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Gelbwesten-Proteste : Warum Jacline Mouraud nicht nach Paris fuhr

Jacline Mouraud schimpfte über die Benzinsteuer – das Video davon gilt als Ursprung des französischen Gelbwesten-Protests. Nach Paris wagt sie sich aber nicht.

Gelbwesten-Proteste in Paris.
Gelbwesten-Proteste in Paris.Foto: imago/Le Pictorium

Akt vier der Proteste der Gelbwesten, 8000 Polizisten sind in Paris am Samstag im Einsatz, fast doppelt so viele wie eine Woche zuvor. Bis neun Uhr vormittags gibt es 317 vorläufige Festnahmen, 32 Menschen bleiben in Gewahrsam, am Nachmittag werden es 500 sein, am Abend 1385. Autos werden brennen, Menschen verletzt, der Versuch, das Kaufhaus „Publicis“ in Brand zu setzen, wird scheitern. In Paris wurden nach Angaben von Krankenhäusern 126 Verletzte behandelt.

Landesweit sind 89.000 Polizisten im Dienst und auf den Champs-Elysées versammeln sich an diesem Vormittag 1500 Leute. Jacline Mouraud ist nicht dabei. Sie wagt sich nicht mehr nach Paris, wenn die Gelbwestenbewegung demonstriert. Dabei gäbe es die Massenproteste vielleicht nicht, gäbe es nicht Jacline Mouraud.

„Was machen Sie mit der Knete der Franzosen?“

Aus den Massenprotesten – 125.000 Menschen beteiligen sich an diesem Samstag laut Innenministerium in Frankreich - ist spätestens am vergangenen Wochenende in Paris auch ein gewalttätiger Aufstand geworden. Proteste, mit denen laut Umfragen dennoch 77 Prozent der Franzosen sympathisieren. 59 Prozent äußern sich aber auch besorgt über die Gewalt. Viele der am Samstag Festgenommenen haben laut Polizei Masken, Steinschleudern, Hämmer und Pflastersteine bei sich gehabt. Es handle sich meist um Verdächtige im Alter von rund 30 Jahren, die aus dem Umland nach Paris gereist seien.

Jacline Mouraud ist Besitzerin eines zwölf Jahre alten, vor zwei Jahren von ihr gekauften Allrad-Volvos. Sie ist 51 Jahre alt und lebt in der Nähe von Ploërmel zwischen Lorient und Nantes in der Bretagne. Sie hat am 18. Oktober mit ihrem Smartphone ein Facebook-Video von vier Minuten und 22 Sekunden Länge gedreht. Zu sehen ist das Gesicht einer Frau mit grauen Haaren und Brille. Mit spitzer Stimme und in sarkastischem Ton erklärt sie, was ihr nicht passt in Frankreich. Sie fragt in die Handykamera: „Was machen Sie mit der Knete der Franzosen?“

Sie meint den Präsidenten Emmanuel Macron. Sie spricht von einer „Hetzjagd auf Autofahrer“, einer angekündigten Mineralölsteuer wegen, wegen Bußgeldern, Radaranlagen und den hohen Kosten für die regelmäßigen Technik-Überprüfungen. „Wohin steuert Frankreich, Herr Macron?“ Sie fragt, ob er all das Geld für sein neues Geschirr im Elyséepalast ausgibt und für einen Pool in seiner Sommerresidenz in Südfrankreich. Das Video wurde innerhalb eines Monats sechs Millionen Mal geklickt.

Panzer in Paris

Mouraud, geschiedene Mutter von drei Kindern, verdient mit zwei Jobs als Hypnose-Therapeutin und Akkordeonspielerin angeblich weniger als 900 Euro netto. Ständig überziehe sie ihr Konto. Als dann angekündigt wurde, dass Autos von außerhalb in Paris Gebühren zahlen sollen, um in die Stadt fahren zu können, wurde sie ärgerlich. Jetzt schaut sie fassungslos von ferne dabei zu, was sie damit ins Rollen gebracht hat.

An 14 Orten in Paris, am Triumphbogen, auf den Champs-Elysées, an der Bastille, stehen Massen von Polizeiautos, sogar Panzer. Die Place de la Concorde ist abgesperrt, der Eiffelturm zu. Die Polizei verschießt schon am Vormittag Tränengas, manche Gelbwesten schenken Polizisten gelbe Rosen. Das Bild des Tages: blaue Panzerwagen vor dem Triumphbogen. Der Innenminister erklärt: „Wir wollten eine starke Botschaft senden.“

Die Bilder vom Wochenende zuvor wirkten wie welche aus einem Bürgerkrieg. Der Triumphbogen, wo sonst Militärparaden stattfinden und die gefallenen Soldaten der Weltkriege geehrt werden, war von ein Tränengaswolken umgeben. Radikale bewarfen Polizeiautos mit Steinen, benutzten Metallstangen und Absperrungsgitter als Waffen, zündeten Autos an. Am Tag danach war offiziell von 130 Verletzten die Rede, landesweit sollen es 260 gewesen sein. In Marseille starb eine 80 Jahre alte Frau, nachdem sie von einer Tränengaskartusche am Kopf getroffen worden war.

