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Besucher machen es sich noch Mitte November im Café gemütlich.

© TT News Agency/Janerik Henriksson via REUTERS

Tagesspiegel Plus

Wissenschaftler klagen an: „Schwedens Corona-Strategie hat Tausende unnötig das Leben gekostet“

Die Regierung in Stockholm hält eisern an ihrem umstrittenen Corona-Kurs fest. Das wollen 40 Forscher ändern – zwei von ihnen erklären im Interview, was im Land schief läuft.

Claudia Hanson (geb.1964 in Iserlohn) ist Associate Professor im Department für Global Public Health am Karolinska Institutet Stockholm sowie am London School of Hygiene and Tropical Medicine. Sie ist Gründungsmitglied des schwedischen Wissenschaftsforums Covid 19. Sigurd Bergmann (geb. 1956 in Hannover), ist emeritierter Professor für Religionswissenschaft (Trondheim, Uppsala, Lund, München), Sekretär des European Forum for the Study of Religion and the Environment, Mitglied der Königlichen Norwegischen Gesellschaft der Wissenschaften und des Wissenschaftsforums Covid 19.

Die Zahl der neuen Coronavirus-Fälle in Schweden und andere Indikatoren wie die Positivrate der Tests deuten auf ein sehr starkes Infektionsgeschehen. Gerät die Pandemie in Schweden gerade außer Kontrolle?
Hanson: Lassen Sie es mich so formulieren: Hier in Schweden wird nie etwas außer Kontrolle geraten, weil man sich und alles grundsätzlich immer unter Kontrolle hat. Somit wird die Messlatte, wann etwas „außer Kontrolle gerät, nach oben geschoben. Schweden ist ein relativ kleines Land, man kennt sich; kritische Fragen in der Öffentlichkeit zu stellen, ist nicht üblich, und somit kann der Staatsepidemiologe Anders Tegnell weiter den Kurs vorgeben.

Es heißt zwar, die Lage sei ernst, aber es gibt weiterhin nur Empfehlungen für die Bürger wie Abstand halten, im Homeoffice zu arbeiten oder soziale Kontakte zu reduzieren, aber fast keine Restriktionen wie in allen anderen Ländern, die von der Pandemie betroffen sind. Geschäfte, Gastronomie, Kitas und Schulen sind weiter geöffnet. Allerdings nehmen einige Kommunen und Regionen gerade die Sache selbst in die Hand und schließen zum Beispiel Bäder, Museen und Freizeitheime.

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Und der Alkoholausschank in der Gastronomie wird ab 22 Uhr verboten, wie Ministerpräsident Stefan Löfven vergangene Woche ankündigte…
Bergmann: Das soll aber erst ab dem 20. November gelten. Was wiederum zeigt, wie halbherzig die Verantwortlichen hier agieren.

Und die Regierung hat trotz der zweiten Welle sogar die wenigen verhängten Verbote wieder gestrichen.
Bergmann: Ja, das generelle Besuchsverbot in Altersheimen, das man im Frühjahr erst dann erließ, als das Coronavirus schon in 50 Prozent aller Einrichtungen in Stockholm tobte, wurde im Frühherbst aufgehoben. Fast 45 Prozent aller Covid-19-Toten in Schweden lebten in Heimen. Inzwischen gibt es für einige Heime wieder Besuchsverbote.

Aber auch die Empfehlung an die über 70 Jahre alten Bürger, sich selbst zu Hause zu isolieren, wurde im Oktober trotz stark ansteigender Infektionszahlen zurückgenommen. Sogar die Obergrenze für Versammlungen sollte von 50 auf 300 Personen angehoben werden, das hat man dann aber auf Eis gelegt. Von einer „zweiten Welle“ wollten die Verantwortlichen noch bis Mitte Oktober keineswegs reden.

Völlig unverständlich ist aus deutscher Sicht, dass es in Schweden keine Maskenpflicht gibt. Warum nicht?
Hanson: Tegnell verneint weiter kategorisch den längst wissenschaftlich erwiesenen Effekt der Masken. Das wird in den meisten Krankenhäusern und Pflegeheimen sogar dogmatisch als Verbot gewertet.

