• Fragwürdige Polizeiverordnung in Pforzheim: Schluss mit den Vorurteilen gegen Fans!

Fragwürdige Polizeiverordnung in Pforzheim : Schluss mit den Vorurteilen gegen Fans!

Die Stadt Pforzheim zeigt, wie undifferenziert das Bild der Fanszenen oftmals noch ist. Umso wichtiger sind konstruktive Gespräche. Ein Kommentar.

Louis Richter
Müssen ernst genommen werden. Die Fanszenen in den deutschen Fußballstadien.
Müssen ernst genommen werden. Die Fanszenen in den deutschen Fußballstadien.Foto: dpa

Nach den Vorkommnissen des vergangenen Wochenendes kam es am Donnerstagabend zu ersten kleinen Annäherungen zwischen Fußball-Fans und -verbänden. Das Fanbündnis Unsere Kurve berichtete nach einem Treffen mit Vertretern von Deutscher Fußball-Liga (DFL) und Deutschem Fußball-Bund (DFB) über eine selbstkritische Haltung der Verbände. Der Drei-Stufen-Plan, der ursprünglich für das Handeln gegen rassistische Vorfälle in den Stadien vorgesehen war, solle wieder in den Kontext eingebettet werden.

Dieser Selbstkritik müssen nun Taten folgen, schrieb Unsere Kurve und tatsächlich wirkt es so, als sei auch den Verbänden ehrlich daran gelegen, einen sachlichen Diskurs mit den Fans zu führen. Der war in den vergangenen Jahren seitens der Entscheider des deutschen Fußballs nicht immer gegeben.

Während Verbände und Fans um Differenzierung bemüht sind und beide Seiten sich gegenseitig anhören, zeigt eine Entwicklung in Pforzheim, wie wichtig gerade diese Gespräche und der persönliche Austausch beider Lager sind, um ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Kritik an Polizei soll in Pforzheim unterbunden werden

Denn für das Stadion im Brötzinger Tal, wo der 1. CFR Pforzheim seine Oberliga-Spiele austrägt, soll alsbald eine neue Polizeiordnung für das Stadion gelten. Die beinhaltet unter anderem das Verbot von linksradikalen Parolen. Darunter falle laut der Polizei vor allem die Kritik an selbiger: Linksradikal wäre für uns Kritik an der Polizei, Kritik an der polizeilichen Überwachung, teilte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Pforzheim dem Pforzheimer Kurier auf Anfrage mit. Konkret gehe es um Aussagen wie Willkür nimmt freien Lauf" oder "Gemeinsam gegen Polizeigesetze". Die sachliche Kritik an der Polizei wird jedoch weiter von der Meinungsfreiheit, die auch im Stadion für Fans zu gelten hat, abgedeckt.

Speziell nach einem Vorfall in Fürstenwalde, wo die Polizei Brandenburg verantwortlich für schwerste Verletzungen eines Fans der BSG Chemie Leipzig war, anschließend den Vorfall anders schilderte, als es später Videos aus dem Stadion deutlich zeigten und sie eingestehen musste, teilweise falsche Aussagen verbreitet zu haben, stößt das Kritik-Verbot für die Fans sauer auf - so klein und lokal der Rahmen auch sein mag.

Stadt Pforzheim zeigt, wie viel Gesprächsbedarf es noch gibt

Kaum besser macht es die Stellungnahme der Stadt Pforzheim zu der Polizeiverordnung. Notwendig sei die nämlich aufgrund des Vormarschs der Ultras. Während die Ultras seit Jahrzehnten im Stadion den Ton angeben und sich auch sozial in und um die Stadien einbringen und deshalb völlig unklar bleibt, was genau mit dem Begriff Vormarsch" gemeint ist, schreibt die Stadt weiter: Die aktive Fanszene ist in der Regel in rechte Hooligans und linke Ultras zu unterscheiden.

Pauschalisierend, undifferenziert und spürbar ohne Einblick in die Strukturen der Fanszene: Die einzelnen Ultra-Gruppierungen und Fanszenen setzen sich "in der Regel" nämlich deutlich heterogener zusammen, als es diese Darstellung vermuten lässt. Mit Menschen verschiedenster Berufungen, sozialer Hintergründe und politischen Gesinnungen.

Auch darum geht es den Vertretern der Fanszenen in den aktuellen Diskussionen: Sie wollen nicht einfach die Ultras sein, die bei einer Verfehlung einer einzelnen Gruppe plötzlich als generelle Bedrohung für den Fußball dargestellt werden. Sie wollen, dass die verschiedensten Haltungen und Aktionen, die aus ihrem Kosmos heraus entstehen, einzeln und für sich betrachtet werden. Sie wollen ernstgenommen werden - und nicht wie in Pforzheim über einen Kamm geschert. Der große Dialog von Fans und Verbänden mag so erste positive Ergebnisse hervorbringen. Im Kleinen gibt es es aber noch viel Gesprächs- und Erklärungsbedarf.

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