• „Politiker müssen mehr unternehmen“ : Rabbiner sieht Zukunft der Juden in Europa gefährdet

„Politiker müssen mehr unternehmen“ : Rabbiner sieht Zukunft der Juden in Europa gefährdet

Der Rabbiner Menachem Margolin fordert mehr Engagement im Kampf gegen Antisemitismus – und schärfere Gesetze.

Johannes C Bockenheimer
107 Grabstätten des Friedhofs Westhoffen, rund 25 Kilometer von Straßburg entfernt, wurden Anfang 2019 antisemitisch beschmiert.
107 Grabstätten des Friedhofs Westhoffen, rund 25 Kilometer von Straßburg entfernt, wurden Anfang 2019 antisemitisch beschmiert.Foto: Uncredited/AP/dpa

Angesichts einer steigenden Zahl von Übergriffen auf Juden Europa haben jüdische Organisationen in einem gemeinsamen Appell von der Politik mehr Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus eingefordert.

Bei einem Symposium in Krakau anlässlich des 75. Jubiläums der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz, mahnte der Rabbiner Menachem Margolin, Vorstand der European Jewish Association (EJA), dass es nicht ausreiche, an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern.

"Europas Politiker müssen mehr unternehmen, als antisemitische Vorfälle zu verurteilen. Das ist nicht genug. Sie müssen mehr unternehmen, um die Zukunft der Juden in Europa zu sichern.”Margolin sprach sich dafür aus, gesetzlich schärfer gegen Judenhass vorzugehen.

“Wir müssen neue Gesetze schaffen oder alte anpassen, um im Kampf gegen Antisemitismus erfolgreich zu sein”, sagte er dem Tagesspiegel am Dienstagabend.

“Es kann nicht sein, dass Juden auf europäischen Straßen um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten müssen”, sagte er.

Zugleich forderte Margolin eine bessere Bildungsarbeit zur Hassprävention. “Wenn es uns nicht gelingt die jungen Generationen für Antisemitismus zu sensibilisieren, ist das jüdische Leben in Europa bedroht.”

"Scheitern allzu oft an der Diagnose"

Frank Müller-Rosentritt, Bundestagsabgeordneter der FDP im Deutschen Bundestag, unterstützte die Forderung des Rabbiners: “Antisemitismus ist auch an deutschen Schulen ein riesiges Problem”, sagte er am Rande des Symposiums dem Tagesspiegel.

“Um aber die richtige Therapie für dieses Problem zu finden, bräuchte es zunächst einmal eine richtige Diagnose - daran aber scheitern wir leider noch allzu oft”, sagte der FDP-Politiker.

“Nicht zuletzt müssen wir unsere Lehrer und Erzieher deshalb darin schulen, Antisemitismus zu erkennen.”Zugleich sprach sich Müller-Rosentritt für einen verpflichtenden Besuch für Schulklassen in einer der KZ-Gedenkstätten aus: “Als Liberaler bin ich staatlichen Verpflichtungen gegenüber skeptisch eingestellt. Aber es gibt eine Verpflichtung, für die ich mich ganz vehement ausspreche: Dass sich nämlich jeder Schüler, der in Deutschland eine zehnte Klasse beendet hat, einmal ein Konzentrationslager ansieht und sich dort über die Geschichte informieren lässt.”

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Der FDP-Politiker zählte zu den insgesamt rund 200 Politikern aus allen europäischen Staaten, die an dem Symposium in Krakau teilnahmen. Teil der Veranstaltung war auch ein gemeinsamer Besuch des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz.

Bei einer anschließenden Gedenkfeier warnte der Rabbiner und Holocaust-Überlebende Meir Lau davor, dass sich Antisemitismus immer häufiger in Attacken auf den Staat Israel äußerten: “Sie haben uns gehasst als wir Fremde ohne ein Land waren und sie hassen uns auch heute, weil wir uns eigenes Land haben. Der Antisemitismus ist eine Krankheit”, sagte er.

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