Präsidentschaftswahl in Russland : So denken die Bürger in Wladimir über Putin

In Russland wird heute ein Präsident gewählt. Der Sieger mag feststehen – zufrieden sind die Bürger aber nicht. Ein Besuch in der Stadt Wladimir.

Jutta Sommerbauer
Der Sieg mag feststehen, doch nicht überall im Land ist man von Putin begeistert.
Der Sieg mag feststehen, doch nicht überall im Land ist man von Putin begeistert.Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Ein paar Schritte von der viel befahrenen Hauptstraße entfernt steht ein Schriftzug mit den Buchstaben „Ich liebe Wladimir“. Hier fotografieren sich die Touristen vor der Uspenskij-Kathedrale. Das im 12. Jahrhundert aus weißem Stein errichtete Bauwerk bietet eine prachtvolle Kulisse.

Dahinter liegt das malerische hohe Ufer des Flusses Kljazma. In der neu gestalteten Fußgängerzone erstehen die Besucher Souvenire und schauen Handwerkern über die Schulter. Wladimir, 170 Kilometer östlich von Moskau gelegen, zieht mit seinen historischen Bauwerken viele Touristen an.

Kein Liebesverhältnis zum Langzeitherrscher

Viele Bewohner bestehen darauf, dass Großfürst Wladimir – der aus der heutigen Ukraine stammte und mit seiner Taufe 987 die Christianisierung der Rus einleitete – höchstpersönlich die Ansiedlung gegründet hat. Der Ort hat mit seinen 350.000 Einwohnern für russische Verhältnisse eine mittlere Größe, aber er ist wegen seiner Nähe zu Moskau, einer guten Verkehrsanbindung und günstiger Grundstückspreise für ausländische Investoren eine überdurchschnittlich attraktive Provinzstadt.

Was hält Wladimir von Wladimir? Die Stadt könnte ein Musterbeispiel sein für das aufstrebende Russland unter dem Präsidenten mit dem gleichen Vornamen. Statistische Daten legen die Vermutung nahe, es ist kein Liebesverhältnis zwischen Wladimir und dem Langzeitherrscher Wladimir Putin.

An den letzten Präsidentenwahlen nahm im Gebiet gerade mal jeder zweite Wahlberechtigte teil (53 Prozent). Es war die niedrigste Beteiligung landesweit – weniger noch als im notorisch Putin-skeptischen Moskau. Von den abgegebenen Stimmen fielen nur rund die Hälfte auf Putin.

Wladimir im März 2018. Der Wahlstab Putins ist ein schlichtes Zimmer im zweiten Stock eines Gewerkschaftsgebäudes. Die Zahlen vom letzten Mal sind hier natürlich bekannt. Mit dem Bürgerbüro, das Beschwerden und Anregungen entgegennimmt, mit persönlichen Gesprächen und Veranstaltungen wollen die Putin-Unterstützer der Lethargie entgegenwirken. „Die Menschen denken, dass der Staat alles für sie tut“, beschreibt Natalia Judina, Leiterin des Stabs, die gegenwärtige Stimmung.

Von der Kremlpartei dominiert

Aber es ist die Art und Weise, wie die Putin-Mannschaft das Land führt, die zu dieser Atmosphäre wesentlich beigetragen hat. Der Raum für öffentliche Diskussionen ist verschwindend klein geworden, die vom Kreml gezogene Machtvertikale durchdringt alle Ebenen der Gesellschaft. Dass ein Individuum mit seiner Stimme etwas bewirken kann, glauben nur sehr wenige.

Auf der anderen Seite seien aber die Erwartungen der Menschen seit dem Amtsantritts Putins vor 18 Jahren höher geworden, berichtet die 45-jährige Judina, die Direktorin einer von der Regierung betriebenen Finanzuniversität ist. „Früher wünschte man sich eine Gasleitung. Heute sind es Schwimmbäder.“ Der Aktivist Dmitrij Schutschenko, 32, glaubt nicht an eine hohe Wahlbeteiligung. „Mehr als 50 Prozent Beteiligung wäre psychologisch gut“, sagt er.

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Putins Wiederwahl gilt als sicher
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Im Gebiet Wladimir wird wie in den meisten russischen Regionen die Politik von der Kreml-Partei dominiert. Nach einem kommunistischen Langzeitgouverneur ist seit 2013 mit Olga Dejewa eine Vertreterin der Kreml-Partei Einiges Russland in der Regionalverwaltung am Ruder.

