Wieso Maryam Mardani nach Deutschland kam : Im Iran musste sie Kopf und Körper verstecken

In Deutschland muss unsere Autorin immer wieder erklären, warum sie nicht verwestlicht, sondern nur sie selbst ist. Ein sehr persönlicher Gastbeitrag zum Frauentag.

Maryam Mardani
Die Haare müssen bedeckt sein: Mitarbeiterinnen des iranischen Innenministeriums.
Die Haare müssen bedeckt sein: Mitarbeiterinnen des iranischen Innenministeriums.Foto: AHmad Jadallah/REUTERS

Maryam Mardani (35) stammt aus Iran und arbeitet bei Amal, Berlin!, einer Online-Plattform mit Nachrichten aus Berlin auf Arabisch und Persisch.

Vor dem Spiegel stehend kämme ich mein Haar. Es ist nicht mehr so lang, wie es einmal war und ich entdecke weiße Strähnen, die ich vorher noch nicht gesehen habe. Die Migration hat mich so schnell erwachsen werden lassen. Unglaublich! Unendlich lange scheint es her, dass ich vor dem Spiegel in meinem Kinderzimmer stand. Das war damals im Iran. Ich spielte immer mit den schweren Strähnen meines schwarzen Haares und beschäftigte mich mit den großen Fragezeichen in meinem Kopf.

Ich bin froh, dass ich diese Angewohnheit beibehalten habe, jetzt, wo ich die Grenzen überquert habe und hier in Deutschland lebe: Diese Angewohnheit, mit mir selbst vor dem Spiegel zu diskutieren, ohne ein Wort zu sagen. Ich schaue mir in die Augen, als stünde da eine andere Person vor mir und höre auf die verschiedenen Stimmen, die in meinem Kopf zu mir sprechen.

Schade, dass ich meine Haare so lange verstecken musste

Jetzt, nach 35 Lebensjahren, kenne ich die verschiedenen Launen meines Haares. Schade, dass ich es so lange verstecken musste unter dem Kopftuch. Es begann, als ich in die Schule kam. Das war auch der Beginn meines Doppellebens. Zu Hause trug ich weiter meine bunten, individuellen Kleider, in der Schule sah ich immer gleich aus. Wie alle. Nach Vorschrift. Schwarz-grau. Vor dem Spiegel zuhause fand ich als Ausgleich immer neue Varianten, das Haar hochzustecken. Aber mit der Zeit veränderte sich etwas. Eines Tages stand ich wieder vor dem Spiegel. Da fragte ich mich plötzlich: „Werde ich wohl an meinen Haaren aufgehängt werden?“ Diese Drohung, die unsere Lehrerinnen immer aussprachen, wenn wir gegen die Kleidervorschriften verstießen, machte mir schon immer große Angst. Da verbarg ich mein Haar auch vor dem Spiegel.

In der Pubertät durfte ich nicht mehr auf meinem gelben Fahrrad fahren

Die Einschränkungen, die ich als Heranwachsende erlebte, galten nicht mehr nur meinem Haar und meiner Kleidung. Sie waren überall: wenn ich die Jungen auf der Straße Fußballspielen hörte, mitspielen wollte, aber nicht konnte, denn ich sollte ja ein „gutes Mädchen“ sein; als ich in die Pubertät kam, und nicht mehr auf meinem gelben Fahrrad fahren sollte. Bald darauf hörte ich, wie ein Nachbar meinem Vater gegenüber meinen immer weiblicheren Körper erwähnte. Daraufhin begann ich für einige Jahre meinen Körper zu hassen.

Doch ich blieb still, so wie meine Mutter, meine Schwester und all die Frauen, die ich kannte. Ich schämte mich sogar, vor meinem Vater und meinen Brüdern meinen Körper zu zeigen. Ich legte das Kopftuch an, wenn Fremde in unser Haus kamen. Mit 18 Jahren wollte ich eigentlich Schauspielerin werden, doch alle sagten „Nein!“. Ich wollte mich wehren, doch ich war nicht stark genug, um mein Schweigen zu brechen und sie anzuschreien.

Da begann ich, davon zu träumen, an einem anderen Ort zu leben. Dieser Traum wurde mein stärkster Motor. Ich bereitete alles vor, um den Iran, das Land meiner Einschränkung zu verlassen.

Von einem anderen Ort träumen

Ich habe die Grenzen überquert, aber meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Meine Träume sind wahr geworden, aber ich lerne, dass Träume ihre eigenen Unzulänglichkeiten haben. Träume präsentieren sich in perfekter Schönheit – sobald man sie verwirklicht hat, entpuppten sich als als weniger strahlend.

Ich kam als eine Fremde in ein Land, dessen Sprache und Kultur ich nur in Bruchstücken verstand. Die Natur faszinierte mich und die gotische Architektur der Kleinstadt, in der ich zunächst lebte. Erst war es cool, neue, unaussprechliche Worte zu lernen und Menschen verschiedenster Nationalität kennenzulernen, die neugierig waren, über meine Herkunft zu hören. Es war erstaunlich, Menschen zu treffen, die noch nie vom Iran gehört hatten. Ich lachte, wenn sie mich fragten, ob wir Arabisch sprechen. Doch mir fiel ein, dass auch viele Iraner Europa als eine Einheit betrachten und wenig über die verschiedenen Länder wissen.

Hier muss ich mich fragen lassen, ob ich verwestlicht bin, weil ich kein Kopftuch trage

Andere befragten mich zum iranischen Atomprogramm und Freiheitsrechten im Iran. Manchmal ignorierte ich sie. Wenige Menschen interessierten sich für das wirkliche Leben im Iran: Unser Essen, unsere Kultur. Immer öfter hatte ich das Gefühl, den Menschen hier etwas beweisen zu müssen. Dass ich zum Beispiel auch im Iran schon wusste, wie es sich anfühlt, kein Kopftuch zu tragen. Manchmal höre ich mich antworten: „Nein, ich bin nicht verwestlicht, ich lebe einfach nach meinen eigenen Vorstellungen.“

Es sind Konversationen, die ich in Wirklichkeit führe und die sich später vor meinem Spiegel wiederholen. Ich habe heute andere Fragezeichen im Kopf als damals und längst keine Angst mehr, an den Haaren aufgehängt zu werden. Es ist vielmehr der Blick der anderen. Der Blick von Menschen, die mich anschauen, aber nicht sehen. Wie gut, dass ich mich in meinem Spiegel zumindest selbst so sehe, wie ich bin: Eine Frau, die einen weiten Weg zurückgelegt hat.

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