Gewalt im Berliner Amateursport : „Dann ist Ende mit Fußball“

Berlins Schiedsrichter-Chef Jörg Wehling spricht über schlimme Vorfälle, Aktionen zum Start der Berlin-Liga und Besetzungssorgen in den Kreisligen.

Schiedsrichter Patrick Kluge (rechts) greift im Regionalligaspiel zwischen Chemie Leipzig und Viktoria 89 durch.
Schiedsrichter Patrick Kluge (rechts) greift im Regionalligaspiel zwischen Chemie Leipzig und Viktoria 89 durch.Foto: imago images / Picture Point

Jörg Wehling, 52, ist seit zwei Jahren Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses beim Berliner Fußball-Verband. Wehling war von 1982 bis 2010 selbst als Schiedsrichter aktiv.

Herr Wehling, auf Berlins Fußballplätzen kommt es immer mal wieder zu schlimmen Vorfällen. Wie war es in der vergangenen Saison?
Es hat mehrere Vorfälle gegeben, nach denen die Spieler auf die Schwarze Liste gesetzt worden sind (Anm. d. Red.: Sie dürfen in keinem Berliner Verein mehr spielen). In einem Fall ist ein Schiedsrichter geschlagen worden und hat weitergepfiffen. Hier müssen wir klare Kante zeigen. Körperliche Gewalt, aber auch Diskriminierung, ist ein No Go. Wenn jemand körperlich angegriffen wird, dann ist eindeutig Ende mit Fußball.

Gab es mehr Vorfälle als zuvor?
Die Zahlen sind relativ stabil, wobei natürlich jeder Einzelfall einer zu viel ist. Wenn ein Schiedsrichter angegangen wird, ist es für ihn eine Katastrophe, das vergisst er nicht. Eine Stabilisierung der Zahlen ist okay. Dennoch stellen wir immer wieder fest, dass jeder Vorfall die Attraktivität unseres Hobbys stark leiden lässt.

Also wird es durch die zunehmende Gewalt auf Fußballplätzen immer schwieriger, neue Schiedsrichter zu werben?
Ja, absolut. Die Konfrontation mit der Realität auf dem Platz ist die schwierigste Komponente, die wir in unserer Ausbildung zum Schiedsrichter haben. Deshalb existiert die Patenschaft für junge Schiedsrichter, die vom DFB finanziell unterstützt wird. Hier engagiert sich der DFB vorbildlich für die Gewinnung neuer Schiedsrichter. Diese werden bei ihren ersten Spielen von erfahrenen Schiedsrichtern begleitet, da Theorie und Praxis definitiv zwei Paar Schuhe sind und die Unterstützung auf dem Platz eine wichtige Hilfe darstellt. Wir haben viele Anfänger, die unter 18 Jahre alt sind und noch keine Erfahrung besitzen, um Konflikte mit Trainern oder Zuschauern auf Anhieb gut lösen zu können.

Zur neuen Saison, die am Freitag in der Berlin-Liga mit dem Spiel Sparta Lichtenberg gegen Fortuna Biesdorf (19 Uhr, Fischerstraße) beginnt, gibt es eine gemeinsame Aktion der Schiedsrichter der Hamburger und Berliner Verbände. Unter anderem werden die Mannschaften am ersten Spieltag mit einem Banner aufs Spielfeld laufen, um für Respekt und Fairness zu werben.
Wir wollen ein Signal senden und zeigen, dass nicht nur wir ein lokales Problem mit dem respektvollen und sportlichen Umgang haben, sondern dass es ein weit verbreitetes Phänomen ist.

Gibt es berlinspezifische Probleme?
Das ist nichts groß unterschiedlich im Vergleich zu Hamburg. Wobei wir nicht wegdiskutieren können, dass wir mehr Mannschaften haben, die in ihrer Emotionalität stärker sind und generell eine aggressive Grundstimmung herrscht.

Schwere Zwischenfälle ereignen sich auch woanders. Mitte Juni beispielsweise wurden in Duisburg in der Kreisliga ein Schiedsrichter und einer seiner Assistenten von Spielern brutal angegriffen und verletzt.
Dass diese Schwelle zur Gewalt immer wieder überwunden wird, dass man nicht sagt „Halt, Stopp, hier geht es nicht um die Person, sondern um die Institution Schiedsrichter“, sondern die Emotionen dann so hochschlagen und in Gewalt umschlagen – das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Zeigen solche Vorfälle, wie hilflos Schiedsrichter im Amateurbereich den Launen Einzelner ausgeliefert sind?
Genau. Überall da, wo wir allein sind und mitunter keine Hilfe haben – weil keine Ordner vor Ort sind. Die allermeisten Spiele finden ja mit einem allein amtierenden Schiedsrichter statt. Für den ist es das schwerste, wenn er keine Assistenten hat, die ihm zur Seite springen. Diese Hilflosigkeit ist tatsächlich eines dieser Gefühle, das jeder Schiedsrichter kennt.

