Inklusion und Holocaustgedenken : Über das Abtreiben von behinderten Embryos

Werden am ungeborenen Kind Krankheiten festgestellt, wird es oft abgetrieben. Warum? Die Frage drängt sich auf - gerade in der Woche des Holocaust-Gedenkens. Ein Zwischenruf.

Natalie Dedreux brachte das Thema Behinderungen in der ARD-"Wahlarena" auf. "Ich will leben", sagte sie Kanzlerin Merkel.
Natalie Dedreux brachte das Thema Behinderungen in der ARD-"Wahlarena" auf. "Ich will leben", sagte sie Kanzlerin Merkel.Foto: dpa

"Ich will nicht abgetrieben werden, ich will auf der Welt bleiben“, sagte die 18 Jahre alte behinderte Natalie Dedreux (Downsyndrom), als sie im September in der ARD-Wahlarena Kanzlerin Merkel traf. Damit wollte sie aufmerksam machen auf das geltende Gesetz für zulässige Spätabtreibungen bis kurz vor der Geburt (Paragraf 218 a Abs. 2 Strafgesetzbuch). Die gelten dann nicht als rechtswidrig, wenn für die „körperliche oder seelische Gesundheit“ der Mutter, eine ernste Gefahr besteht, die nur durch Abtreibung beseitigt werden kann.

Dedreux’ Appell lenkte den Blick auf unsere gespaltene Haltung, wenn es um die Lebensrechte pränatal diagnostizierter behinderter Kinder geht. In neun von zehn Fällen werden derzeit Kinder mit Downsyndrom oder Spina bifida in den meisten europäischen Ländern abgetrieben. Könnten es Restreflexe eugenischen Denkens sein, wenn auch heute noch die Ungleichbehandlung von Menschenleben zugelassen wird? Lebenswert das eine; lebensunwert das andere, aus welchen „verständlichen Gründen“ auch immer? Wer von Natalie Dedreux gehört hat, dem drängt sich diese Frage jedenfalls auf, gerade in dieser Woche des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Wer abtreibt, verdient keine Vorwürfe. Und wer ein behindertes Kind zur Welt bringt, gewollt, erst recht nicht. Denn Auftritte wie der von Natalie Dedreux lassen uns begreifen, wie Menschlichkeit – hier verstanden als Schutz der Schwächeren – in einer Welt der Machbarkeit zum wichtigsten Maßstab wird für eine zivilisierte Gesellschaft.

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In Frankreich war es die junge behinderte Mélanie Ségard, die kürzlich beim Sender France 2 den Wetterbericht präsentierte und als „Miss Météo“ gefeiert wurde. Ja, es wurde auch vereinzelt vermutet, dass Menschen mit sichtbaren Einschränkungen als Hingucker „benutzt“ würden, um mehr Quote zu erzielen. Schon möglich. Doch schon morgen könnte ihre Mitwirkung selbstverständlich sein. Und auch abseits solcher Prominenz sollte das Zusammenleben mit körperlich wie geistig behinderten Menschen allgegenwärtiger und unbefangener praktiziert werden, gerade auch im öffentlichen Raum.

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