• DFB-Kapitänin Alexandra Popp im Interview: „Wir wollen den Champions-League-Titel nach Wolfsburg holen“

DFB-Kapitänin Alexandra Popp im Interview : „Wir wollen den Champions-League-Titel nach Wolfsburg holen“

Die Stürmerin des VfL Wolfsburg spricht über das Bundesliga-Spitzenspiel gegen Bayern München, ihr Tor in Wembley und die internationalen Aussichten.

Hoch das Ding. Den DFB-Pokal gewann Alexandra Popp, 28, schon achtmal.
Hoch das Ding. Den DFB-Pokal gewann Alexandra Popp, 28, schon achtmal.Foto: Marcel Kusch/dpa

Mit dem VfL Wolfsburg trifft Alexandra Popp, 28, am Samstag, 13 Uhr auf den FC Bayern München. Die Rollen vor dem Spitzenspiel in der Fußball-Bundesliga sind klar verteilt. Popps Wolfsburgerinnen haben alle bisherigen neun Saisonspiele gewonnen, die Bayern schon zwei verloren. Am vergangenen Samstag traf man sich bereits zum DFB-Pokal-Achtelfinale in München, Wolfsburg siegte 3:1.

Frau Popp, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der VfL am Samstag mal ein Saisonspiel verliert?
Die Möglichkeit besteht, wir erwarten gegen Bayern ein offenes Spiel, wie das zuletzt bei unserem 3:1-Sieg im Achtelfinale des DFB-Pokals der Fall war. Am Ende hängt es an uns, wie das Spiel laufen wird.

Welche Lehren haben Sie aus dem Pokal-Duell am vergangenen Samstag gezogen?
Da haben wir nicht alle unsere Qualitäten auf den Platz gebracht. Ich hoffe, dass wir das dieses Mal schaffen werden. Grundsätzlich wissen wir: Falls wir dieses Spiel nicht gewinnen, hätte das nicht die gleichen Konsequenzen wie im DFB-Pokal.

Der VfL hat alle Ligaspiele gewonnen und schon sechs Punkte Vorsprung auf Bayern, die nur Dritter sind. Wie groß ist der sportliche Abstand zwischen Wolfsburg und Bayern?
Bayern hat gegen Mannschaften Punkte liegen lassen, wo es eher unüblich ist. Speziell das 1:2 gegen Leverkusen war sicher ein Ausrutscher. Was man nicht vergessen darf: Bayern hatte wieder einen kleinen Umbruch, hat seit dieser Saison einen neuen Trainer, da muss man sich erstmal neu finden. Wir sind dagegen größtenteils zusammengeblieben.

Was spricht dafür, dass die Meisterschaft schon am Samstag entschieden wird?
Gar nichts! Die Bayern haben viele Fußballerinnen, die in Nationalmannschaften spielen; der Rückstand auf uns ist nicht sonderlich groß. Kleinigkeiten werden den Ausschlag geben.

Zuversichtlich. Vor dem Spitzenspiel gegen Bayern ist die Ausgangslage für Popp & Co. komfortabel.
Zuversichtlich. Vor dem Spitzenspiel gegen Bayern ist die Ausgangslage für Popp & Co. komfortabel.Foto: Andrew Boyers/Reuters

Bei einem Sieg wären es nach zehn von 22 Spieltagen neun Punkte Vorsprung auf Bayern. Riecht nach einer Vorentscheidung.
Es gibt ja noch Hoffenheim, die aktuell nur drei Punkte hinter uns liegen. Die darf man auch nicht außer Acht lassen.

Am vergangenen Spieltag gewann der VfL 8:0 in Freiburg – gegen eine Mannschaft, die im Mai beim 0:1 im Pokalfinale noch auf Augenhöhe war. Was ist seither passiert?
In Freiburg sind einige wichtige Spielerinnen gegangen – und andererseits haben wir uns in dieser Saison nochmal verbessert. Ich habe das Gefühl, dass wir souveräner auftreten.

In Freiburg spielen allerdings auch Nationalspielerinnen wie Klara Bühl oder Torhüterin Merle Frohms.
Auch diese Topspielerinnen sind abhängig von ihrem Team. Klara Bühl hat gegen uns zum Beispiel außen gespielt, sie ist dort abhängig von den Bällen, die sie bekommt. Wenn halt nicht viele Bälle bei ihr ankommen, kann sie nicht viel ausrichten. Und am undankbarsten ist bei solch einer Niederlage natürlich die Position Torhüterin.

Was sagen solche Ergebnisse über die Bundesliga aus?
Das ist natürlich nicht immer schön. Das Problem ist aber, dass sich viele immer nur die Ergebnisse anschauen und nur danach urteilen. Wer zum Beispiel in Freiburg zugeschaut hat, konnte sehen, dass wir einen bärenstarken Tag hatten. Wir sind dort mit unglaublicher Spielfreude und Souveränität aufgetreten. Und bei Freiburg lief einfach ganz vieles nicht. Dann kann es eben schon mal so hoch ausgehen.

Ist der VfL reif für den Champions-League-Titel, den in den vergangenen vier Jahren stets Olympique Lyon gewann?
Ich gehe davon aus, dass wir sie attackieren können. Unabhängig von Lyon: Wir wollen einfach mal wieder den Champions-League-Titel nach Wolfsburg holen. Aber erstmal geht es für uns um das Spiel am Samstag.

