Basketball : Das schlampige Genie von Alba Berlin wird fleißig

Er war zu schwer und mit dem Kopf nicht immer bei der Sache. Doch nun hat sich Albas Centerspieler Bogdan Radosavljevic gewandelt. Ein Grund: die Familie.

Bogdan Radosavljevic (m.) ist erwachsen geworden bei Alba Berlin.
Bogdan Radosavljevic (m.) ist erwachsen geworden bei Alba Berlin.Foto: picture alliance / Maurizio Gamb

Es ist früh fürs Training, zwanzig Minuten nach zehn, am Mittwoch in der Berliner Schützenstraße nahe dem Checkpoint Charlie. In der Trainingshalle des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin schnürt ein junger Mann seine riesigen Schuhe. Bogdan Radosavljevic ist einer der ersten. Der 24-Jährige ist motiviert, vielleicht so sehr wie noch nie zuvor in seiner immer noch jungen Karriere. Der 2,13 Meter große Center hat eine Knöchelverletzung überstanden und ist fit für das heutige Spiel in der Berliner Arena am Ostbahnhof (19 Uhr, live auf telekomsport.de).

Sein Trainer Aito Garcia Reneses ist froh, dass er seit vergangener Woche wieder zurück ist. Radosavljevic spielt die beste Profisaison seines Lebens, er kann ein Faktor sein, wenn es um den Gewinn der Meisterschaft geht. Und trotzdem sagt er noch während er seine großen Schuhe bindet: „Ich bin nicht zufrieden mit mir. Die Saison verläuft für mich durchwachsen.“

Radosavljevic sagt dies vermutlich, weil er in der Vergangenheit öfter auch dann mit sich im Reinen war, wenn es nicht hinhaute auf dem Feld. Er war nicht selten ein großes Ärgernis für seine Trainer. Was sie erzürnte: Sie sahen diesen Riesen mit wahnsinnig viel Gefühl in den Händen, der obendrein für seine Körpergröße exorbitant beweglich war und sie sahen auch, was er daraus machte: viel zu wenig. Radosavljevic schien es schon zu ergehen wie so vielen, die mit außerordentlichem Talent gesegnet sind, aus irgendwelchen Gründen aber dieses Talent im Verborgenen halten. Weil sie anderes im Kopf haben, weil sie sich verletzt haben oder am schlimmsten: weil sie faul sind.

Nun täte man Radosavljevic unrecht, ihn als faul zu bezeichnen. Den Vorwurf, dass er mit seinem sportlichen Talent lange verschwenderisch umgegangen ist, muss er sich gefallen lassen.

Schon zu Teenagerzeiten stritten sich der serbische und der deutsche Verband um ihn, weil sie ihn unbedingt für ihre Nationalmannschaften haben wollten. Radosavljevic entschied sich für die deutsche. Er war noch keine 20 Jahre alt, da machte er teilweise schon richtig gute Spiele in der Basketball-Bundesliga, ehe ihn Alba vor knapp zwei Jahren verpflichtete. Er war ein Talent, das – wie es im Sport oft heißt – nur noch geschliffen werden musste.

Das Leben eines Profisportlers nahm Radosavljevic semiernst

Doch dem damaligen Alba-Trainer gelang dies wie vieles andere nicht. Radosavljevic machte unter Ahmet Caki selten gute, häufig machte er sogar richtig miese Spiele. Gerade sein Abwehrverhalten war schlecht. Er wirkte, als wäre er mit dem Kopf nicht bei der Sache und offensichtlich war, dass er ein paar Kilogramm zu viel auf den Rippen hatte. Sprich: Das Leben eines Profisportlers nahm Radosavljevic eher semiernst.

Deshalb ist es für jemanden wie ihn eine geradezu geniale Fügung, dass Alba seit der laufenden Saison von dem 71 Jahre alten Aito Garcia Reneses trainiert wird. Der Spanier hat Legendenstatus im europäischen Basketball, gerade wegen seiner Fähigkeit, Talente zu fördern. „Er lehrt dich Dinge im Basketball, die du noch nie gemacht hast. Er geht sehr ins Detail, du kannst auch fünfmal nachfragen und er erklärt es so lange, bis du es kapierst“, sagt Radosavljevic über Reneses.

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich Radosavljevic in dieser Saison gesteigert hat, in sämtlichen Kategorien. Sonderlich erstaunt sind sie bei Alba darüber nicht. Vielmehr erleichtert, dass der Mann inzwischen gedenkt, seine Talente halbwegs auszuschöpfen.

Radosavljevic habe hart an sich gearbeitet, auch viele Kilogramm seien gepurzelt, erzählt Albas Assistenztrainer Thomas Päch. „Ein Grund ist sicher, dass er Vater geworden ist und seitdem das Profidasein fokussierter angeht“, sagt der 35 Jahre alte Trainer, der regelrecht ins Schwärmen gerät, wenn er über Radosavljevic spricht. „Er ist einer unserer meist veranlagten Spieler.“ Im Grunde könne Radosavljevic alles, er sei ein Techniker und ein großes Bewegungstalent, so Päch. „Für Bogdan gibt es kein Limit nach oben." Schön für Alba und Radosavljevic selbst, dass er sich endlich daran macht, sein beinahe grenzenloses Talent auszunutzen.

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