Bergmann: Man fragt sich, warum man es nicht einfach ebenso wie alle anderen in der EU gemacht hat, bleibt aber ebenso ratlos wie König Carl Gustaf und Königin Silvia als sie Tegnell fragten, warum er keine Maskenpflicht empfiehlt. Der König hat die Antwort treffend kommentiert: „Es scheint nicht so, als könne dies irgendjemand erklären, so dass man es faktisch verstehen kann.“

Hanson: Im ganzen Land lag die Positivrate bei den Tests in der vergangenen Woche bei zehn Prozent. Und obwohl die Infektionszahlen stark steigen, ähnlich wie dies in Deutschland Mitte Oktober zu verzeichnen war, scheint Tegnell weiterhin der früheren Strategie zu folgen. Er setzt nur auf freiwillige Maßnahmen. Das Problem damit ist nicht, dass sie freiwillig sind, sondern dass es unklar ist, ob die Bevölkerung die Bedeutung versteht. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es nach offiziellen Angaben keine asymptomatischen Infektionen und keine Feintröpfcheninfektionen gibt.

Claudia Hanson ist Professorin für öffentliche Gesundheit - das Virus können man nicht kontrolliert durch die Bevölkerung jagen, kritisiert sie.
Claudia Hanson ist Professorin für öffentliche Gesundheit - das Virus können man nicht kontrolliert durch die Bevölkerung jagen, kritisiert sie.

© Privat

Sie werfen Tegnell vor, er habe in Schweden so schnell wie möglich die sogenannte Herdenimmunität erreichen wollen. Er dementiert aber beharrlich, dies sei Teil der Strategie der Gesundheitsbehörde gewesen und sagt, wie in allen anderen Ländern auch versuche man, die Kurve der Neuinfektionen flach zu halten, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Was stimmt?
Hanson: Unter anderem publik gewordene Mails von Tegnell an andere Wissenschaftler aus dem Frühjahr belegen, dass er die Herdenimmunität favorisierte. Gerade ist dazu auch ein Buch erschienen. Oft sprach Tegnell von einer fast erreichten Herdenimmunität im Frühjahr. Eine Studie zeigte jedoch, dass lediglich sieben Prozent der Gesamtbevölkerung und zwölf Prozent im besonders vom Virus betroffenen Stockholm zeigten Antikörper hatten.

Bergmann: Außerdem weisen Ethiker, Ökonomen und Epidemiologen schon lange darauf hin, dass es unmöglich ist, gleichzeitig eine gemäßigte Durchseuchung mit dem Schutz der Schwachen und Alten zu verbinden. Man kann eben nicht das Virus vermeintlich kontrolliert durch die Bevölkerung jagen und dabei dennoch die Schwachen und Alten schützen, anstatt eine maximale Unterdrückung der Verbreitung anzustreben, um so das Leben möglichst vieler zu schützen und Zeit für einen Impfstoff zu gewinnen. Der Vergleich mit Norwegen zeigt schon heute klar, dass diese Strategie bis zur Einführung des Impfstoffs im nächsten Jahr tausenden von Menschen unnütz das Leben gekostet hat. Wie man die Alten und Risikogruppen in Schweden trotz der relativen hohen Infektionsrate schützen kann und soll, wurde in Schweden nie öffentlich dargelegt.

Sie kritisieren fehlende Transparenz?
Bergmann: Warum man dieses sozusagen biopolitische Experiment in Schweden hat anlaufen lassen, wurde nie erklärt. Bis heute behauptet man, die Risikogruppen und Alten effektiv schützen zu können. Die rapide steigenden Krankenhauseinweisungen und auch die wieder zunehmende Zahl an Todesfällen zeigen ein anderes Bild.

Im Vergleich zu anderen Ländern verzeichnet Schweden mit seinen rund 10,2 Millionen Einwohner ziemlich viele Covid-19-Tote. Die Rate ist sogar sehr viel höher als in Deutschland…
Hanson: Ja, Tegnells Strategie hat Tausenden in Schweden das Leben gekostet. Der Kurs der Gesundheitsbehörde führte zu jetzt schon mehr als 6160 Covid-19-Toten. Der größte Teil wäre höchstwahrscheinlich zu vermeiden gewesen, wenn man Ende Februar gezielt reagiert hätte wie Finnland und Norwegen. Jetzt steigen auch die Todeszahlen wieder deutlich an, es sind auch wieder mehr Seniorenheime betroffen. Außerdem gibt es Schätzungen zufolge rund 100.000 Covid-19-Langzeit-Erkrankte.

