Beeindruckendes Comeback : Thomas Dreßen ist wieder gut in Schuss

Skifahrer Thomas Dreßen fährt nach seiner schweren Knieverletzung schon wieder vorne mit.

Wieder im Rennen. Thomas Dreßen kam nach seiner schlimmen Verletzung beeindruckend zurück.
Wieder im Rennen. Thomas Dreßen kam nach seiner schlimmen Verletzung beeindruckend zurück.Foto: dpa

Ein wenig hat Thomas Dreßen damit rechnen müssen, dass sich sein kurzer Weihnachtsurlaub doch noch um ein paar Stunden verlängert. Die Wetterprognose war nicht gut für das zweite alpine Weltcup-Rennen in Gröden, und so wie vorhergesagt, kam es dann auch. Wegen zu viel Schneefall oben und Regen unten wurde die Abfahrt am Samstag auf der Saslong abgesagt, für Dreßen ging es morgens schnell ins Auto und heim statt zur Besichtigung des Kurses auf den Berg.

Dass der Mittenwalder trotzdem mit einem sehr guten Gefühl aus Südtirol abgereist ist, liegt an seiner Vorstellung beim Super-G am Tag zuvor. Der dritte Platz kam ähnlich überraschend wie der Abfahrtssieg in Lake Louise drei Wochen zuvor, der ihm auf den Tag genau ein Jahr nach seinem schweren Sturz in Beaver Creek gelungen war.

Erfolg beim Super-G war "völlig aus der Norm"

Ende November 2018 war Dreßen bei der Abfahrt von Beaver Creek unsanft im Fangzaun gelandet – und hatte wegen einer komplexen Knieverletzung mit Kreuzbandriss sowie einer kaputten Schulter die Saison beenden müssen. Die Karriere, die im Winter zuvor mit dem ersten Erfolg eines Deutschen beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel seit 39 Jahren so richtig Fahrt aufgenommen hatte, wurde jäh gestoppt. Dass er wieder zurückkehren würde in den Kreis der Sieganwärter, war seinen Trainern nach auskurierten Verletzungen klar, aber nicht schon beim ersten Rennen. Als „völlig aus der Norm“ hatte Alpinchef Wolfgang Maier den Erfolg beim Comeback-Rennen deshalb bezeichnet.

Aber Dreßen ist eben ein ganz außergewöhnlicher Athlet, „ein herausragender Abfahrer der Historie“, findet Maier. Damit steht er schon mit 26 Jahren über den bisherigen deutschen Weltklasse-Athleten in der schnellsten Disziplin wie Sepp Ferstl oder Markus Wasmeier, von denen es keiner auf drei Weltcup-Siege in der Abfahrt gebracht hatte. „Er hat das Gen, dass er auf den Punkt liefern kann“, lobt Andy Evers. Der Österreicher ist seit diesem Winter Trainer der deutschen Speedfahrer und hat in seiner Karriere schon mit Olympiasiegern und Weltmeistern wie Hermann Maier, Bode Miller oder Beat Feuz gearbeitet.

Endlich wieder gewinnen. Dreßen nach seinem Erfolg im Super-G.
Endlich wieder gewinnen. Dreßen nach seinem Erfolg im Super-G.Foto: dpa

Er weiß, was einen Champion ausmacht. Der Unterschied, sagte er, „ist in der oberen Stube“, im Kopf. Evers sieht Dreßen auf dem Weg zu den ganz Großen, wenngleich man Erfolge wie den in Lake Louise, sagte der Coach einen Tag vor dem Super-G in Gröden, nicht jede Woche erwarten könne in der Comeback- Saison. Tatsächlich folgten auf den Comeback-Sieg drei Platzierungen zwischen 10 und 27. Dreßen kann nach wie vor nicht den vollen Trainingsumfang absolvieren. Nach der Ankunft in Südtirol schwoll das lädierte Knie an, „einfach so“, sagt der Oberbayer mit Wohnsitz in Oberösterreich. Es seien eben solche Tage, „von denen der Arzt immer gesagt hat, dass die mal sein können“.

Kräfte werden bewusst eingeteilt

Zu seinen Stärken gehört, dass er Probleme ausblenden kann und nicht den Fokus verliert, wenn Unvorhergesehenes passiert. Außerdem weiß er Fähigkeiten und Erfolge sehr gut einzuschätzen. Das Abfahrtstraining in Gröden bestritt er mit reduziertem Risiko, und auch beim Super-G hat er im kurvigen oberen Teil „ganz bewusst“ das Limit nicht ausgereizt. „Ich weiß, dass ich im Moment noch nicht in der Lage bin, vom ersten Tor an voll zu attackieren“, sagt Dreßen. Er nahm den Rückstand in Kauf, wusste aber, dass die untere abfahrtsähnliche Passage für ihn wie maßgeschneidert ist. Dreßen hat sich deshalb vorgenommen, dort „durchzuknüppeln“ in der Hocke. „Ich habe mir gedacht, ich habe ja nichts zu verlieren.“ Nur etwas zu gewinnen.

Nicht verbissen dem Erfolg hinterherzujagen, das ist seine Devise. Als am Samstag das Rennen unterbrochen war, stieg er mit einem Kollegen auf den für die Trainer reservierten Turm. „Wir haben die Aussicht genossen und blöd dahergeredet“, sagt er. Dreßen ist kein Mann, der sich in Phrasen flüchtet. Er spricht in seinem österreichisch-bayerischem Dialektmischmasch, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, ganz intuitiv. So wie er auf Skiern nach der richtigen Linie sucht.

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