Martenstein über die Tellkamp-Affäre : Vom Recht, nicht links zu sein

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp hat mit Äußerungen über die Zuwanderung in die Sozialsysteme provoziert. Jetzt wird der dafür heftig kritisiert. Zu Unrecht, meint unser Kolumnist.

Ein Tabubrecher? Der Schriftstelle Uwe Tellkamp.
Ein Tabubrecher? Der Schriftstelle Uwe Tellkamp.Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Der Autor Uwe Tellkamp hat den Satz gesagt: „95 Prozent der Flüchtlinge kommen nur, um in die deutschen Sozialsysteme einzuwandern.“ Die Zahl ist Quatsch, genaue Prozentzahlen kennt kein Mensch. Von manchen Einwanderern kennt man nicht mal Namen, Alter und Geburtsland – wie soll man da die Motive kennen?

Der Satz war polemisch und zugespitzt. Im Parteiprogramm der Grünen steht allerdings fast das Gleiche, nur elegischer: „Nicht alle Menschen, die zu uns kommen, sind auf der Flucht. Manche kommen auch, weil sie neue, bessere Perspektiven suchen. Für sie ist das Asylrecht nicht gemacht.“

Gabriel klingt wie Tellkamp

Schauen wir mal, wie rustikal Sigmar Gabriel das gleiche Problem beschrieben hat: „In manchen Großstädten gibt es ganze Straßenzüge mit Schrottimmobilien, in denen Migranten nur aus einem Grund wohnen: Weil sie für ihre Kinder, die gar nicht in Deutschland leben, Kindergeld auf deutschem Niveau beziehen. Es gibt in Europa ein Recht auf Zuwanderung in Arbeit, aber kein Recht auf Zuwanderung in Sozialsysteme ohne Arbeit.“

Tellkamps Satz klingt stark nach Gabriel – und deshalb distanziert sein Verlag sich von ihn, und das halbe Feuilleton tobt? „Plumpe Ressentiments“? „Wahnsystem“? Es ist gut, dass die rechte These, die deutschen Medien seien alle mit SPD und Grünen verbündet, endlich widerlegt wurde.

Bedrohte Meinungsfreiheit?

Ein Teil der Kollegen befindet sich nachweislich nicht auf dem Boden des grünen Programms, sondern andernorts, das Wort „Nirwana“ wäre sicher zu grob. Jetzt wird gefragt: Ist die Meinungsfreiheit bedroht? Nur, weil jemand, der eine Wahrheit polemisch zuspitzt, für wahnsinnig erklärt wird? Auf „Spiegel Online“ wird eine Bedrohung der Meinungsfreiheit mit folgendem Satz bestritten: „Er hat es ja gesagt, er darf es also.“ Erst wenn keiner mehr etwas sagt, ist die Meinungsfreiheit bedroht, vorher offenbar nicht.

Konservativ ist nicht gleichbedeutend mit Nazi

Es kann in Deutschland passieren, dass ein Buch aus den Bestsellerlisten wie von Zauberhand verschwindet. Es kann passieren, dass alle Bücher eines Autors plötzlich nicht mehr lieferbar sind. Es kann passieren, dass bei einer Buchmesse politisch nicht genehme Verlagsstände geplündert werden, ohne dass die Messeleitung sich zuständig fühlt. Es kann passieren, dass Autoren nicht auftreten können und die Polizei sich für machtlos erklärt.

Das alles passiert hier, nicht etwa in Russland. „Rechts“ und „links“ aber gibt es, seit es Demokratie gibt. Die Begriffe „konservativ“, „liberal“ oder „christlich“ sind nicht gleichbedeutend mit „Nazi“, so wenig, wie „links“ bedeutet, dass man Josef Stalin gut findet. Vielleicht sollte man das Menschenrecht, nicht links zu sein, in die Verfassung schreiben. Andernfalls landen wir womöglich wieder dort, wo Ostdeutschland schon mal war.

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