Tegnell argumentiert, international würden sich die Todeszahlen im Verlauf der Pandemie angleichen. Kann er Recht behalten?
Hanson: Auf mögliche zukünftige Todeszahlen in anderen Ländern zu verweisen, ist wirklich zynisch. Klar, wenn ein älterer Mensch in 2020 an Covid-19 gestorben ist, kann er nicht mehr 2021 oder 2022 sterben, und damit sinken die Todeszahlen in diesen Jahren. Es ist epidemiologischer Standard, Zahlen der jeweiligen Jahre zu vergleichen. In einer Epidemie sollte es auch zulässig sein, Zahlen in ähnlichen Stadien der Epidemie zu vergleichen. Das schafft die notwendigen Vergleichsmöglichkeiten, um die eigene Strategie zu bewerten.

Der Theologe Sigurd Bergmann wirft der Zentralregierung Verantwortungslosigkeit vor.
Der Theologe Sigurd Bergmann wirft der Zentralregierung Verantwortungslosigkeit vor.

© Privat

Tegnell sagt, Grund für die vielen Covid-19-Toten in den Heimen sei, dass die Kommunen so schlecht auf die Coronavirus-Pandemie vorbereitet gewesen seien. Stimmt das?
Bergmann: Der Staatsminister, der ständig behauptet, er habe alles richtig gemacht und die Behörde habe ungebrochen sein vollstes Vertrauen, sowie der Staatsepidemiologe schieben einfach die gesamte Verantwortung auf die Kommunen, in deren Verantwortungsbereich die Altenpflege offiziell liegt. Die Kommunen bekamen aber keinerlei Schutzausrüstung, sinnvolle Empfehlungen und Vorgaben vom Staat. Der hatte zudem die Notfalllager für beispielsweise Schutzausrüstung vor Jahren abgeschafft. Es gab zunächst auch keine Krisenstäbe.

Hanson: Meiner Meinung nach muss man, wenn man die alleinige Verantwortung für eine Strategie übernimmt, auch akzeptieren, dass man für alles alleine verantwortlich ist. Aber Schweden entlässt Tegnell aus dieser Verantwortung.

Und die Situation in den Heimen?
Bergmann: Das schwedische Pflege- und Gesundheitswesen ist brutal neoliberalisiert worden. Wegen dieses maroden Ausnahmezustands war die Katstrophe schnell ein Faktum. Der desaströse Zustand der Altenpflege ist seit einem Jahrzehnt öffentlich bekannt und wird debattiert. Aber es ist nicht Schuld der Kommunen an der Basis. Verantwortlich sind Regierung und Gesundheitsbehörde.

Verschwörungstheoretiker und Corona-Skeptiker halten den schwedischen Weg für vorbildlich, bei den Demonstrationen sind immer wieder auch blau-gelbe Flaggen zu sehen. Viele Deutsche aber schütteln angesichts der Lage im hohen Norden den Kopf…
Bergmann: Man kann sich fragen, was die Behörde eigentlich kontrollieren will, den eigenen Machterhalt und den der rot-grünen Minderheitsregierung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Löfven oder die Gesundheit und das Leben der Bürger? Die täglich höheren Infektionswerte bringt die Behörde mit derartig begrenzten Maßnahmen jedenfalls nicht „unter Kontrolle“. In einigen Regionen hat man das begriffen und vor kurzem selbst die Initiative ergriffen und strengere Empfehlungen verabschiedet, wie in.Malmö, Uppsala, Stockholm und Umeå.

Anders Tegnell will Schweden offen halten - doch zu welchem Preis?
Anders Tegnell will Schweden offen halten - doch zu welchem Preis?

