Die Triathletin aus Berlin : Laura Lindemann: Alles oder nichts

Laura Lindemann ist Deutschlands Nachwuchshoffnung im Olympischen Triathlon – und durch nichts zu beirren. Ein Portrait.

Blick nach vorn. Laura Lindemann lässt sich auch von kleinen Katastrophen im Rennen nicht beirren. Bei der EM in Glasgow kämpfte sie sich nach einem mäßigen Schwimmergebnis und einem Sturz wieder an die Medaillenränge heran.
Blick nach vorn. Laura Lindemann lässt sich auch von kleinen Katastrophen im Rennen nicht beirren. Bei der EM in Glasgow kämpfte...Foto: dpa

In der Welt von Laura Lindemann sind die Dinge sehr einfach. Training ist das Wichtigste. Wer hart trainiert, wird erfolgreich. Wer erfolgreich ist, der sollte gefördert werden. Klappt einmal etwas nicht nach dieser Logik, löst das zumindest einen kurzen Moment der Irritation aus. Dann wird es von der gerade 22 Jahre alten Triathletin mit dieser typisch lindemannschen Direktheit weggewischt, als sei es gar nicht passiert. Den Fahrradschuh beim Wechseln im Weltcuprennen in Hamburg nicht richtig erwischt und deshalb den Sieg abgegeben? Passiert halt.

Dass „Nonchalance“ auch ihr zweiter Vorname sein könnte, bewies sie aber jüngst am Donnerstag bei der EM im Triathlon in Glasgow. Nichts, aber auch gar nichts lief dort nach Plan. „Ich möchte in der ersten Gruppe aus dem Wasser kommen“, lautete ihre Zielsetzung für das Rennen. Denn nur so hält man in den rasanten Rennen über die Olympische Distanz den Anschluss an die Spitzengruppe und muss nicht unnötig Energie für Aufholjagden verschwenden – Energie, die der Athletin beim abschließenden Lauf über 10 Kilometer fehlen würde. Das gelang ihr nicht. Schlimmer noch: Beim Radrennen war sie in einen Sturz verwickelt, flog über den Lenker und machte das, was Radfahrer einen „Superman“ nennen – oder eben eine „Superwoman“.

Was nach dem Sturz passierte, war wieder ein klassischer Lindemann: Vom 17. Platz und der dritten Gruppe kämpfte sie sich auf den vierten Platz vor und freute sich danach auf Instagram über die schnellste Laufzeit des Rennens. Auf das chaotische Rennen angesprochen, sagte sie: „Es war ein extrem hartes Rennen. Nach dem Sturz war es ein einziges auf und ab.“ Fast schon ein emotionales Statement für die Berlinerin.

Lindemann ist Europameisterin über die Sprintdistanz

Wenn sie nicht um Europameistertitel kämpft, lebt Lindemann in einer Potsdamer Blase. Auf dem Trainingsgelände am Luftschiffhafen sitzt sie nach ihrem Morgentraining am Wasser – es ist Ruhetag, es standen nur knapp fünf Kilometer Schwimmen auf dem Plan. Normalerweise absolviert sie drei Einheiten an einem Tag, übt alle drei Sportarten und macht dazu Krafttraining. Heute darf sie nach der Vormittagseinheit einen Eisbecher löffeln, später geht es noch zum Shoppen in die Potsdamer Innenstadt.

Dass sie einmal hier sitzen und Interviews geben würde, stand nicht immer fest. Vom Brustschwimmen zum Triathlon kam sie nur, weil ihre Schwimmleistungen nicht mehr reichten und sie drohte, von der Eliteschule des Sports zu fliegen. „Ich war schon ziemlich traurig, als die Nachricht kam“, sagt Lindemann. Das Aus in Potsdam hätte sie aus ihrem sozialen Umfeld gerissen, die Freundschaften und die Gemeinschaft mit den Trainingskameraden wären über kurz oder lang zu Ende gewesen – ein harter Schlag für eine 15-Jährige. Ihre letzte Hoffnung: Eine Probewoche bei den Triathleten. „Für mich ging es um alles oder nichts“, erinnert sie sich. „Hätte es mit dem Triathlon nicht geklappt, hätte ich auch mit dem Leistungssport aufgehört." Ihre Schwimmfreunde erklärten sie für verrückt, bedeutet Triathlon doch Trainingsumfänge von bis zu 30 Stunden pro Woche und zwei neue Sportarten. Ihr aber kam der Dreifachsport entgegen. Der Aufstieg seit 2012 ist bilderbuchhaft: Aktuell ist sie amtierende Europameisterin über die Sprintdistanz.

Ganz so geradlinig nach oben ging es aber nicht immer: Obwohl die Deutsche Triathlon Union (DTU) sie für Olympia 2016 vorgeschlagen hatte, nominierte der DOSB nur Anne Haug und verzichtete damit auf zwei Quotenplätze. Die wurden in der Folge an Frankreich und Italien vergeben, Rio schien geplatzt. Sie schrieb einen Brief an die Bundeskanzlerin, in dem sie die Entscheidung als „Katastrophe“ für die deutschen Triathleten bezeichnete und sie zum Weltcup nach Hamburg einlud. Was Angela Merkel über den Brief der damals 20-Jährigen dachte, ist nicht überliefert. Fest steht, dass Laura Lindemann einen Anruf vom Präsidenten der DTU bekam: Es geht nach Rio! Dort landete sie auf Platz 28, sammelte aber wichtige Erfahrungen. Etwa, dass sie beim Schwimmen noch Einiges aufzuholen hat.

Lindemann schlägt, ganz klassisch, die Polizeilaufbahn ein

Daran arbeitet sie für Tokio 2020 mit dem U-23-Trainer der DTU, Ron Schmidt, dem sie „Ostmethoden“ attestiert – denn oft schickt er sie, noch müde von den harten Einheiten, in ebenso harte Trainingsblöcke. „Klar geraten wir auch oft aneinander“, beschreibt sie das Verhältnis zu Schmidt. „Aber seine Methoden scheinen ja zu wirken.“ DTU-Trainer Rick van Riemsdijk sitzt auf der Terrasse am Templiner See neben ihr und geht noch einen Schritt weiter: „Es gibt momentan ganz wenige Triathleten in Deutschland, die mit einem richtigen Siegeswillen in ein Rennen gehen und das machen, was davor und dabei dafür nötig ist. Eine ist auf jeden Fall Laura Lindemann“.

Tatsächlich ist es in Deutschland trotz des gut aufgestellten Breitensports nicht glänzend bestellt um den Triathlon auf der Olympischen Distanz. Das hat auch mit der Zweiteilung des Sports zu tun: Ironman-Stars wie Sebastian Kienle, Jan Frodeno und Patrick Lange trainieren weitestgehend unabhängig von Sportverbänden – ihre Referenzgröße ist das globale Ranking der privaten Rennveranstalter Ironman und Challenge, die wiederum zahlungskräftige Sponsoren und damit Anreiz für hartes Training anziehen. Die DTU, verantwortlich für Sprint und Olympische Distanz und somit für Olympia und die Weltcupserien-Athleten, kämpft seit Jahren damit, guten Nachwuchs hervorzubringen.

Das will Laura Lindemann jetzt ändern. Deswegen schlägt sie, ganz klassisch, die Polizeilaufbahn ein. „Wenn man verbeamtet ist, muss man sich keine Sorgen machen“, sagt sie. Denn Sorgen und Ablenkung kann sie sich keine erlauben auf dem Weg nach Tokio. Ihr Hauptfokus ist eben das Training und das hat sich ihr anzupassen. So einfach ist das.

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