Warum werden die "kleinen Leute" so sehr besteuert?

Jacline Mouraud sagt: „Als ich das Video aufnahm, war mir noch nicht klar, dass es so eine Resonanz haben würde.“ Einem Treffen hatte sie nicht zugestimmt, aber man kann mit ihr am Telefon sprechen. „Es ist wie ein Tsunami“, sagt sie, „eine Welle, die nicht mehr aufhört, sobald sie angefangen hat.“

Einen Monat nachdem Mouraud ihr Video veröffentlicht hatte, am 17. November, kam es zu den ersten Blockaden der Gelbwesten an Autobahnen im ganzen Land. „Ich habe der Verzweiflung der Menschen Worte verliehen“, sagt sie. „Sie haben sich in mir wiedererkannt. Nun wagten sie zu sprechen und haben sich nicht mehr in ihrer Misere versteckt.“ Mouraud ist berühmt geworden und nun oft Gast in Fernsehsendungen.

Am Telefon analysiert sie die Lage, die sie für explosiv hält: „Durch die Wut hat die Gewalt zugenommen. Hätte die Regierung gleich nach dem ersten Protesttag Zugeständnisse gemacht, hätte man die Bewegung noch aufhalten können.“ Die Leute hätten genug davon, dass sie immer mehr Steuern und Abgaben zahlen müssten. „Nun braucht es vermutlich eine große Geste. Etwa eine Erhöhung des Mindestlohnes.“ Mouraud stellt auch die Frage, warum „kleine Leute“ so sehr besteuert werden und nicht die Tanker und Flugzeuge, die doch wesentlich mehr die Umwelt verschmutzen.

Am Boden. Jacline Mouraud beobachtet fassungslos aus der Ferne, was sie mit ihrem Wutausbruch ins Rollen gebracht hat.
Am Boden. Jacline Mouraud beobachtet fassungslos aus der Ferne, was sie mit ihrem Wutausbruch ins Rollen gebracht hat.Foto: Damien Meyer/AFP, Lucas Barioulet/AFP

Am Triumphbogen, dem einzigen Zugang zu den Champs-Elysées an diesem Tag, gibt es Identitätskontrollen. Die Polizei hat Steine von Baustellen entfernen lassen, Metallstangen auch. Geschäftsleute um die Champs-Elysées und die Bastille haben ihre Fenster mit Holzplatten geschützt.

Linke Anarchisten oder Rechte?

Auf den Champs-Elysées wandern die Gelbwesten mit Plakaten, „Macron, du verkaufst die Leute für dumm“, steht auf einem. Auf einem anderen: „Liebe Bourgeoisie, tut mir leid zu stören, aber können wir alle in Würde leben?“ Was als Protest von Autofahrern begann, die ihre in Frankreich obligatorischen neongelben Warnwesten überstreiften und dann Straßen blockierten, ist längst eine Bewegung der Regierten gegen ihre Regierung geworden und gegen deren Repräsentanten. Das Volk – Mourauds „kleine Leute“ – gegen den angeblich von ihm entfremdeten Staat. Provinz gegen Paris. Vor allem aber: gegen Präsident Emmanuel Macron und dessen Politik. Es hatte Sozialleistungskürzungen und Begünstigungen für Unternehmen gegeben.

Macron wird als arroganter „Präsident der Reichen“ wahrgenommen. „Er wurde mit wenigen Stimmen gewählt“, sagt Mouraud. „Seine Aussprüche kommen oft von oben herab.“ Einem arbeitslosen Gärtner erzählte er einmal, er solle doch zum nächsten Restaurant gehen und dort Arbeit suchen. Bei einem Dänemark-Besuch sagte er verächtlich über die Franzosen, sie seien „widerspenstige Gallier“, die keine Veränderungen ertragen. Laut Umfragen stimmt nur noch ein Fünftel der Franzosen ihm und seiner Politik zu.

Die Bewegung ist unstrukturiert, die Organisation findet nur über soziale Medien statt. Seit Beginn der Proteste versuchen Politiker und Historiker, sie einzuschätzen und führten Referenzen wie die Revolution von 1789 und die Revolte der 68er oder einen rechtsextremen, blutigen Aufstand mit 15 Toten vom 6. Februar 1934. Doch bisher lasse sich die Bewegung mit keinem anderen Aufstand wirklich vergleichen, meint Historiker Michel Pigenet von der Sorbonne: „Die Gelbwesten haben keine Vermittler wie die Gewerkschaften.“

Während die Regierung immer wieder eine extremrechte Unterwanderung der Gruppe betont, sehen andere eher linke Anarchisten am Werk. Marine Le Pen unterstützte die Bewegung der Gelbwesten sofort. Wenn eine politische Partei am meisten von der Bewegung profitieren könnte, dann ihre.

