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Gesundheitssystem : Zuzahlungen für Patienten steigen deutlich

Immer mehr aus eigener Tasche: In nur zwei Jahren haben sich die Zuzahlungen für Heil- und Hilfsmittel um über 18 Prozent erhöht. Und das geht wohl so weiter.

Mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr: Die Zuzahlungen für Arzneimittel steigen.
Mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr: Die Zuzahlungen für Arzneimittel steigen.Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Die Zuzahlungen von gesetzlich Krankenversicherten sind in den vergangenen zwei Jahren um 8,8 Prozent gestiegen. Das ist aktuellen Zahlen der Bundesregierung zu entnehmen, die dem Tagesspiegel vorliegen. Mit insgesamt 4,21 Milliarden Euro hatten die Patienten 2018 demnach 108 Millionen Euro mehr aus eigener Tasche aufzubringen als noch im Vorjahr – und 342 Millionen Euro mehr als 2016.

Am stärksten erhöhte sich die Belastung bei den sogenannten Heil- und Hilfsmitteln, also etwa der Behandlung durch Therapeuten oder dem Kauf von Hörgeräten und Gehhilfen. Hier stiegen die Zuzahlungen in nur zwei Jahren um knappe 18,4 Prozent.

Linke: Zuzahlungen komplett abschaffen

Die Angaben stammen aus der Regierungsantwort auf eine Anfrage der Linkspartei und Rechnungsergebnissen des Gesundheitsministeriums. „Zuzahlungen bestrafen diejenigen, die krank sind und die einer ärztlichen Verordnung Folge leisten“, sagte Achim Kessler, Sprecher der für Gesundheitsökonomie und Obmann der Linksfraktion im Gesundheitsausschuss, dem Tagesspiegel. „Daher gehören Zuzahlungen komplett abgeschafft.“

Der mit Abstand größte Posten für gesetzlich Versicherte sind Medikamente und Verbandsmaterial. Im vergangenen Jahr mussten sie allein dafür 2,25 Milliarden Euro zuzahlen – knappe 2,5 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Zu Behandlungen im Krankenhaus steuerten Kassenpatienten 694 Millionen Euro bei, immerhin nur 0,6 Prozent mehr als 2017. Für Heil- und Hilfsmittel allerdings betrug die Steigerung im Vergleich zum Vorjahr 5,3 Prozent. In der Summe lag die Belastung hier bei 934 Millionen Euro.

Honorare für Therapeuten sollen steigen - und die Kosten für ihre Patienten auch

Dabei werden die Zuzahlungen für die Physio- oder Ergotherapie in den nächsten Jahren wohl noch kräftiger steigen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant schließlich eine deutliche Honorarerhöhung für Therapeuten – und ihre Patienten sind daran nach bisheriger Gesetzeslage prozentual beteiligt. Sie haben pro Verordnung nicht nur pauschal zehn Euro draufzulegen, sondern zusätzlich auch zehn Prozent der Behandlungskosten.

„Physiotherapeuten, Logopädinnen, Ergotherapeuten und Podologinnen sollen völlig zu Recht mehr Geld für ihre wichtige Arbeit bekommen“, sagte Kessler. Das dürfe aber „nicht dazu führen, dass diejenigen, die eine Behandlung brauchen, höhere Zuzahlungen zahlen müssen“, so der Linken-Politiker. Gleichzeitig gibt er sich pessimistisch: „Wie es aussieht, will die Bundesregierung nichts gegen steigende Zuzahlungen unternehmen.“ Auf Tagesspiegel-Anfrage bestätigte das Gesundheitsministerium, dass mit dem geplanten Gesetzespaket keine Änderung der Zuzahlungsregelungen geplant sei.

Chronisch Kranke kommen besser weg

Bei verschreibungspflichtiger Arznei werden die Patienten mit zehn Prozent des Verkaufspreises zur Kasse gebeten. Allerdings gibt es nach oben ein Limit von zehn Euro, nach unten eines von fünf Euro - und die Zuzahlung in der Apotheke beträgt niemals mehr als die tatsächlichen Kosten des Mittels. Befreit sind Kinder unter 18, für alle anderen gibt es eine Belastungsgrenze: Sie liegt bei zwei Prozent des Bruttoeinkommens, für chronisch Kranke bei einem Prozent. In diese Rechnung fließen dann aber auch der Eigenanteil für Klinikbehandlung und Zuzahlungen für Heilmittel und häusliche Krankenpflege ein.

Für bestimmte Medikamente gibt es zudem Festbeträge, und für mehrere tausend besonders günstige Präparate auch komplette Zuzahlungsbefreiungen. Im vergangenen Jahr hätten rund 5,4 Millionen Versicherte von den Entlastungsregelungen profitiert, so die Bundesregierung. Ein Wegfall sämtlicher Zuzahlungen in der gesetzlichen Krankenversicherung würde eine Beitragserhöhung um rund 0,3 Prozentpunkte nötig machen.

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