Silvester in Berlin : Böllerei ist ein gefährlicher Anachronismus

Rund um Neujahr sind ganze Gebiete Berlins wegen wilder Knallerei mitunter kaum sicher passierbar. Die ungezügelte Böllerei gehört abgeschafft. Ein Kommentar.

Kostet viel, knallt und ist gefährlich: Ein Feuerwerkskörper
Kostet viel, knallt und ist gefährlich: Ein FeuerwerkskörperFoto: dpa/Ole Spata

Kaum sind die besinnlichen Tage vorbei, beginnt in Berlin die Zeit der besinnungslosen Böllerei. Bereits vor dem Verkaufsstart des Silvester-Schwarzpulvers am Freitag kracht es in der Stadt, es explodieren Reste vom vergangenen Jahr oder illegal eingeführte „Kanonenschläge“ und Raketen.

Rund um Neujahr führt dann die Ausnahmeregel vom Bundessprengstoffgesetz in Teilen Berlins zum Ausnahmezustand: Gezielt wird auf alles, was sich bewegt, also auf Fahrzeuge, Fahrradfahrer, Fußgänger und Feuerwehrleute, aber auch auf offene Fenster, Balkone und Terrassen; es werden Briefkästen gesprengt, Mülltonnen abgefackelt, Busse beschossen, Haltestellen attackiert, Geschäfte angezündet.

Ganze Gebiete sind über Stunden nicht sicher passierbar. Die Bilanz vom vergangenen Jahr: 3048 Notrufe, 1732 Einsätze, 400 Brände, Dutzende Menschen schwer verletzt, 57 Angriffe auf Einsatzwagen.

Kritik verpufft wie ein nasser Knallfrosch

Nur Zyniker bezeichnen das noch als hinzunehmenden Kollateralschaden eines angeblichen Brauchtums. Aber die zaghaften Versuche, den wilden Missbrauch einzuschränken, verpufften in Berlin bisher wie ein nasser Knallfrosch. Während immer mehr Gemeinden ihre Innenstädte teilweise oder auch komplett für privates Feuerwerk sperren, irrlichtert die Landespolitik herum. Die beiden Kernargumente: Zuständig sind erstens die anderen, also je nach dem entweder die Bezirke, der Senat oder der Bund. Und zweitens, so heißt es, ist ein Verbot nicht zu kontrollieren.

Die Umwelthilfe zündete einen Rohrkrepierer

Zur organisierten Verantwortungslosigkeit kommt ein dritter Knaller, den unfreiwillig die „Deutsche Umwelthilfe“ zündete: der Vorwurf der Intoleranz und des Spaßverderber-Spießertums. Der Verband hatte ein Verbot der privaten Böllerei gefordert und das mit einer Zahl unterfüttert: In dieser einen Nacht wird in ganz Deutschland durch Feuerwerk so viel Feinstaub freigesetzt wie durch den Straßenverkehr in zwei Monaten.

„Die Diesel-Hasser wollen uns jetzt das Böllern verbieten“, empörte sich die „Bild“ über den „Gaga-Vorschlag“, assistiert von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die per Twitter ätzte: „Und das Lachen soll wahrscheinlich auch noch verboten werden.“

Doch für eine Toleranzdebatte eignet sich Silvester nicht, es genügt ein Blick ins Gesetz: „Wer andere Personen oder fremde Gegenstände von besonderem Wert durch Feuerwerkskörper gefährdet, wird mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren bestraft.“ Verboten ist die Böllerei auch Silvester in der Nähe von Krankenhäusern, Altenheimen, Kirchen und gefährdeten Orten. Eigentlich. Es sei denn, es geschieht in Berlin? Da bleibt einem das Lachen doch im Hals stecken.

Mehrheit will diese Böllerei nicht länger

Umfragen zeigen, dass eine große Mehrheit die Böllerei so nicht mehr will. Andere Städte zeigen, wie örtliche Verbote rechtssicher beschlossen und kontrolliert werden können. Die Erfahrung zeigt, dass Appelle an die Vernunft verhallen, Verbote oft erst für undurchsetzbar erklärt werden, sich am Ende aber fast alle rasch damit arrangieren. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal im Zentrum von London, Paris oder auch Düsseldorf einen Chinakracher zünden.

Die Zeit ist über die Silvesteranarchie hinweggegangen, übrig geblieben ist ein gemeingefährlicher Anachronismus, an dem im Ernst nur noch eine Minderheit hängt. Zentral organisierte Feuerwerke und ausgewiesene Knallplätze für zwanghafte Knallfrösche sind keine perfekte Lösung, aber die bessere Idee.

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