Mesale Tolu : "Mein Sohn ist zum ersten Mal mit beiden Eltern zusammen"

In Istanbul ist der Prozess gegen Mesale Tolu weitergegangen. Im Interview erzählt die Journalistin, wie sie den Tag und ihre Zeit im Gefängnis erlebt hat.

Pinar Tarcan
Die Journalistin Mesale Tolu auf dem Weg zum Gericht. Foto: Reuters/Kemal Aslan
Die Journalistin Mesale Tolu auf dem Weg zum Gericht. Foto: Reuters/Kemal AslanFoto: REUTERS

Frau Tolu, ein Istanbuler Gericht hat entschieden, Ihrem Ehemann Suat Corlu die Ausreise nach Deutschland zu erlauben. Den Prozess gegen Sie haben die Richter in den Januar vertagt. Wie haben Sie den Gerichtstermin erlebt?

Meine Anwälte haben mir im Vorfeld erklärt, dass der Prozess sehr wahrscheinlich vertagt wird. Deshalb haben wir fest damit gerechnet. Für uns gab es heute nur eine wirklich wichtige Entscheidung: Dass die Ausreisesperre gegen meinen Mann aufgehoben wurde. Ansonsten sind wir am exakt gleichen Punkt, an dem wir uns vor einem Jahr befunden haben. Es liegen nach wie vor keine Beweise für die Anschuldigungen gegen uns vor.

Immerhin ist Ihre Familie nun vereint.

Ja, die Entscheidung ist für uns als Familie sehr wichtig. Seit zwei Jahren leben wir getrennt voneinander. Mein Sohn kann jetzt zum ersten Mal in seinem Leben mit seinen beiden Eltern zusammen sein. Mein Mann war lange nicht in Deutschland. Unser Sohn wird sehr glücklich sein, seinen Vater wiederzusehen. Was uns widerfahren ist, ist sehr ungerecht. Zwei Jahre haben wir diese Ungerechtigkeit erduldet. Die Aufhebung der Ausreisesperre war überfällig. Aber es gibt in der Türkei noch immer viele inhaftierte Journalisten.

Sie wurden im Frühjahr 2017 verhaftet und dann neun Monate festgehalten. Hätten Sie jemals mit so etwas gerechnet?

Als ich für die Nachrichtenagentur ETHA gearbeitet habe, habe ich viel über solche Polizeieinsätze berichtet. Alle, die in der Türkei für die freie Presse arbeiten, rechnen mit solchen Aktionen. Ich hatte es allerdings nicht vorhergesehen. Mein Mann war drei Wochen zuvor verhaftet worden. Ich dachte: So grausam können sie nicht sein, mich gleich nach meinem Mann festzunehmen. Als die Polizei dann in jener Nacht kam, dachte ich zunächst, die Durchsuchung habe etwas mit der Verhaftung meines Mannes zu tun.

Sie glaubten also nicht, die Razzia gelte Ihnen?

Nein, das kam mir nicht in den Sinn. Mein Mann war in Ankara verhaftet worden, unsere Wohnung in Istanbul hatte bis dahin niemand durchsucht. Als die Polizei in unser Haus stürmte, dachte ich, sie suchten vielleicht jemanden anderen.

Ihr dreieinhalb Jahre alter Sohn ging mit Ihnen ins Gefängnis. Wie hat er auf die Haft reagiert?

Er war sechs Monate mit mir hinter Gittern. Die ersten Tage waren schlimm für ihn. Er konnte nicht verstehen, wo er war – noch weniger: warum wir dort waren. Es war sehr schwer, ihm das alles zu erklären.

Das muss hart gewesen sein.

Ja. Wir waren allerdings in einer Gemeinschaftszelle. Die teilten wir mit politischen Gefangenen, die sich um meinen Sohn kümmerten. Auch um mich haben sie sich gekümmert. Man kann sagen: Sie hielten mich am Leben. Als Mutter fühlst du dich so hilflos, wenn du mit deinem Kind im Gefängnis sitzt. Diese Frauen aber haben mich nie hängen lassen. Nach einem halben Jahr kam mein Sohn dann zu meiner Familie nach Deutschland.

Wie ist der Junge mit dem Leben im Gefängnis umgegangen?

Er stellte mir immer die gleiche Frage: Wer sind die Menschen, die diese Türen abschließen? Ich antwortete: Mein Sohn, das sind die Wärter. Aber er fragte wieder: Nein, ich meine das Tor ganz draußen, wer schließt das ab? Er wollte wissen, wer für unsere Inhaftierung verantwortlich war.

Nach neun Monaten wurden Sie entlassen. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?

Drei Polizisten der Anti-Terroreinheit kamen in meine Zelle. Es waren die gleichen Beamten, die mich zuvor ins Gefängnis gebracht hatten. Eigentlich war die türkische Ausländerpolizei für mich zuständig. Als aber die Anti-Terroreinheit in meine Zelle kam, wusste ich, dass es um etwas Politisches ging. Sie haben mich aus dem Gefängnis entführt.

Was meinen Sie?

Der Gefängnisdirektor hatte eigentlich versprochen, dass ich meine Familie und den deutschen Botschafter sehen dürfte. Die Polizisten wussten davon jedoch nichts, sie wussten nicht einmal, dass eine Ausreisesperre gegen mich vorlag. Sie steckten mich in einen Van mit abgedunkelten Scheiben und fuhren mich von Polizeistation zu Polizeistation, bevor ich um halb elf Uhr abends entlassen wurde.

Nachdem Ihre Ausreisesperre aufgehoben wurde, flogen sie nach Deutschland. Kein wirklicher Grund zur Freude, sagten Sie damals. Warum?

Mein Sohn und ich waren frei, aber mein Mann war immer noch in der Türkei. Ich sagte das aber auch aus dem Verantwortungsgefühl meinen türkischen Kollegen gegenüber. In der Türkei sitzen zahlreiche Journalisten in Haft, dazu Anwälte und Verteidiger der Menschenrechte. Auch Studenten sind inhaftiert. Das Statement nach meiner Ankunft in Deutschland war für diese Menschen bestimmt, damit sie nicht vergessen werden. Ich spreche diese Dinge an, um die Öffentlichkeit in Deutschland für die Lage in der Türkei zu sensibilisieren.

Wurden Sie als Deutsche im Gefängnis anders behandelt als die türkischen Häftlinge?

Als ich freigelassen wurde, titele die Zeitung „Cumhuriyet“: Eine weitere Deutsche wird entlassen, türkische Journalisten bleiben in Haft. Ich habe das kritisiert. Als Deutsche hatte ich keine Vorteile im Gefängnis. Im Gegenteil: Ich wurde erst nach der zweiten Anhörung freigelassen, andere Häftlinge kamen schon nach der ersten Anhörung frei. Wären die deutsch-türkischen Beziehungen schlechter, ich wäre vielleicht noch immer im Gefängnis.

Sie haben sich Anfang September mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier getroffen. Was haben Sie besprochen?

In unserem Gespräch war es vor allem ich, die viel geredet hat. Herr Steinmeier wollte vieles von mir wissen: Wie es mir ergangen ist. Aber auch, welcher Druck auf die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei besteht.

Wie steht's es denn um die Freiheit in der Türkei?

Menschenrechtsverletzungen nehmen stark zu in der Türkei. Das sehen auch die Europäer. Leider tun sie nichts dagegen.

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