Eine Toncollage aus Archivmaterial der Stasi : Hören mit Schmerzen

Tausende von Verhören und Anrufen dokumentierte die Stasi auf Tonband. Andreas Ammer und FM Einheit haben daraus eine beklemmende Collage gemacht.

Schreibtisch der Täter. Egal ob Denunzianten oder subversive Spaßguerilleros, die Stasi schnitt Hundertausende Anrufe mit.
Schreibtisch der Täter. Egal ob Denunzianten oder subversive Spaßguerilleros, die Stasi schnitt Hundertausende Anrufe mit.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Böse sächselt. Es schmeichelt, es beschimpft, es bedrängt: „Sie haben gelogen, von Anfang an!“ Stundenlang bearbeitet der Stasi-Offizier den Arzt, der sich windet und leise auf seine Unschuld pocht, bis er vor den Suggestivfragen und mit falschen Sprichwörtern garnierten Unterstellungen kapituliert. Weil er selbst nicht mehr zu wissen scheint, ob ihn nicht doch seine Erinnerungen trügen. Hat er sich wirklich nichts zuschulden kommen lassen?

Hunderttausende Tonbänder hat das Ministerium für Staatssicherheit der DDR aufgenommen und archiviert: Mitschnitte von Denunzianten und Gedemütigten, Verhören und Verhöhnungen. Da ist der Westbürger, der seinen Freund verrät, weil er Pornos in den Osten schmuggelt, da ist der selbst ernannte „Telefonterrormensch“, der als subversiver Spaßguerillero die Leitung blockieren will, da ist der Familienvater, der seine Tochter anzeigt, weil sie von Flucht gesprochen hat.

"Belege für die Banalität des Bösen"

Die Hörspielregisseure Andreas Ammer und FM Einheit haben diese Tondokumente mit suggestiver Musik, die mal an Film-noir-Jazz, mal an die hypnotischen Klangexperimente von Einheits Ex-Band Einstürzende Neubauten erinnert, zu einer beklemmenden Kollage zusammengeschnitten. Beklemmend in ihrer Unmittelbarkeit, die eine Transkription der Gespräche so nie erreichen könnte. Beklemmend aber vor allem, weil diese Unmittelbarkeit einmal mehr „Belege für die Banalität des Bösen“ liefert, wie Joachim Gauck im Begleitwort schreibt, der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, in deren Archiv die Bänder bis heute oft ungesichtet liegen.

Um ein Leben zu zerstören, brauchte es nicht viel mehr als einen Telefonapparat und etwas kleinbürgerliche Niedertracht. Frappierend auch die sture Pedanterie, mit der die Stasi noch den eigenen Untergang festhielt: „Bis etwa Höhe Straße steht alles still. Kerzen in der Hand. Sprechlosung: Lieber Schnitzel statt viel Spitzel“, diktiert der Beamte ungerührt auf Band, was unter seinen Bürofenstern vor sich geht. Doch das Tonband zeichnet nicht nur ihn auf. Im Hintergrund ist bereits deutlich das aufbegehrende Volk zu vernehmen: „Schämt euch! Schämt euch!“

Beklemmend in ihrer Umittelbarkeit. Die Hörcollage von Andreas Ammer und FM Einheit.
Beklemmend in ihrer Umittelbarkeit. Die Hörcollage von Andreas Ammer und FM Einheit.Foto: promo

Andreas Ammer & FM Einheit: "Sie sprechen mit der Stasi. Originalaufnahmen aus dem Archiv der Staatssicherheit." Toncollage, WDR/Der Hörverlag, München 2018. 1 CD/53 min., empf. Preis 14,99 €.

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