© picture alliance/dpa

Also tut sich doch was…
Bergmann: Aber es sind nach wie vor nur Empfehlungen. Und einige regional verantwortliche Infektionsärzte, die der staatlichen Behörde direkt unterstehen, verhindern sogar bestimmte Maßnahmen, wie zum Beispiel das Tragen von Masken im Pflegebetrieb in Südschweden. Zurzeit machen die staatlich gesteuerten regionalen Infektionsärzte immer wieder aufs Neue den einzelnen Bürger für Erfolg oder Misserfolg der Maßnahmen individuell verantwortlich, was aber gleichzeitig die Verantwortungslosigkeit des Staates selbst demonstriert. In Schonen hindert die zuständige Ärztin sogar seit Wochen erfolgreich die Gesundheitspolitiker der Region daran, die Maskenpflicht im Krankenhaus- und Gesundheitssystem umfassend einzuführen. Ansteckungen häufen sich demzufolge auch im Klinikbetrieb. Wie „vorbildlich“ ist denn das?

An die Empfehlungen, so heißt es von Regierung und Gesundheitsbehörde, hätten sich die meisten Schweden aber gehalten. Auch die Schweden hätten ihr Leben dramatisch verändert, sagt Ministerpräsident Löfven. Sind die Bürger im Umgang mit dem Coronavirus jetzt laxer geworden?
Hanson: Ja, durchaus! Das lässt sich mit eigenen Augen beobachten und mit mehreren Studien zum Beispiel in punkto Mobilität belegen. Aber das ist ja kein Wunder, wenn Tegnell und die Behörde den Bürgern den Eindruck völliger Kontrolle vorgaukeln. Dabei lagen die Infektionsraten sogar in den acht Wochen Sommerferien, die viele Schweden recht abgeschieden in ihren Sommerhäusern verbringen, noch über denen in Deutschland und den anderen nordischen Ländern.

Ist es auch ein Generationenproblem?
Bergmann: In der Tat. Während sich viele Ältere über 60 so sehr sorgen, dass sie sich freiwillig total isolieren und so ein hohes Risiko haben, psychisch krank zu werden, kümmern sich manche Gruppen unter den Jüngeren zusehends weniger um den Infektionsschutz. Das führt zu einem gefährlichen Generationenkonflikt, auch wenn man natürlich nicht alle pauschal verurteilen darf. Und auch einkommensschwache Bevölkerungsgruppen haben keinerlei Wahl und müssen sich ungeschützt zum und am Arbeitsplatz bewegen, nachdem sie ohnehin schon wie die Älteren extrem härter von dem Virus betroffen waren als die Mittel- und Oberklasse.

Die Schweden haben einen sorglosen Sommer verbracht. Das könnte sich jetzt rächen.
Die Schweden haben einen sorglosen Sommer verbracht. Das könnte sich jetzt rächen.

© picture alliance/dpa

Sie halten den schwedischen Weg der Appelle und Empfehlungen für gescheitert?
Bergmann: Der schwedische Ansatz „Freiheit mit Verantwortung“ führt dazu, dass sich die Bürger im Stich gelassen fühlen und auch kognitiv verunsichert sind, weil sie ihre Handlungen nicht mehr mit den oft recht verwirrenden Botschaften der Behörde und anderer in Einklang bringen können.

Verhält sich ein Staat verantwortlich, indem er den Bürgern selbst jegliche Verantwortung für das richtige Handeln aufträgt? Ist das noch der alte Staat, dem man vertrauen kann, wenn Tegnell Ende Oktober sagt, jeder solle selbst die Empfehlungen seiner Behörde interpretieren, wie man diese umsetzt? Dies bezeichnet er als die für das Land charakteristische nachhaltige nationale Strategie! Und ist es möglich, Eigenverantwortung zu tragen, wenn man viele Fakten zu Covid-19 nicht kennt?

Es gibt auch in Deutschland die Position, jeder sei für sich selbst verantwortlich...
Bergmann: Wie soll sich der Einzelne denn schützen, wenn Tegnell der Urteilskraft des Bürgers nicht vertraut und klare Informationen zum Beispiel zu Aerosolen und Infektionsrisiken durch und a- und präsymptomatische Mitmenschen vorenthält? Die Folgen, die sich im Frühjahr daraus ergaben, sind hinreichend bekannt, werden aber öffentlich mit allerlei Nebelkerzen verschleiert und schöngeredet.

Bei Tegnell und der Regierung führte die dramatische Situation leider weder zu einer selbstkritischen Revision, noch zu irgendeinem Lernprozess. Von der Verantwortung des Staates ist bis heute keine Rede. Und das ethische Kriterium der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass Bürger von den Entscheidungsträgern die Verantwortung einfordern können, interessiert die Verantwortlichen in Schweden nicht.

