Kritik an Israel : Die Mikro-Antisemitismen nehmen zu

Das deutsch-israelische Dilemma muss bleiben – und immer neu erkundet werden. Eine Kolumne.

An Israels Mauer entzündet sich immer wieder Kritik - auch in Deutschland.
An Israels Mauer entzündet sich immer wieder Kritik - auch in Deutschland.Foto: DPA

Auf die Verkehrung wird oft hingewiesen, umsonst. Sie hält sich beharrlich. Wo Medien von Konflikten, Scharmützeln zwischen Israel und dessen Nachbarn berichten, legen bereits die Schlagzeilen das Gewicht auf Israels Tun, etwa wenn es heißt: „Israel bombardiert Hamas-Ziele in Gaza“. Erst später im Text erfährt man: „Israel reagiert auf den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen“, wie am Montag auf der Webseite der Tagesschau, und nicht nur dort. Labyrinthische Umwege und Drehungen gehen solchen Zeilen voraus, Kaskaden von Stereotypen und, die so oft weitergereicht und wiederholt werden, bis sie wie von allein zu entstehen, einfach selbstverständlich scheinen. Es sind Mikro-Antisemitismen, und sie nehmen zu.

Ohne Zweifel ist Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu in vieler Hinsicht kritikwürdig. Der globale Rechtsruck hat auch vor der kleinen und einzigen Demokratie im Nahen Osten nicht Halt gemacht. Staunenswert ist zugleich, wie produktiv und innovativ der von Antidemokraten umringte Staat bleibt, der nach dem Holocaust als Refugium gegründet wurde. Und das, während sich ringsumher Hisbollah, Hamas und das Mullahregime aus Israel wie aus „den Juden“ allgemein weiterhin ihre Sündenböcke zurechtkneten. „Aber Israel! Aber Israel hat angefangen!“ gehört zu den Standardfloskeln dieser Milieus – und vieler weiterer, auch in westlichen Demokratien.

In Deutschland sollte die Öffentlichkeit wacher sein, klarer, demokratischer. Besonders hier ist jedes Gran Aufklärung zu begrüßen. Tatsächlich gibt es viele Debatten, Foren und Texte, die dazu beitragen können. Vom 4. bis 8. September zum Beispiel wird auf den Deutsch-Israelischen Literaturtagen 2019 des Goethe-Instituts und der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin unter anderem das Thema „Wie stabil sind wir und wie immun unsere Demokratien?“ diskutiert. Gleich darauf, vom 8. bis 17. September lädt das Jüdische Filmfest Berlin & Brandenburg zum Entdecken von Werken aus aller Welt, darunter der couragierte israelische Film „Feigenbaum“ einer aus Äthiopien stammenden Regisseurin. Arbeit dieser Art, der es um Verständigung und Verständnis geht, läuft stets parallel zum Mainstream

Mit am klarsten bleibt die Stimme des Ende 2018 verstorbenen Autors Amos Oz. In seinem leidenschaftlichen Essay „Deutschland und Israel“ skizziert Oz das deutsch-israelische Dilemma als notwendiges und nicht aufzulösendes. Als eines, das Vernunft, Bewusstsein und Empathie erfordert. Oz, der 1939 als Sohn von Immigranten aus Osteuropa in Jerusalem zur Welt kam, verdichtet das Dilemma schon im ersten Satz mit der Aussage: „Vor allem: Keine Normalisierung.“

Verbitterung nach "Flitterwochen" mit Israel

Deutsche Literaten, die er auf Hebräisch las, hatte Oz als jungen Mann von seinem rigiden Widerwillen gegen das Täterland befreit. Er war häufig, und häufig gern, zu Gast in der Bundesrepublik, beobachtete aber auch die fast „zwanghafte“ Dimension der „Besessenheit“ des deutschen Publikums mit dem Nahostkonflikt und dessen Fixierung auf Palästinenser als Opfer. Den deutschen „Flitterwochen“ mit Israel, während derer Tausende Jugendliche in die Kibbuzim geströmt waren, sah Oz Ernüchterung und Verbitterung folgen. Das idealisierte Israel hatte sich nicht als Oase des Sozialismus erwiesen, sondern als ein Land mit Leuten wie überall anders auch. So wurde „seitens der Deutschen die Enttäuschung über Israel groß, bitter und oft auch radikal.“

Wie die Mehrheit in der arabischen Welt stellten Teile der deutschen Linken – von der Rechten ganz zu schweigen – Israel nach und nach an die Seite des „großen Satans“ USA. Begonnen hatte die „antiisraelische Wende“, wie Oz es nennt, „der erdrutschartige Verfall von Israels Ansehen“. Laut seiner einleuchtenden Analyse trug dazu der vorherige „sentimentale Philosemitismus“ ebenso bei, wie der durch ihn zugeschüttete Antisemitismus, und zu einem kleinen Teil auch das zeitweise robuste Vorgehen von Israel gegen seine Feinde. Doch die anderen Ursachen wogen schwerer, wie Oz ohne Illusion erkannte.

Kaum eine Zeile des 2018 auf Deutsch erschienen Essays lässt ahnen, dass Amos Oz diesen Text schon 2005 verfasst hatte. Verblüffend, geradezu erschreckend aktuell klingen seine Diagnosen. Frisch, wie von heute. Anlass genug, sie zu lesen, zu verschenken, zu verbreiten, als klaren Text.

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