDU machen. Klappen würde es ohnehin nicht. Das Wahlergebnis im wirtschaftlich prosperierenden Bayern hat gezeigt: Mit der Wirtschaft gewinnt man derzeit keine Wahlen mehr. Sichere Jobs werden nach Jahren der Vollbeschäftigung vorausgesetzt, auskömmliche Einkommen, die nicht nur einen, sondern gleich zwei oder drei Urlaube ermöglichen, auch. Die wirtschaftliche Basis ist solide und ermöglicht vielen Menschen, bei der Wahlentscheidung vor allem ihrem guten sozialen und ökologischen Gewissen zu folgen.

Zehn Jahre nach der Finanzkrise geht es den Deutschen wieder spitze. Wirklich? Das hängt nicht zuletzt davon ab, wo man wohnt. In Berlin und Brandenburg sieht es nämlich gar nicht so rosig aus. Rund die Hälfte der Menschen, die in der Region leben, ist laut Umfrage unzufrieden, Tendenz steigend.

Explosion der Mieten verschärft die Kluft

Ein Wunder ist das nicht. Jeder, der in Berlin eine neue Wohnung sucht, weiß, wie schnell Reserven schmelzen. Die Mieten steigen, das Angebot ist knapp. Das setzt vor allem den Menschen zu, die wenig Geld zur Verfügung haben. Ein immer größerer Teil ihres Budgets geht für das Wohnen drauf. Die Explosion der Mieten verschärft die Kluft zwischen Arm und Reich, mahnen die Humboldt- Uni und das Londoner University College in ihrer kürzlich vorgelegten Studie. Aber nicht nur Geringverdiener, auch Menschen, deren Gehalt sich eigentlich sehen lassen könnte, haben am Monatsende oft nicht viel übrig. Miete, Strom, Versicherungen, Sportverein oder Musikunterricht für die Kinder, unterm Strich kommt einiges zusammen. Und jetzt steigt auch wieder die Inflation.

Haben oder nicht haben ist in Berlin nicht unbedingt eine Frage des eigenen Talents, sondern des Glücks oder der familiären Verhältnisse. Wohl dem, der frühzeitig eine Immobilie gekauft oder geerbt hat. Oder dem die Eltern ein solides Polster hinterlassen haben. Aus eigener Kraft lässt sich so etwas in Zeiten der Niedrigzinsen nur schwer aufbauen.

Auf dem Papier ist Deutschland reich. Das Geldvermögen beträgt schwindelerregende sechs Billionen Euro, rechnerisch hat jeder Bürger 75.000 Euro. Rechnerisch. Tatsächlich aber haben viele nichts. Dafür besitzen 1,2 Millionen Bundesbürger eine Million Euro oder mehr.

Die guten Zeiten sind irgendwann vorbei

Ungleichheit hat es immer gegeben und wird es auch immer geben. Glaubt man Sozialforschern, hat die Ungleichheit in Deutschland in den vergangenen zwölf Jahren nicht zugenommen. Sie hat aber auch nicht abgenommen. Das heißt: Der jahrelange Wirtschaftsboom ist an vielen Menschen spurlos vorbeigegangen. Und trotz der Vollbeschäftigung ist die Zahl derjenigen, die keinen festen, sondern nur einen befristeten Job haben, auf einem Höchststand.

Das wird sich rächen. Denn die guten Zeiten sind irgendwann vorbei. Die Bundesregierung nimmt ihre Wachstumsprognose zurück, die Nervosität an den Börsen steigt. Doch was man in guten Zeiten nicht anpackt, rächt sich in schlechten. Eine auskömmliche, solide finanzierte, zukunftsfeste Rente? Die Lösung ist an eine Rentenkommission delegiert. Bezahlbarer Wohnraum für alle? Findet man bestenfalls auf dem Land. Dafür gibt es dort kein Internet. Probleme, die gelöst werden müssen. Sonst folgt auf die Party eines mit Sicherheit - der Kater.

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