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Erstes Geisterspiel in der Bundesliga : „Irgendetwas hat gefehlt – und zwar massiv“

Mönchengladbach gewinnt das erste Geisterspiel in der Bundesliga-Geschichte mit 2:1. Doch die Beteiligten sind sich einig, dass es anders war als sonst.

Andreas Morbach
Torwart Yann Sommer (1.) von Borussia Mönchengladbach steht vor der leeren Nordkurve.
Torwart Yann Sommer (1.) von Borussia Mönchengladbach steht vor der leeren Nordkurve.Foto: dpa

Horst Heldt weiß genau, was zu tun ist. Als der Sportvorstand des 1. FC Köln 35 Minuten vor Spielbeginn im Treppenhaus des Borussia-Parks auf vier Klubmitarbeiter trifft, drückt er einem von ihnen im Vorbeigehen nur eben den Unterarm gegen den Ellenbogen. Händeschütteln ist wegen des Coronavirus in Zeiten massenhaft abgesagter Großveranstaltungen tabu.

Die fünf Herren machen noch einen kurzen Witz zum anstehenden Fußballspiel vor leeren Rängen („Keine bösen Schimpfwörter – heute hört man alles“), dann gehen alle auf ihre Plätze. Und die Teams aus Mönchengladbach und Köln bestreiten beim 2:1(1:0)-Sieg der Borussia das erste Geisterspiel in der Geschichte der Fußball-Bundesliga.

Verkleidet als Gespenster

Zwei besonders hartnäckige Anhänger der Niederrheinischen lassen es sich dabei nicht nehmen, zwei Wochen nach Karnevalsende kostümiert vor die Gladbacher Arena zu kommen. Verkleidet haben sie sich als Gespenster – um dem ungewohnten Treiben im Stadion den passenden Rahmen zu geben.

Der Zutritt bleibt den beiden Geistern jedoch verwehrt – draußen hat es eine Gesandtschaft von Borussias Ultras aber zumindest bis vor die Nordkurve geschafft: Während sich die Kicker des Rautenklubs warmmachen, dröhnen die Anfeuerungsrufe der Fans durch die dicken Betonmauern bis ins Stadioninnere.

Dort wird das übliche Programm im Großen und Ganzen beibehalten: Eine halbe Stunde vor Anpfiff verliest der Stadionsprecher die Aufstellung der Kölner, 20 Minuten später folgt die der Gladbacher. Es wird – diesmal allerdings sehr, sehr leise – das Lied von der „Elf vom Niederrhein“ eingespielt. Und als die beiden Teams aus dem Spielertunnel heraustreten, dudelt auch „Die Seele brennt“, die zweite Gladbacher Vereinshymne, in deutlich gedrosselter Lautstärke aus den Boxen.

Die Fußballerseelen in solch einem Ambiente tatsächlich richtig zum brennen zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dazu kommt es dann irgendwann mal wieder, Zeitpunkt aktuell ungewiss. Einen ganz schwachen Hauch von Atmosphäre verbreiten nur die rund 50 Offiziellen und Angehörige beider Klubs, die vor den Vip-Logen auf der Haupttribüne sitzen – oder an feierlich eingedeckten Tischen im Kerzenschein stehen.

„Eine gespenstische Atmosphäre“

Um ihren Spielern, die sich an die Stille um sie herum erst gewöhnen müssen, möglichst nah zu sein, verharren die beiden Cheftrainer Marco Rose und Markus Gisdol in der Anfangsphase durchgehend am äußersten Rand ihrer Coaching Zone. Jedes Wort, das sich die Fußballer beides Teams zurufen, ist bis hinauf auf die verwaisten Zuschauerränge zu vernehmen.

Und als der Schweizer Breel Embolo die Gladbacher nach einer halben Stunde in Führung schießt, jubeln zwei Männer besonders laut: Die beiden Polizisten, die auf der Pressetribüne ihren Dienst versehen. „Eine gespenstische Atmosphäre“, wispert Heinz-Gerd Dohmen, der seit 1984 für die Borussia als Ordner im Einsatz ist und dabei auch zwei Jahrzehnte auf dem legendären Bökelberg miterlebt hat.

Im fast menschenleeren Borussia-Park wird es in den zweiten Halbzeit noch zwei Mal etwas lauter: Beim 2:0 für die Gastgeber durch ein Eigentor von Jorge Meré, und beim Kölner Anschlusstor durch Mark Uth zehn Minuten vor Schluss. Inzwischen machen auch Gladbachs Ultras draußen vor der Nordtribüne wieder ordentlich Rabatz.

Die siegreichen Borussen gehen nach dem Abpfiff zum gemeinsamen Feiern zu ihren Fans. Während Schiedsrichter Deniz Aytekin den seltsamen Fußballabend ohne Zuschauer nachdenklich kommentiert: „Irgendetwas hat gefehlt – und zwar massiv.“

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