107. Sechstagerennen in Berlin : Fahrräder statt Frittierfett

Früher war das Sechstagerennen auch ein Gelage. An den Verkaufsständen zeigt sich nun, dass die Veranstaltung in einem Umbruch steckt.

Drumherum und mehr. Stefan Bötticher begeisterte die Fans mit mehreren Bahnrekorden und dem Sieg im Sprintfinale.
Drumherum und mehr. Stefan Bötticher begeisterte die Fans mit mehreren Bahnrekorden und dem Sieg im Sprintfinale.Foto: Drew Caplan/promo

Auf den ersten Blick ist es am Sonntag fast wie jedes Jahr. Die Musik ist laut im Berliner Velodrom. Es dröhnt Rammstein oder Helene Fischer durch die Lautsprecher. Und wie seit vielen Jahren auch kündigt der Hallensprecher eine der Hauptattraktionen an. „Liebe Zuschauer, ich sage nur 73 Zentimeter“, schreit er in sein Mikrofon. Die Zuschauer wissen, wer gemeint ist: Der Sprinter Robert Förstemann, dessen Oberschenkelumfang besagte 73 Zentimeter beträgt.

Seit Donnerstag dreht sich im Berliner Velodrom beim Sechstagerennen mal wieder alles im Kreis. Das älteste Sechstagerennen der Welt findet zum 107. Mal statt. Tradition ist etwas Schönes und kann auch eine Veranstaltung wie dieses Rennen am Leben erhalten. Tradition kann aber auch eine Bürde sein. Das hat Valts Miltovics im vergangen und auch in diesem Jahr erfahren.

Miltovics ist seit 2016 der Chef des Berliner Sechstagerennens, das seit 2015 der Madison Sports Group gehört. Die britische Agentur hat sich die Rechte an dem Rennen gesichert, um die leicht angestaubte Veranstaltung etwas frischer zu machen und in eine internationale Rennserie einzugliedern. Dabei war gerade das Angestaubte, das Bier und früher auch die Zigaretten, der Markenkern dieses Rennens. Das Sechstagerennen war immer auch ein wenig Gelage. „Das Sechstagerennen war wieder super, nur die Radfahrer haben gestört“, war so ein Spruch, der sich lange hielt.

Viele Imbisse sind verschwunden

Deswegen kam es nicht bei allen gut an, als mit der Madison Sports Group Leute dieses Rennen verantworteten, die mit lange gelebten Traditionen brachen. Das konnten Kleinigkeiten sein wie etwa die gehäkelten Tischdecken, die verschwanden, oder die Biermarke, die wechselte. Als im vergangenen Jahr dann DJ Tomekk überwiegend Club-Musik anstelle des legendären Sportpalastwalzers abspielte, war das vor allem für die vielen älteren Besucher ein Affront.

„Wir haben diese Balance in diesem Jahr besser hinbekommen“, sagt Miltovics. Der Lette sieht müde aus am Sonntag, die Organisation eines solchen Events verlangt den Veranstaltern alles ab. Zumal, wie auf den zweiten Blick deutlich wird, sich in diesem Jahr doch ein paar Dinge verändert haben. So wurden erstmals Sprinterinnen ins Programm aufgenommen, und auch die Rennen der Nachwuchssportler wurden mehr in den Fokus gerückt. „Wir wollen neue, jüngere Zielgruppen gewinnen“, sagt Miltovics. Das zeigt sich auch an den Verkaufsständen. Der Geruch von Frittierfett hat im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren abgenommen. Viele Imbisse sind verschwunden, genauso wie zum Beispiel ein paar ältere Herren, die an einem kleinen Tisch für das Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen warben und Autogrammkarten von der Radsport-Legende Täve Schur verkauften.

Stattdessen ist das Velodrom während des Sechstagerennens zu einer Art Ausstellungsstätte der Fahrradindustrie geworden. Unzählige Firmen präsentieren Räder. „Wir wollen uns für eine Anlaufstelle der Radsportbewegung entwickeln“, sagt Miltovics. Der 38-Jährige ist sich sicher, dass das Rennen eine Zukunft haben wird. „Es gibt keinen Grund, warum das nicht der Fall sein sollte. Und für 2019 haben wir schon viele Ideen.“ Es gibt inzwischen ein Publikum im Velodrom, das so etwas gerne hört. Aber es gibt auch immer noch jene, die sich zurücksehnen nach einer Zeit mit Bier und Kippe in der Hand.

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