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Das sonst als so vorbildlich geltende Schweden setzt sich über geltende Normen hinweg?
Bergmann: Schlimmer. Jeder Bürger hat auch ein Recht dem Staat beim Schutz der Gesundheit zu vertrauen. Das besagt Artikel 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Ich frage: Verstößt Schweden gegen diesen Artikel, in dem man die Infektionswellen nicht konsequent so weit wie überhaupt möglich begrenzt? Geschieht das auch gegenwärtig wieder aufs Neue auch in der zweiten Welle?

Welches Szenario befürchten Sie für die kommenden Monate?
Hanson: Da das Coronavirus sich offenbar in der kühlen und dunklen Jahreszeit wohler fühlt als im Sommer, ist zu befürchten, dass der gegenwärtige Anstieg der Infektionen in naher Zukunft noch stärker ansteigt. Das könnte angesichts der im europäischen Vergleich extrem geringen Zahl der Intensivbetten in Schweden in wenigen Wochen zur Triage führen. Wartelisten, die es sowieso für manche notwendigen Operationen schon gibt, werden länger. Der Bevölkerung wird das aber im Gegensatz zu Deutschland nicht vermittelt. Im Gegenteil, die Aussage ist immer wieder, dass ein Lockdown diese Effekte verstärken würde.

Frankreich, Spanien, Italien und jetzt Deutschland: Viele Staaten Europas sind wieder in einem Lockdown. Sollte Schweden also auch diesen Schritt gehen?
Hanson: Der Begriff Lockdown wirkt hier in Schweden für viele wie ein „rotes Tuch“. Zudem hat kein Land einen wirklichen Lockdown gemacht. Das ließe sich auch nicht umsetzen. Der Begriff verdeckt, dass es Nuancen gibt. Aber strenge Kontaktbeschränkungen und auch das Schließen von Schulen waren im Frühjahr sehr effektiv, um Covid-19-Infektionen in Finnland und Norwegen niedrig zu halten Strenge Kontaktbeschränkungen und auch das Schließen von Schulen waren im Frühjahr sehr effektiv, um Covid-19-Infektionen in Finnland und Norwegen niedrig zu halten.

Strenge Kontaktbeschränkungen haben Deutschland geholfen, die Ausbreitung des Virus zu bremsen und eine effektive Strategie vorzubereiten. Sie haben vielen Ländern in Südeuropa geholfen, aus dem dramatischen Infektionsgeschehen mit vielen Toten herauszukommen. Somit waren diese auf verschiedene Weise effektiv.

Die Gesundheitsbehörde FHM hat sich für Schweden dagegen entschieden…
Hanson: Ja, Tegnell und seine Behörde haben sowohl im Frühjahr als auch im Herbst diese Möglichkeit ausgeschlossen und weiter behauptet, dass die sogenannte Methode „Hammer und Tanz“ nicht „nachhaltig“ sei. Aus den asiatischen, sehr erfolgreichen Methoden wollte man überhaupt nichts lernen. Ob man eine dynamische Epidemie mit statischen Maßnahmen besser in den Griff bekommen kann, ist fraglich. Auch eine Corona-Warn-App wurde von Tegnell aktiv verhindert. An der gegenwärtigen EU-App-Entwicklung nimmt Schweden ohne Begründung einfach nicht teil.

Tegnell sagt stets, Schweden brauche eine Strategie, die sich langfristig durchhalten lasse, es sei nicht sinnvoll, ständig Bereiche der Gesellschaft zu schließen und dann wieder zu öffnen…
Bergmann: Nein, die Behauptung der Langfristigkeit wird immer nur rhetorisch ins Spiel gebracht, wenn es gilt, die produzierte Katastrophe kleinzureden. In Schweden treffen letztlich zwei Menschen seit Monaten alle Entscheidungen alleine - und dies in totaler Ignoranz der nationalen und internationalen Wissenschaftler. Da darf man wohl fragen, ob Schweden noch ein Modell für andere Länder sein kann.

