Freiwild-Diskussion : Der FC Bayern und seine vermeintliche Opferrolle

Uli Hoeneß und Niko Kovac beklagen die Fouls der Münchner Gegner. Doch damit übertreiben sie. Ein Kommentar

Corentin Tolisso fehlt den Bayern lange.
Corentin Tolisso fehlt den Bayern lange.Foto: dpa

Wenn Uli Hoeneß das Gefühl hat, er muss seinen FC Bayern verteidigen, handelt der Präsident des Rekordmeisters ebenfalls nach dem Motto Attacke. So tat er es auch nach seinen Eindrücken beim 3:1-Sieg der Münchner gegen Leverkusen.

„Das Foul von Bellarabi war natürlich geisteskrank. Das ist vorsätzliche Körperverletzung“, schimpfte Hoeneß über das rabiate Einsteigen des Leverkuseners, bei dem Rafinha sich einen Innenbandteilriss zuzog. „So einer gehört drei Monate gesperrt - und zwar für Dummheit“, polterte der Bayern-Präsident.

Weil nach drei Spielen der neuen Bundesliga-Saison bereits drei Münchner verletzt sind – Rafinha, Corentin Tolisso und Kingsley Coman – griff auch Bayern-Trainer Niko Kovac zu drastischen Worten: „Wir haben den dritten Spieltag und ich habe das Gefühl, dass wir Freiwild sind. Das ist nicht das erste Mal. Ich will keinen an den Pranger stellen, aber so langsam reicht es mir.“

Damit haben die Verantwortlichen beim FC Bayern etwas getan, was sie ziemlich gut beherrschen: Sie haben eine Debatte angestoßen, über die nun in der gesamten Bundesliga diskutiert wird. Müssen die besten Spieler besser von den Schiedsrichtern geschützt werden? Treten die kleinen Teams die großen Münchner zusammen?

In der Foul-Tabelle sind die Bayern nicht Erster

Trotz all der markigen Worte von Hoeneß und Kovac: Die Bayern übertreiben es mit der Opferrolle. Das zeigt sich zum einen an Tolissos Verletzung: Der Franzose kollidierte im Mittelfeld mit Kevin Volland, es war absolut kein Foul. Doch Tolisso zog sich trotzdem einen Kreuzband- und Außenmeniskusriss zu. Von Freiwild und Körperverletzung kann bei diesem für die Münchner härtesten Ausfall also keine Rede sein.

Und es spricht noch mehr gegen die Opferrolle der Bayern. So hat die „Bild“-Zeitung eine Foul-Tabelle veröffentlicht, und in dieser sind die Münchner nicht spitze. Am meisten gefoult wurden bisher die Spieler des 1. FC Nürnberg (42 Mal) vor Fortuna Düsseldorf (38) und dem VfL Wolfsburg (37). Erst auf dem gemeinsamem vierten Platz liegt mit Hertha BSC, Schalke, Stuttgart und Leipzig der FC Bayern (36).

Gleiches gilt bei den am meisten gefoulten Spielern. Das sind der Schalker Mark Uth, der Düsseldorfer Jean Zimmer und der Nürnberger Tim Leibold (9 Fouls), die meistgefoulten Münchner sind Thiago und Joshua Kimmich (5). Von Freiwild kann also auch in diesen Punkten keine Rede sein.

Natürlich sind die Ausfälle bitter. Aber wie bei Tolisso ist bei Verletzungen eben auch oft Pech dabei. Und dann stellt sich ja auch kein Trainer hin und klagt: „Wir sind Freiwild für das Pech.“

Andererseits können die Münchner mit ihren überdrehten Aussagen etwas ablenken von einer anderen Debatte, die eigentlich die Liga beschäftigen sollte. Nach drei Siegen in den ersten drei Spielen sieht es auch in dieser Saison wieder nach einer die Bundesliga lähmende Dominanz des Rekordmeisters aus. Zumal die Bayern ja auch schon zwei vermeintliche Herausforderer, Leverkusen und Hoffenheim, sehr locker bezwangen. Aber stattdessen sind nun ja erstmal die lauten Töne im Fokus.

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