ITB 2019 : Reisen ist politisch

Die Kunden wollen ohne Reue Urlaub machen. Die Branche muss ethisch und ökologisch saubere Produkte anbieten. Ein Kommentar.

Kevin Hoffmann
Ohne Politik geht es auch beim Reisen nicht.
Ohne Politik geht es auch beim Reisen nicht.Foto: REUTERS/Murad Sezer

Wenn um 18 Uhr am Sonntag die letzten Besucher Internationalen Tourismusbörse aus den Hallen unterm Funkturm gefegt werden, geht die wohl politischste ITB der vergangenen Jahre zu Ende. Das machte sie aufregender, unterhaltsamer und lehrreicher als in anderen Jahren. So ist womöglich dem einen oder anderen Reisenden, Reisevermittler und Gastgeber hier in Berlin stärker klar geworden, welche Rolle er beziehungsweise seine Institution in diesem wachsenden Milliardengeschäft spielt. Und besser bewusst geworden, dass das bisher so einfache Geschäftsmodell – Geld gegen Flug, Hotelbett und Strandliege – langfristig in eine Sackgasse führt und den Tourismus insgesamt zerstören kann.

So war der Tourismus- und Kulturminister des diesjährigen Partnerlandes Malaysia völlig von der Rolle, als er zum Auftakt der Messe vor mehr als einhundert Journalisten gefragt wurde, ob jüdische und homosexuelle Gäste sicher durch sein Land reisen können. Erst wollte er diese Frage nicht beantworten, dann sagte er, er könne es nicht. Er glaube nämlich, dass es „so etwas“ in seinem Land nicht gibt! Juden und Homosexuelle, so wie alle, die sich mit ihnen solidarisieren möchten, wissen nun Bescheid. Auch der türkische Tourismusminister wollte eigentlich auf der ITB nur über Sonne, Meer und Gastfreundlichkeit sprechen – und nicht über die unfreundlichen Akte seiner Regierung, die unliebsame Pressevertreter aus dem Land wirft und politisch aktive Deutschtürken („Terroristen“) in den Knast. Er musste es dennoch tun.

Die Messe setzt auf gesellschaftlich relevante Themen

Auch – aber nicht nur – auf Druck ihres Haupteigentümers, dem Land Berlin, setzt die Messe Berlin als Veranstalterin immer mehr gesellschaftlich relevante Themen auf die Tagesordnung des ITB-Kongresses, der parallel zu der Ausstellung an den Fachbesuchertagen läuft. Die Belange arbeitender Frauen in den Reiseländern, Plastikmüllvermeidung, grüne Mobilität, Kampf gegen Ausbeutung von Kindern: all das und noch viel mehr war 2019 prominent Thema in Berlin. Sicher auch, weil viele Tourismusprofis genau das heute wünschen – sei es aus aufrichtigem Interesse oder, weil sie den ökonomischen Druck in Europa spüren, dass immer mehr Kunden ohne Reue reisen wollen und man als Reiseunternehmen daher mehr ethisch und ökologisch saubere Produkte anbieten muss, um am Markt zu bestehen.

Die Schlüsselfrage ist, ob und wie es der Messe Berlin gelingt, dieses gute und sehr erfolgreiche Konzept der ITB mit seiner inhaltlichen Tiefe zu exportieren – und zwar in den gigantischen Reisemarkt Asien, von dem alle Experten erwarten, dass immer mehr Menschen dort sich bald erstmals eine Auslandsreise leisten werden. Erst dann wäre ein großer Schritt zur Eindämmung der negativen Aspekte des Massentourismus getan.

Kann die ITB ihr politisches Konzept nach Asien exportieren?

Schon seit 2008 gibt es eine ITB Asia in Singapur, seit drei Jahren auch eine in Schanghai. Die Messe Berlin ist damit wirtschaftlich so erfolgreich, dass sie im April erstmals drei „Mini-ITBs“ in den südostasiatischen Megacitys Jakarta, Manila und Kuala Lumpur veranstalten wird. Und im April des kommenden Jahres erstmals eine „große“ ITB Asia im indischen Mumbai. Wenn es auch dort im Begleitprogramm um Plastikmüll geht, um sexuelle Ausbeutung, um faire Löhne, und die lokalen Reiseprofis das Programm auch gut annehmen, kann eine ITB als Plattform mehr leisten als es viele spendenfinanzierte Hilfsprojekte.

Und doch sollte man die Ansprüche nicht zu hoch hängen. Die Messe Berlin ist ein gewinnorientiertes Dienstleistungsunternehmen und keine Entwicklungshilfeorganisation des Berliner Senates, auch wenn das Herz der aktuellen rotrotgrünen Landesregierung besonders stark an sozialen und ökologischen Themen hängen mag. Die ITB kann in Berlin und in Asien nur Angebote vermitteln. Wenn Asiens Kunden diese nicht annehmen, weil sie ihnen zu europäisch-moralisch daherkommen, ist die  Messe schnell wieder raus aus dem Geschäft.

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