Als Argument für den schwedischen Kurs wurde auch immer wieder die Wirtschaft genannt…
Bergmann: Auch da hat der ganze Schlamassel der Regierung keinerlei Vorteile gebracht, was die OECD und einheimische Ökonomen unbarmherzig klar und deutlich verifizieren. Während Deutschland beim Bruttoinlandsprodukt wohl Einbußen von vier bis fünf Prozent hinnehmen muss, wird es in Schweden wohl um acht bis zehn Prozent gehen. Löfven hat versprochen Arbeitsplätze zu retten. Vor kurzem hat das staatliche Arbeitsamt die Arbeitslosigkeit mit 8,8 Prozent angegeben und vor einer hohen Zahl von Langzeitarbeitslosen gewarnt. So ist ihm das ebenso wenig gelungen wie das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung so gut wie möglich zu schützen.

Was werfen Sie der Gesundheitsbehörde FHM konkret vor?
Hanson: Obwohl man sich in Schweden typischerweise sehr stark an evidenz-basierter Medizin orientiert, ist nicht zu verstehen, warum Tegnell und sein Mentor Behördenchef Johan Carlson nicht auf wissenschaftlicher Basis im Einklang mit der offiziellen Regierungsinstruktion handeln. Und das, obwohl Experten schon seit März ständig aufs Neue in den Medien und im wissenschaftlichen Raum auf die WHO und auch Studien der EU-Agentur für Prävention von Krankheiten verweisen und Forschungsergebnisse darstellen. Stattdessen verneint man beispielsweise die Infektiosität von Kindern, spielt die Bedeutung von Aerosolen herunter und ignoriert prä- und asymptomatische Ansteckung. Bis heute weigert man sich, die Strategien aller anderen Länder in Europa zu erwägen und redet sich weiter die Vorteile des eigenen Sonderwegs schön.

Was fordert das Wissenschaftsforum Covid 19, dem Sie angehören?
Hanson: Wir verlangen klar und deutlich einen effektiven Strategiewechsel: endlich Kontaktnachverfolgungen durchzuführen und Infizierte zu isolieren, Maskenpflicht in Bussen und Bahnen sowie am Arbeitsplatz, in Geschäften und Restaurants. Außerdem fordern wir eine sachliche Diskussion über die Bedeutung der Schulen und Kindergärten für das Infektionsgeschehen. Außerdem muss es die Möglichkeit von verbindlichen, lokalen, zeitlich begrenzten Maßnahmen geben, denn mit reiner Freiwilligkeit kommen wir ganz offensichtlich nicht weiter. Kurz gesagt muss in Schweden das passieren, was in Deutschland und den anderen nordischen Ländern schon lange erfolgreich praktiziert wird.

Sie sehen bei den Verantwortlichen nicht den geringsten Sinneswandel?
Bergmann: Nein, trotz der vielen unnötigen Toten und Leidenden bleiben FHM und Tegnell auch jetzt weiterhin bei ihrer Sicht der Dinge. Das ist meiner Meinung nach lebensgefährlich für die Bürger und ethisch völlig unverantwortlich. Zudem ist es auch politisch unklug, da man auf längere Sicht sicher Rückhalt in der Bevölkerung verlieren wird. Das Vertrauen in Politik und Regierung ist in Schweden eigentlich ein hohes Gut, ist jetzt aber ebenso wie der gesamte Gesellschaftsvertrag gefährdet. Was Tegnell als nachhaltige Strategie bezeichnet, führt im Gegenteil eher zur nachhaltigen Beschädigung des gesellschaftlichen Friedens!

Sie sagten, regional werden aber Maßnahmen ergriffen…
Bergmann: Ja, seit Anfang November gibt es einen deutlichen Kurswechsel in verschiedenen Landesteilen, wo die Politiker der staatlichen Gesundheitsbehörde das Feder aus der Hand nehmen und strengere Empfehlungen verabschieden. Die Regierung in Stockholm hingegen beschuldigt die regionalen Behörden jüngst, auch viel zu lange nichts getan zu haben, und lenkt damit von der eigenen Verantwortung ab. Nun zeichnet sich gerade ab, dass auch die anderen Koalitions- und Oppositionsparteien ihre seit acht Monaten andauernde Funkstille beenden. Vielleicht darf Schweden endlich auf eine transparente Pandemiepolitik hoffen.

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