Lockerungen und die Folgen : Freiheit bringt auch Verantwortung - gerade in Corona-Zeiten

Freiheit heißt nicht nur Selbstverwirklichung, sondern sie verpflichtet auch. Denn Freiheit ist mehr als ein Gefühl. Ein Kommentar.

Neustart in der Gastronomie: hinter Plexiglas.
Neustart in der Gastronomie: hinter Plexiglas.Foto: Arne Dedert/dpa

Ach ja, Zeilen sind das. „Freiheit, Freiheit/ Ist die einzige, die fehlt/Freiheit, Freiheit/ Ist die einzige, die fehlt“ – aber jetzt ist sie doch wieder da, die Freiheit, oder? Überall warten Restaurants auf uns, der Fußball rollt, es gibt Lockerungen allerorten.

Jeden Tag spüren wir es in den Corona-Zeiten mehr, dieses Gefühl, das Marius Müller-Westernhagen einen riesigen Mitsingerfolg bescherte, als die Freiheit ganz Deutschland beseelte. Zum Glück.

Wir Deutsche lernen sie gerade durch die Einschränkungen der Corona-Zeit wieder schätzen, die Freiheit. Die Gewöhnung an Freiheit fiel umso leichter, wo man nicht um sie hat kämpfen müssen.

Die Ostdeutschen allerdings schon: „Ich kannte den mitleidigen Blick jener, die meine beständige Freude an der westlichen Freiheit für naiv hielten, irgendwie rührend“, schreibt Gauck in seinem Buch über die Freiheit und erinnert die Westdeutschen daran, dass für sie dieses Geschenk alltäglich war.

Es ist ein historischer Zufall und doch passend, dass im Jahr 30 der Wende durch Corona Freiheit als Wert im gesamten Land enorm an Wert gewinnt.

Sich selbst beherrschen

Eine Vereinigung im Lebensgefühl? Das auch. Aber, wie Rüdiger Safranski in Anlehnung an Gaucks Lebenserfahrung geschrieben hat: „Freiheit ist mehr als nur Selbstverwirklichung. Es ist die Kraft, die uns dazu bringt, auch über uns selbst hinauszugehen.“

Die Bezogenheit auf andere, die Gesellschaft, macht Freiheit besonders erlebbar, macht allerdings nicht bei der Selbstverwirklichung halt. Freiheit wird insofern fordernd, als sie uns, den Einzelnen, dazu bringen kann, sich selbst zu überwinden – und sich selbst zu beherrschen.

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Selbstbeherrschung als Form der Freiheit: Das ist ein Teil dessen, was der frühere Bundespräsident und sein bester Interpret unter „Ermächtigung“ verstehen. Das Wort ist zu Unrecht verkannt, denn zur Freiheit ermächtigt wächst uns die Macht zur Eigenverantwortung und zur Verantwortung für andere zu. Indem wir eigene Grenzen erkennen und die achten, die andere uns setzen.

Wenn kein Zwang da ist, herrscht Freiheit. Wenn man selbst bestimmen kann, was man tut, ist man frei. Die eigene Freiheit endet dort, wo die Freiheit anderer geschützt werden muss. So wird Freiheit in der politischen Bildung definiert.

Freiheit als Pflicht

Damit enthält Freiheit auch eine Pflicht. Man muss ja nicht so radikal daherkommen wie der Aufklärer Kant, um doch anzuerkennen, dass glückselig nur werden kann, wer im Gefühl der Freiheit „nicht dem Rechte des Andern Abbruch thut“.

Freiheit ist eben mehr als ein Gefühl. Freiheit ist eine Geisteshaltung. Die zeigt, wes Geistes Sinn eine Gesellschaft ist: Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit der Berufswahl, Versammlungsfreiheit, Forschungs- und Veröffentlichungsfreiheit – alles zusammengenommen gerinnt zur Freiheit zu etwas, nicht nur von etwas, von Willkür, Bevormundung, Beschränkung.

[Der Seuchen-Effekt: Wie Pandemien die Gesellschaft verändern lesen Sie hier]

Es ist die Freiheit, die von großen Freiheitsfreunden wie Robert Kennedy bis zu Joachim Gauck gepredigt worden ist: Verantwortung für diese Kleinode der Demokratie zu übernehmen.

„Freiheit, Freiheit/ Ist das Einzige, was zählt/Freiheit, Freiheit/ Ist das Einzige, was zählt“ – unser Glück zu feiern, muss keiner versäumen. Aber die Corona-Zeit erinnert alle daran, Freiheit pfleglich zu behandeln, mit Rücksicht. Sie soll uns doch für alle Zukunft erhalten bleiben.

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