Mit der Nationalmannschaft gewannen Sie kürzlich das Freundschaftsspiel gegen England 2:1 in Wembley – dabei hätten Sie wegen eines Außenbandrisses im Sprunggelenk gar nicht spielen sollen. Warum kam es doch anders?
Ich hatte mir glücklicherweise nur ein Band gerissen und die Reha verlief super. Innerhalb einer Woche konnte ich schon wieder schmerzfrei laufen. Es war dann schon ein Spiel auf Zeit, aber mein Fuß hat da toll mitgemacht und auch das Spiel gut überstanden.

London calling. In Wembley brachte Popp die deutsche Elf gegen England nach neun Minuten in Führung.
London calling. In Wembley brachte Popp die deutsche Elf gegen England nach neun Minuten in Führung.Foto: Andrew Boyers/Reuters

Sie haben dreimal die Champions League gewonnen, fünfmal die deutsche Meisterschaft, achtmal den DFB-Pokal. Welchen Stellenwert hat das Spiel in Wembley vor über 77.000 Zuschauern?
Wembley hat einfach eine tolle Historie und ist deshalb etwas ganz Besonderes. Dort vor einer europäischen Rekordkulisse gespielt zu haben, zeigt, was im Frauenfußball machbar ist. Dass wir das Spiel auch noch gewinnen und ich ein Tor köpfen durfte, hat das Ganze abgerundet. Das war einer meiner größten Karriere-Momente.

Beschreiben Sie doch nochmal die Sekunden nach Ihrem Tor.
Im ersten Moment habe ich gar nicht gesehen, dass der Ball tatsächlich im Tor lag. Ich konnte es fast nicht glauben. Die Stimmung im Stadion war einfach fantastisch. Das Schöne daran war, dass diese Kulisse unsere Mannschaft beflügelt und nicht gehemmt hat. Das habe ich mir als Kapitänin gewünscht und macht mich stolz – auch weil wir nach einem richtig guten Spiel am Ende noch den Siegtreffer erzielt haben.

England gilt spätestens seit der WM in Frankreich, ebenso wie die USA und Frankreich, als große Nummer im Weltfußball. Es hieß, diese Mannschaften seien der deutschen Elf enteilt. Waren die Abgesänge etwas voreilig?
Man muss das differenziert sehen. Wir haben für unsere Verhältnisse keine gute WM gespielt. Zumindest die Olympia-Quali hätten wir gerne geschafft, wofür das Erreichen des Halbfinales nötig gewesen wäre. Vor dem Start in die EM-Quali war dann allen klar, dass wir uns in jegliche Richtungen weiterentwickeln müssen. Das hat die Mannschaft bisher getan, auch wenn die Gegner in der Quali nicht die stärksten waren. Umgekehrt hat England eine gute WM gespielt, ist seither aber in ein Loch gefallen. In Wembley wirkten sie gehemmt, die Engländerinnen waren in diesem Spiel nicht gut.

Die Enttäuschung. Popp nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM in Frankreich gegen Schweden.
Die Enttäuschung. Popp nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM in Frankreich gegen Schweden.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Was nimmt die Mannschaft aus diesem Spiel mit?
Für uns war es wichtig, unsere Entwicklung zu zeigen. Dass man sieht, was wir wollen. Nach dem 1:1 nochmal zurückzukommen und das Spiel zu gewinnen, haben wir bei der WM nicht geschafft. Die Kunst wird es sein, die Konstanz und Qualität auf hohem Level zu halten – und das nicht nur in irgendwelchen Testspielen. Am Ende wird entscheidend sein, wie wir bei der EM 2021 in England auftreten.

Sind Sie so selbstbewusst, den Titel als Ziel auszurufen?
Wir zählen zum Favoritenkreis, aber viele andere Teams auch. Die haben alle das Ziel, das Turnier zu gewinnen. Die Gier wird man uns nicht absprechen können, man muss aber sehen, wen wir dann alles zur Verfügung haben. In diesem Jahr hat man leider gesehen, dass wir noch nicht so weit waren, um den Titel mitzuspielen.

Welche Lehren haben Sie als Kapitänin nach dem enttäuschenden Aus im WM-Viertelfinale gegen Schweden gezogen?
Ich habe immer gesagt, dass ich in meine Rolle als Kapitänin erstmal reinschlupfen musste. Für mich ist klar, dass ich definitiv kommunikativer werden muss und das auch sein werde. Bei der WM wusste man manchmal nicht, wann der richtige Moment für Kritik ist. Aber das gehört einfach dazu. Ich nehme mir vor, da mehr vorneweg zu gehen.

Ihr Vertrag in Wolfsburg läuft bis 2022. Würde Sie ein Engagement im Ausland nochmal reizen?
Aktuell kann ich noch nicht sagen, wie es weitergeht. Man weiß ja nie, welche Türen sich noch öffnen. Ins Ausland muss ich jedenfalls nicht unbedingt wechseln, da habe ich keine speziellen Träume oder Wünsche. Ich muss mich einfach nur wohlfühlen und das tue ich  im Moment in Wolfsburg.

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