Eine Umfrage ergab, dass 30 Prozent der Franzosen Le Pens Haltung zur Bewegung am besten finden, gefolgt von der des Linken Jean-Luc Mélenchon mit 25 Prozent. Weit hinten steht Macron mit nur 15 Prozent, die befürworten, wie er mit den Protesten umgeht.

Jacline Mouraud bedauert die zunehmende Gewalt

Mouraud sagt, sie sehe eine „Gefahr für Europa“. Aber sie weist auch darauf hin, dass Marine Le Pen ein Problem bei der Bewegung hat: „Randalierer aus dem extrem rechten Umfeld können negativ für sie sein.“

Historiker Nicolas Lebourg, Rechtsextremismusexperte von der Universität in Perpignan, sieht junge Rechtsradikale aktiv in der Bewegung: „Wir finden bei den aktuellen Demonstrationen eine Entwertung des Staates, unterstützt von Strukturen der extremen Rechten“, sagt er. „Die Brutalität der antisemitischen Slogans ist frappierend.“ Immer wieder sei darin auch die Rede vom „Jour de colère“ – dem Tag der Wut –, einer extremrechten Demonstration im Jahr 2014. Außerdem wurden nach Demonstrationen Graffiti hinterlassen, die keltische Kreuze zeigen, Zeichen der rechtsextremen Szene.

Unter anderem waren Vertreter der nationalistischen Bewegung Action française dabei. Deren Sprecher Antoine Berth erklärte, am verganganen Samstag seien 300 von ihnen in Paris dabeigewesen und 2000 in ganz Frankreich. Die Gruppe teilte auf Twitter Fotos von Gelbwesten mit der Aufschrift: „Nieder mit der Republik“.

Jacline Mouraud bedauert die zunehmende Gewalt: „Die Bewegung ist im Ursprung pazifistisch“, sagt sie. „Nur eine Minderheit will die Gewalt.“

In den sozialen Medien kündigten mutmaßliche Randalierer an, dass sie mit Waffen kommen wollen. Für Mouraud dagegen sind die Gelbwesten ursprünglich ganz normale Bürger, eher angesiedelt im unteren Mittelstand, Arbeitslose, Rentner und viele Chefs von Kleinunternehmen. Die Leute kommen aus allen politischen Parteien, sogar enttäuschte Wähler von Macrons Regierungspartei LREM seien viele dabei. „Die Regierung unterstützt nur die großen Unternehmen“, sagt Mouraud, „die kleinen und Mittelstandsunternehmen müssen sich allein durchschlagen.“

„Keine Steuer ist es wert, die Einheit der Nation zu gefährden“

Wütend sind viele darüber, dass Macron bisher hartnäckig schwieg und seinen Premier vorschickte. Jemand stellte ein Banner ins Internet, das Macron zeigt und machte sich darüber lustig, dass er so oft im Ausland unterwegs sein: „Dieser Mann wird von allen Gelbwesten gesucht. Geboren 1977, etwa 1,73 Meter groß, trägt Anzug mit Krawatte …“

Bisher hat die Regierung in zwei Schritten nachgegeben. „Keine Steuer ist es wert, die Einheit der Nation zu gefährden“, erklärte Premierminister Edouard Philippe und wollte die Spritsteuererhöhung für sechs Monate aussetzen. Ursprünglich war sie für den 1. Januar geplant. Dann legte Macron nach und betonte, 2019 soll sie gar nicht in Kraft treten. Doch das reichte den Gelbwesten nicht, ihre Forderungen gehen längst weiter. Sie wollen umfassende Steuersenkungen, Renten- und Lohnerhöhungen gefordert. Aber auch mehr direkte Demokratie und die Durchführung von Referenden.

Die zunehmende Gewalt sorgte auch dafür, dass zehn Gelbwesten aus allen Landesteilen, die zu so etwas wie Sprechern der Bewegung geworden sind, ein Kommuniqué in der Sonntagszeitung „Le Journal du Dimanche“ verfassten und die Gewalt verurteilten. Darunter auch Jacline Mouraud. Mit den Leuten aus der Gruppe hat sie Kontakt, so wie mit Cédric Guémy aus der Nähe von Paris, der es wegen der Gewalt inakzeptabel fand, an diesem Samstag wieder in Paris zu demonstrieren. Als die Gelbwesten vor einer Woche zu Gesprächen mit Premierminister Edouard Philippe geladen wurden, zeigte sich die Spaltung der Bewegung. Die friedlichen Vertreter bekamen Morddrohungen und wagen sich nicht in den Matignon, Sitz des Premierministers – angeblich aus Angst vor anderen Gelbwesten.

Jacline Mouraud sagt am Telefon, sie habe vor, am Samstag ebenfalls zu demonstrieren. Bei sich daheim in der Bretagne, in der Stadt Lorient. Sie wolle mit Gleichgesinnten die Zufahrt zu einem Öldepot blockieren.

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