„Ein Teil des Erfolges eines Gouverneurs wird an der Wahlbeteiligung gemessen“, sagt der Chefredakteur der Zeitung „Wladimirskie Wedomosti“, Igor Jefremow. Die Wahllokale im Zentrum sind so vorbildlich ausgezeichnet, dass niemand sie verfehlen kann. Die Gesellschaftskammer, eine zentralstaatlich gesteuerte Einrichtung, rekrutiert Wahlbeobachter. Sogar in der frisch renovierten Jugendbibliothek haben die Mitarbeiterinnen eine kleine Ausstellung gestaltet, die über die acht Kandidaten informiert.

Jemfremows Blatt wird von der Gebietsverwaltung herausgegeben. Doch sogar er beklagt das Fehlen eines Wahlkampfes. Keiner der Kandidaten habe Anzeigen in seinem Blatt geschaltet, erzählt der kräftige Mann in seinem Büro. Warum? „Es ist klar, wer der Sieger ist.“ Ihm persönlich sei es egal, „ob Putin 59 oder 79 Prozent erreicht“.

Ungelöste Müllprobleme, mangelhafte Infrastruktur

Die Bürger beschäftigten andere Probleme: die ungelöste Abfallentsorgung im Gebiet, Umweltverschmutzung und mangelhafte Infrastruktur. „Man gibt jedes Jahr viel Geld aus für Straßenbau, aber immer wieder tauchen im Frühling die Löcher auf.“ Mit dem Eilzug ist man in eineinhalb Stunden in Moskau, mit dem Auto kann es vier bis fünf Stunden dauern wegen der Staus. Auf die Lösung dieser Probleme warteten die Bürger.

Der 26-jährige Dmitrij Resnikow, der für die unabhängige Internetseite „Pro Wladimir“ arbeitet, klingt um einiges kritischer. Nach seinen Worten sind die Kultur- und Tourismusprojekte von Gouverneurin Orlowa zu einem Gutteil Eigen-PR. Die wahren Probleme der Region würden nicht angegangen: Altersarmut, die mangelnde Qualität der Ausbildung, die Zugänglichkeit des Gesundheitssystems.

Die Opposition spielt im Gebiet eine untergeordnete Rolle. Nur die demokratische Partei Jabloko ist mit einem Abgeordneten im Gemeinderat vertreten. Veranstaltungen von den Anhängern Alexej Nawalnys – der nicht zur Wahl zugelassen worden ist – würden nicht genehmigt, berichtet Resnikow.

Der Ankündigungspräsident

Einen Kampf gibt es in Wladimir, wie im ganzen Land, nur um den zweiten Platz. Wird ihn der Ultranationalist Wladimir Schirinowskij oder der Kandidat der Kommunisten, Pawel Grudinin, belegen? Eigentlich müssten die Kommunisten in ihrer einstigen Hochburg eine gute Ausgangsposition haben. Aber der Milliardär Grudinin, gegen den die Kreml-Medien eine Kampagne fahren, vergrätzt traditionelle Wähler der Partei.

Alexander Iwanowitsch, 45, ist ein Anhänger der Kommunisten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn er über das „totalitäre System“ Putins schimpft, in dem kleinen Leuten wie ihm keine Gerechtigkeit widerfahren würde. Und die außenpolitischen Machtansprüche Putins, die Begeisterung über die Annexion der Krim vor vier Jahren? „Die Krim gehörte uns früher genauso, aber da konnte man sich den Urlaub wenigstens leisten“, sagt er.

Putins Russland 2018 – trotz der viel beschworenen Stabilität ist der Kurs nicht klar. Iwanowitsch ereifert sich über Putin: „Warum kündigt er immer wieder Dinge an? Warum hat er sie bis jetzt nicht getan?“ Viele seiner Bekannten seien für Grudinin, aber gewinnen lassen würde man diesen sowieso nicht, ist Iwanowitsch überzeugt.

Putins Stab hat die Antwort auf Iwanowitschs Frage. „Putin ist der einzige vernünftige Kandidat von allen“, sagt Leiterin Natalia Judina. „Die Wahl Putins ermöglicht die logische Fortsetzung seiner bisherigen Arbeit.“ Inwieweit dieses Argument die russischen Wähler überzeugt, wird an diesem Sonntag zu sehen sein.

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