• „Könnte große Zahl zusätzlicher Sterbefälle geben“: Forschergruppe listet mögliche Folgen des Corona-Lockdowns auf

„Könnte große Zahl zusätzlicher Sterbefälle geben“ : Forschergruppe listet mögliche Folgen des Corona-Lockdowns auf

Psychischer Druck, schlechtere Bildungschancen, weniger Klimaschutz: Die Corona-Krise hat Nebenwirkungen, über die aus Sicht von Experten zu wenig diskutiert wird.

In vielen Ländern wurden Schulen wegen der Pandemie geschlossen.
In vielen Ländern wurden Schulen wegen der Pandemie geschlossen.Foto: Antti Aimo-Koivisto/Lehtikuva/dpa

Wie steht es in der Corona-Krise um das Kindeswohl, vergrößern sich Ungleichheiten bei der Bildung? Welche Auswirkungen auf die Gesundheit haben Arbeitslosigkeit oder Insolvenz? Und steigt das Risiko, dass andere Erkrankungen zunehmen?

Mit diesen Fragen hat sich ein Team von Wissenschaftlern beschäftigt, koordiniert durch das Beratungsunternehmen Prognos und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Herausgekommen ist eine Bestandsaufnahme zu den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgekosten der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie.

Die Autorinnen und Autoren wollen ihre Analysen dabei ausdrücklich nicht als Kritik am Lockdown in den vergangenen Wochen verstehen und auch nicht als Plädoyer für pauschale weitreichende Öffnungen. Doch sie wollen der Politik „eine zusätzliche Evidenz“ dafür bieten, wozu die bestehenden Einschränkungen in Bereichen führen können, die bisher nicht im Zentrum standen.

Folgen für die Gesundheit

Da sind zum einen die Folgen für die Gesundheit: Um Intensivbetten für Covid-19-Patienten zur Verfügung zu haben, wurden Operationen und Behandlungen verschoben. Aus Angst vor Ansteckung wurden außerdem Physiotherapien, Reha-Maßnahmen, aber auch psychiatrische Behandlungen abgesagt.

Langfristig könne es, etwa weil Schlaganfälle oder Herzinfarkte nicht rechtzeitig erkannt würden, zu einer „großen Zahl zusätzlicher Sterbefälle“ aufgrund der Unterversorgung kommen, warnt Tilmann Slembeck von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zürich. Wie hoch diese ausfielen, hänge insbesondere davon ab, wie rasch Krankenhäuser und Therapieeinrichtungen zu einem Normalbetrieb übergingen.

Aber auch die Kontaktbeschränkungen selbst können gesundheitliche Einschränkungen mit sich bringen, schreibt der Sozialmediziner Christian Apfelbacher. In früheren Studien zu den Auswirkungen von Quarantäne-Maßnahmen seien „Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung“, aber auch „Depressivität, Ängstlichkeit und Stress“ festgestellt worden.

Auch die steigende Arbeitslosigkeit hat für die Betroffenen nicht nur materielle Auswirkungen, wie die Ökonomen Hans-Peter Klös und Hilmar Schneider schreiben. Fehlende Anerkennung, weniger soziale Kontakte, ein schlechterer Gesundheitszustand, all das können Folgen eines Jobverlusts sein.

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Folgen von Schulschließungen

Die Schulschließungen können sich sowohl auf den Bildungserfolg als auch auf Rollenmuster bei Eltern auswirken. Ein längerer Unterrichtsausfall benachteilige Kinder aus sozial benachteiligten Familien besonders, schreiben die Erziehungswissenschaftlerin Anke Langner und der Volkswirt Axel Plünnecke, die auf Erfahrungen mit längeren Lehrerstreiks etwa in Belgien, aber auch in Argentinien verweisen.

Eltern, die selbst  eine schwierige Schulbiografie hinter sich hätten, könnten ihre Kinder nicht gut unterstützen, zumal die  „Hausaufgaben“ oft eine große Selbstständigkeit verlangten. Hinzu komme,  dass Schüler aus sozioökonomisch benachteiligten Familien seltener über einen eigenen PC oder einen ruhigen Arbeitsplatz verfügen.

Die Kita- und Schulschließungen haben außerdem eine Tendenz verstärkt, die sich schon in normalen Zeiten in den Statistiken zeigt: Mütter reduzieren häufiger ihre Arbeitszeit und übernehmen einen größeren Anteil der Kinderbetreuung.

Für „eine kleine Gruppe“ der Eltern könnte die stärkere Nutzung des Homeoffice in der Corona-Krise jedoch langfristig zu einer „egalitäreren Arbeitsteilung“ führen, prognostizieren die Wissenschaftlerinnen Miriam Beblo und Sabine Walper. Tradierte Rollenteilungen würden leichter aufgebrochen, wenn „ein echter Rollentausch“ vollzogen werde, die Mutter also außerhalb des Hauses erwerbstätig sei und der Vater die Corona-bedingte Kinderbetreuung im Homeoffice überwiegend allein stemmen müsse.

In den USA beziffern Studien den Anteil solcher Konstellationen auf zwölf Prozent aller verheirateten Paare, in Deutschland sei der Anteil ähnlich hoch. Temporär könne die Krise jedenfalls dazu führen, dass Väter etwas stärker in die Sorgearbeit einbezogen würden. Allerdings gebe es auch einen großen Anteil an alleinerziehenden Müttern, in knapp 43 Prozent der Haushalte habe außerdem kein Elternteil die Möglichkeit zur Heimarbeit.

Folgen vernachlässigter Klimapolitik

Gesellschaftliche Kosten können durch die Corona-Krise auch dann entstehen, wenn andere Politikfelder vernachlässigt werden – wie der Klimaschutz. Noch vor wenigen Monaten bestimmten die Klimastreiks der Fridays-for-Future-Bewegung die Schlagzeilen, doch das Thema ist in der Corona-Krise in der öffentlichen Debatte in den Hintergrund getreten, wie Almut Kirchner und Michael Böhmer von der Prognos AG analysieren.

Investitionen in Energieeffizienzmaßnahmen würden zurückgestellt oder erfolgten gar nicht, der Bau von Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien stocke ebenso wie der Netzausbau. Dabei sei der leicht rückläufige weltweite Ausstoß von Treibhausgasen nicht von Dauer. Wenn Verkehr und Industrieproduktion in gleicher Struktur wieder „hochgefahren“ würden, werde die Emissionsmenge der Vorjahre wieder erreicht und der Klimawandel setze sich unvermindert dort – mit Extremwetterlagen, Hitzen und Dürren.

Die Autoren empfehlen, in der Krise die Investitionen so auszugestalten, dass sie auch den langfristigen Klimaschutzanforderungen genügen. Die sei auch „effizient“, denn spätere „Reparaturarbeiten“ seien überproportional teuer. Schätzungen zeigten, dass der Verzicht auf klimaschutzbedingte Mehrinvestitionen von 30 bis 50 Milliarden Euro in den nächsten beiden Jahren zu erhöhten Kompensationskosten von gut 100 Milliarden Euro bereits 15 bis 20 Jahre später führten.

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