Verrohen die Sitten auf den Fußballplätzen auch deshalb, weil die Spieler sich nicht im Klaren darüber sind, welche Konsequenzen drohen könnten?
Ich glaube, dass die Spieler in diesen Momenten gar nicht über die fälligen Konsequenzen nachdenken. Sie nehmen nicht nur in Kauf, dass ein Schiedsrichter körperlich angegangen wird. Sie nehmen auch in Kauf, dass sie in Zukunft möglicherweise nicht mehr organisiert Fußball spielen können. Wir merken in den Sportgerichtsverhandlungen immer wieder, dass die Einsicht für die Tat, aber auch die notwendigen Konsequenzen fehlen.

DFB-Vizepräsident Peter Frymuth sagte nach den Geschehnissen in Duisburg, dass manche Spieler Schiedsrichter in unteren Klassen „offenbar als Freiwild empfinden“. Sehen Sie das ähnlich?
Ich würde mich jetzt nicht auf einzelne Worte festlegen. Aber dass die Schiedsrichter ungeschützt sind, ist im Amateurbereich keine Frage. Das ist auch einer der größten Punkte, an dem wir arbeiten müssen, dass sich die Schiedsrichter auf den Plätzen nicht allein fühlen.

Wie wirkt sich das für Sie aus?
Unsere Ansetzer sagen mir, dass wir bestimmte Kreisligen nicht nur aus Personalmangel nicht besetzen können, sondern auch, weil der ein oder andere Schiedsrichter in diesen Klassen nicht pfeifen möchte. Die gehen da nicht hin, weil es ihnen zu gefährlich ist, weil ihnen die Atmosphäre nicht passt. Sie amtieren lieber bei einem Jugendspiel.

Jörg Wehling, 52, ist seit zwei Jahren Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses beim Berliner Fußball-Verband.
Jörg Wehling, 52, ist seit zwei Jahren Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses beim Berliner Fußball-Verband.Foto: Christian Kruppa

Unterstützt und beschützt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Schiedsrichter im Amateurbereich zu wenig?
Zunächst ist es unsere Aufgabe, dass wir unseren Spielbetrieb im Rahmen eines fairen und sportlichen Miteinanders organisieren. Wir in Berlin versuchen es gerade mit einem Masterplan, in dem alle relevanten Punkte auf den Tisch gelegt werden. Es ist ja nicht damit getan, dass bei jedem Spiel zwei Ordner vorhanden sind oder die Strafen pauschal verdoppelt werden. Da müssen viele Maßnahmen greifen, um die Stimmung auf den Plätzen wieder hinzubekommen. Entscheidend aus meiner Sicht ist das nachhaltige Engagement von allen: Verband, Vereine, Schiedsrichter, Haupt- und Ehrenamt.

Wie könnte der DFB besser helfen?
Es kommt lokal zu Vorfällen und vor Ort wird agiert. Das ist gut, aber ich könnte mir auch eine verstärkte Vorgehensweise für eine bundesweite vom DFB organisierte Aktion vorstellen. Ich würde mir wünschen, dass man das als Schwerpunkt-Thema angeht und Handlungsoptionen auf DFB-Ebene erarbeitet.

Glauben Sie, dass die neuen Regeln, gerade durch gesteigerte Transparenz wie bei den Karten für Trainer, dazu führen, dass sich das Klima auf dem Platz verbessert?
Was die persönlichen Strafen für Teamoffizielle angeht, wird es auf jeden Fall transparenter sein. Dann wissen die Trainer und das Umfeld, ab wann sie angezählt sind. Wobei die Komplexität der Regeländerungen, die es jetzt gegeben hat, erstmal gelebt werden muss. Ob die Regeländerungen in der Masse nötig waren, das halte ich zumindest für fraglich.

Könnte es neue Probleme geben, wenn die Regeländerungen nicht sofort umgesetzt werden können, weil die Spieler genau das von den Schiedsrichtern erwarten?
Das würde ja bedeuten, dass auch die Spieler die Regeln sofort draufhätten. Viele Vereine haben sich in den letzten Wochen bei uns gemeldet und um eine Regelschulung gebeten. Das ist eine gute Erfahrung, weil wir damit nicht nur breit die Regeländerungen schulen können, sondern auch gleichzeitig mit den Vereinen und Spielern ins Gespräch kommen. Es wird aber sicherlich noch dauern, bis alle die neuen Regeln verinnerlicht haben.

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