Müssen Frauen sich ändern?

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Sexismus-Debatte : Sookee und der #Aufschrei
Karl Grünberg

Nun machen Sie feministischen Hip-Hop, tragen Lila in Anlehnung an frühe Feministinnen und rappen: „Und ich seh ja, dass Du guckst, aber hands off, my friend.“

Ich will anderen Hip-Hop machen und so gut sein, dass niemand mehr an mir vorbeikommt. Für meine Kumpels war ich die Spielverderberin, die Sprachfaschistin, weil ich keinen Bock mehr auf bestimmte Begriffe hatte. Ich wollte nicht mehr „schwul“ hören, wenn man „scheiße“ meint. Und nicht mehr „die Polizei hat mich gefickt“, wenn man sagen will „erwischt“.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten ein paar Wörter aus dieser Welt verbannen.

Das Wort „heutzutage“ ist mein absolutes Hass-Wort. Das ist Realitätsverweigerung und heißt: Früher war alles besser. Ne, war es nicht. „Heutzutage“, sagte Henryk M. Broder in der Talkshow von Roche und Böhmermann, hätten die Feministinnen alle ein Projekt in Afrika, einen Bachelor und sähen auch noch gut aus. Früher seien ja alle so hässlich gewesen, dass sie niemand zum Objekt erklären wollte. Charlotte Roche, eigentlich eine Feministin, saß dabei und lächelte.

Dürfen nur schöne Frauen Feministinnen sein?

Ja. Das gilt auch für Lesben. So kann der Mann sich vorstellen, dass er mitknutscht. Eine Lesbe, die nicht den Schönheitsnormen entspricht, hat’s schwer.

Woher kommt es, dass Sie sich nicht alles gefallen lassen?

Meine Eltern waren Oppositionelle in der DDR, mein Vater hat im Knast gesessen, weil er den Dienst an der Waffe verweigert hatte. Sich frei bewegen und sich nicht deckeln zu lassen hat in unserer Familienbiografie eine große Rolle gespielt.

Trotzdem wurden Sie zum Mädchen erzogen.

Klar. Fasching im Kindergarten zum Beispiel, das Motto war Zirkus. In meiner Gruppe gab es Ballerinas und Gewichtheber. Meine Mutter hat die ganze Nacht durch genäht, um mir diesen Scheiß- Tütü zu machen, aber ich konnte ihn nicht anziehen. Wer darf bestimmen, dass ich Ballerina bin? Ich wollte als Tier gehen, wie sonst immer. Ich bin dann zu Hause geblieben.

Was haben Macker im Hip-Hop und 67-jährige Politiker gemeinsam?

Beide trivialisieren Sexismus. Rollen mit den Augen, wenn jemand ihr Verhalten skandalisiert. Bushido würde sagen: Ich mach Kunst, ich darf das. Entweder du schluckst das als Frau, spielst mit, fährst die Ellbogen aus. Wenn du die Weichheit, die dem weiblichen Geschlecht zugesprochen wird, zeigst, bist du nicht hart genug fürs Business.

Finden Sie Laura Himmelreich, die „Stern“-Reporterin, mutig?

Mutig – die Kategorie ist scheiße. Warum muss sie überhaupt Mut aufbringen? Warum muss sie sich ein Jahr lang hinsetzen und abwägen, ob sie es sagt? Nur um vorgeworfen zu bekommen, dass sie erst jetzt an die Öffentlichkeit geht? Es gibt Frauen, die reden ihr ganzes Leben nicht über ihre Gewalterfahrungen, erst auf dem Sterbebett. Niemand hat das Recht, Laura Himmelreich oder den anderen Frauen einen zeitlichen Rahmen vorzuschreiben.

Auch Frauen sagen: „Die Himmelreich soll sich nicht so anstellen.“

Es ist schmerzhaft, wenn Solidarität aussetzt. Wir teilen alle ähnliche Erfahrungen. Manche Frauen haben andere Mechanismen entwickelt. Die sagen sich: Du musst nur gut genug sein und Zähne zusammenbeißen, dann schaffst du es genauso weit. Das ist der Moment, wo sich Frauen in patriarchalischen Strukturen eingefunden haben.

Müssen Frauen sich ändern?

Nicht Frauen, alle! Jegliche Form von -istischer Macht ist Aufgabe von allen. Man sollte sich fragen: Was kann ich, was andere nicht können? In Australien gab es diese Aktion: Walk a mile in her shoes. Männer laufen in High-Heels, in den symbolischen Schuhen der Frau. Es geht um Empathie. Wenn Männer über den Druck jammern, bestimmten Bildern zu entsprechen, antworte ich: Jetzt multiplizier das mal.

Sie sind bestimmt auch gegen Pornografie.

Ich finde nicht die Härte schlimm, sondern dass es keinen Hinweis auf eine Absprache gibt. Man müsste zeigen, dass über Gewaltszenen kommuniziert wird: Wir machen jetzt gleich das und das, Hand drauf. Genauso sollte man signalisieren, dass es, gerade wenn keine Kondome benutzt werden, regelmäßig Tests gibt. Die Antwort auf schlechte Pornografie ist nicht keine Pornografie, sondern gute Pornografie.

Und wie flirte ich feministisch korrekt?

Erst mal muss ich klären, ob es Wechselseitigkeit gibt. Ich gefalle einer Person, die mir auch gefällt. Hätte die Journalistin gesagt: „Herr Brüderle, ich finde die Altersflecken auf Ihrem Handrücken unglaublich attraktiv. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“ Dann hätte er mitspielen dürfen.

Man kann auch nonverbal flirten.

Ja, aber dann gibt es oft Missverständnisse. Erhöhter Herzschlag und rote Flecken am Hals können ein Zeichen für Angst sein oder heißen: Ich finde dich geil. Worte helfen. In meiner sexuellen Praxis habe ich ein Zustimmungskonzept. Ich bringe kleine Sätze unter. Macht dir das Spaß, so wie ich dich da anfasse? Magst du das? Ich will nicht stumm vor mich hinvögeln, sondern finde es schön und mutig, wenn Leute sich im Bett Sachen trauen. Licht anlassen zum Beispiel. Rückmeldungen sind außerdem der größte Kick. Gleichzeitig kann ich es politisch nutzen, stelle nämlich sicher, dass ich keine Grenze überschreite. Die perfekte Kombi.

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