Sport : Die Droge Ozean

Das Five Oceans Race ist die größte Herausforderung im Segelsport

Kai Müller

Berlin - Als der englische Segelheld Robin Knox-Johnston 1981 erwog, eine Neuauflage des verrücktesten Hochseerennens der Welt zu versuchen, war er pessimistisch. Weniger als zehn Teilnehmer würden die Ziellinie erreichen, prophezeite er. Aber die, die es schafften, kämen „mit jener Selbsterkenntnis zurück, die menschliche Stärke wirklich ausmacht“.

Knox-Johnston wusste, wovon er sprach. Ein Jahrzehnt zuvor hatte das erste weltumspannende Um-die-Wette- Segeln in einem Fiasko geendet. Von neun Abenteurern kehrte nur einer zurück. Knox-Johnston, der für seinen Non-Stop- Trip um den Globus 313 Tage benötigte und zeitweilig aufgegeben wurde. Doch auch das konnte die Idee einer Weltumsegelung unter Rennbedingungen nicht diskreditieren. Seither gilt die maritime Disziplin als eine Mischung aus Hochleistungssport und psychischem Langzeitexperiment – „die größte Herausforderung, die einer an seine Überlebensfähigkeit stellen kann“, befand Knox-Johnston. Das kann wie eine Droge sein.

Derzeit umkurvt wieder eine kleine Elite von Soloseglern auf abenteuerlich frisierten Rennmaschinen den Globus. Five Oceans Race nennt sich die Ozeanhatz, an der auch der 67 Jahre alte Veteran Sir Robin teilnimmt. Doch was für die einen zur Tortur wird, ist für andere aufregend wie ein Spaziergang. Zumindest dürfte der Schweizer Einhandsegler Bernard Stamm nicht viel zu erzählen haben, wenn er AM SONNTAG]heute nach 49 Tagen auf See als Erster im amerikanischen Küstenort Norfolk eintreffen soll. Souverän gewinnt der 43 Jahre alte Blondschopf damit auch die zweite Etappe von Fremantle in Australien nach Virginia. In seinem Kielwasser liegen 14 200 Seemeilen durch Südpazifik und Atlantik. Fünf Klimazonen hat Stamm durchquert, das berüchtigte Kap Hoorn umrundet und einen Vorsprung von 3000 Meilen herausgefahren. Probleme hatte der Mann, den sie bereits „das Uhrwerk“ nennen, kaum. In der ersten Woche wickelte sich treibendes Tauwerk um den Kiel, später versagte sein Frischwassererzeuger, so dass er seinen Vorrat an Trinkwasser durch tropische Regengüsse ergänzen musste.

Stamm verkörpert eine kompromisslose Seglergeneration. Seitdem der gelernte Bootsbauer und Seemann Mitte der Neunzigerjahre auf einem 6,5 Meter langen Boot sein Debüt gab, gehört er zur Solo-Szene. Beim ersten Versuch, sich 2000 in der Königsklasse der Weltumsegler zu etablieren, blieb er mit seinem Open-60 kläglich liegen. Doch er gab nicht auf. Kaum war seine Yacht repariert, überführte er sie nach New York und preschte mit einer kleinen Crew in Rekordzeit über den Atlantik. Seine Bestmarke hatte lange Bestand.

Solosegler erringen keine Weltmeistertitel. Wenn sie es täten, wäre Stamm gewiss ein Anwärter. Es gibt wenige mit den Nerven oder auch nur der physischen Konstitution, die die empfindlichen 18 Meter langen Fiberglas-Carbon-Boote am Leistungslimit halten können. Stamm kennt seine Cheminées Poujoulat, eine Eigenkonstruktion, die er vor sechs Jahren mit den Bewohnern seiner französischen Wahlheimat gebaut hat, so gut, dass er in schwierigen Situationen instinktiv das Richtige macht. Hinzu kommt sein Talent, den Kurs immer wieder geschickt in die erwarteten Windschneisen zu legen. Seine Vita setzt sich daher aus eindrucksvollen Siegen zusammen. Bereits 2002 triumphierte er bei dem in diesem Jahr zum „Velux Five Oceans Race“ umgetauften Hochseeklassiker „Around Alone“. Nun sieht es wieder so aus, als könnte ihm niemand den Gesamtsieg streitig machen.

Schon auf dem ersten Teilstück schieden die beiden Mitfavoriten Mike Golding und Alex Thomson aus. Übrig blieben zwei Debütanten und zwei grau melierte Herrschaften, die ein eher entspanntes Verhältnis zum Gewinnenwollen pflegen. Was den Neuseeländer Graham Dalton und Robin Knox-Johnston allerdings nicht davon abhält, sich auf den verbleibenden 5000 Meilen bis Norfolk einen hartnäckigen Kampf um den vorletzten Platz zu liefern. Ihre Yachten gleichen schwimmenden Werkstätten. Für Knox- Johnston wurde es zeitweilig wirklich eng: Sein Whiskyvorrat ging zur Neige. Doch dann fand der alte Herr zwei Flaschen in Reservegummistiefeln, und nur das Wetter war fortan noch schlecht.

Weitere Informationen im Internet:

www.velux5oceans.com

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