Gleichberechtigung in Japan : Vom Unglück, eine Frau zu sein

Zu den Olympischen Spielen 2020 will sich Japan als offenes Land präsentieren. Doch unter der glatten Oberfläche tun sich Abgründe auf.

Yu Minobe
Für Frauen in Japan ist eine Karriere als Sportlerin nicht vorgesehen. Fußballerinnen wie Ami Otaki bilden da die Ausnahme.
Für Frauen in Japan ist eine Karriere als Sportlerin nicht vorgesehen. Fußballerinnen wie Ami Otaki bilden da die Ausnahme.Foto: Panoramic/Imago

Wie oft sie diesen Spruch gehört hat, früher, als sie noch ein Kind war und auch später noch, als sie schon ihren eigenen Kopf hatte. „Weil du ein Mädchen bist.“ Verbote wurden begründet mit dem Hinweis auf ihr Geschlecht. So ist die Fußballerin Ami Otaki aufgewachsen in Japan, einem Land, das sich nach außen hin modern, demokratisch und aufgeschlossen präsentiert, in dem Frauen aber sehr stark benachteiligt werden. Davon bleibt bis heute kein Gesellschaftsbereich ausgespart, auch nicht der Sport. Und der spielt in diesen und mehr noch in den kommenden Monaten eine große Rolle in Japan.

Die Welt blickt mit großen Augen auf Tokio, wo im Sommer nächsten Jahres die Olympischen Spiele stattfinden. Japan will da seinem Ruf als höchst professionelles und funktionsfähiges Land gerecht werden. In Japan arbeiten die Menschen viel und effizient, die Züge und U-Bahnen kommen pünktlich, hier geht alles seinen Gang. Das ist die eine Seite des Landes. Die andere aber ist, dass sich unter der glänzenden Oberfläche bislang wenig entdeckte Abgründe auftun. Dazu zählt insbesondere die Ungleichbehandlung von Frauen.

Mädchen beim Fußball waren eine Seltenheit

Ami Otaki, 30 Jahre alt, hat ein offenes, freundliches Gesicht. Sie strahlt große Zuversicht aus, weniger das Kämpferische. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel wird aber deutlich, dass sie vor allem eine beharrliche Streiterin für Gerechtigkeit ist. Der Sinn dafür stand ihr schon früh. Bereits mit sechs Jahren fing sie an, Fußball zu spielen, obwohl das den gesellschaftlichen Normen widersprach. „Außer mir spielte nur noch ein weiteres Mädchen in der Jungenmannschaft. Mädchen beim Fußball – das war damals eine große Seltenheit“, erzählt sie.

Und auch heute noch ist es für Frauen keine Selbstverständlichkeit, wenn sie ihrer Leidenschaft für den Sport nachgehen wollen. „Zwar gibt es immer mehr Frauen, die Fußball spielen, aber die Fußballwelt ist eine Männergesellschaft. Frauen müssen sich durchsetzen“, sagt Otaki. Die Benachteiligung der Frauen im Sport betrifft dabei nicht nur den Fußball, sondern den gesamten Sport. „Es gibt ein unbewusstes Vorurteil gegenüber Sportlerinnen“, sagt Otaki.

Sie selbst tat gut daran, den Vorurteilen zu trotzen. Ami Otaki wurde Profifußballerin, sie spielte auch bei mehreren französischen Klubs und war zuletzt 2013 für die japanische Nationalmannschaft im Einsatz. Aktuell steht sie bei JEF United Chiba Ladies, einem Erstligaklub nahe Tokio, unter Vertrag. „Den Traum für die Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen anzutreten, habe ich nicht aufgegeben“, sagt sie. „Auch wenn es sehr schwer wird.“

Alltag in Japan: Frauen bleiben zuhause, Männer arbeiten

Otaki hat sich nie damit abgefunden, die gesellschaftlichen Konventionen einfach so zu akzeptieren. Das tut sie bis heute nicht. „Für meine Generation, also die heute etwa 30- bis 50-Jährigen, war es völlig normal, dass Frauen zuhause bleiben und Männer draußen arbeiten gehen“, sagt sie. Sie konnte das nie verstehen, und immer mehr Frauen in Japan können und wollen das nicht mehr hinnehmen. Das Zeitalter der Diversität sei in Japan angekommen, sagt Otaki. „Ich habe das Gefühl, dass sich jetzt langsam etwas ändert.“

Tatsächlich sind Lebenswege wie jener von Otaki Indikatoren dafür, dass das Thema Gleichberechtigung in der japanischen Gesellschaft mehr und mehr Einzug hält. Otaki war nie nur Fußballerin. Mit gerade mal 25 Jahren kündigt sie ihren Rücktritt an. Sie nimmt erfolgreich an einem „Fifa-Master-Programm“ teil, studiert in Europa in den Fächern Sportrecht, Sportmanagement und Sportgeschichte. Sie kommt raus aus Japan. „Das hat meinen Horizont erweitert“, sagt sie. Danach fängt sie wieder mit dem Profifußball an, auch weil sie wegen ihres Studiums nun nicht mehr die Sorge hat, was sie nach ihrer Karriere als Fußballerin machen soll.

Mit der Wiederaufnahme ihrer sportlichen Karriere gründet Otaki eine Organisation namens Nade-Care, die Frauen im Sport unterstützt. Konkret bietet Nade-Care Fußballworkshops für Schülerinnen an und bereitet Profifußballerinnen auf ihre Karrieren nach dem Profifußball vor. Alternativen zu den bisherigen Berufswegen für Profisportlerinnen in Japan scheinen auch dringend nötig.

Sportlerinnen sind meistens Angestellte bei ihren Sponsoren

In der Regel sind die Sportlerinnen Angestellte bei ihren Sponsoren. Zwar steht in ihren Verträgen, dass sie nach der Sportlerkarriere in dem Unternehmen des Sponsors arbeiten dürfen. „Doch die meisten machen es nicht“, berichtet Otaki, „weil die Spielerinnen bei ihren Sponsoren nicht unbedingt das machen können, was sie machen wollen.“ Das wiederum liegt daran, dass die Frauen während ihrer sportlichen Laufbahn keine Weiterbildungsangebote bekommen. „Es gibt diese Atmosphäre, dass Fußballerinnen, so lange sie professionell spielen, nichts Anderes machen sollen“, sagt Otaki. Sie will einen Teil dazu beitragen, dass sich an dieser Atmosphäre etwas ändert.

Doch in Japan muss noch einiges passieren, will man etwas an den Zuständen verändern. Frauen haben es schwer. So ist in fast keinem anderen Industrieland das geschlechtsspezifische Lohngefälle so groß wie dort. Die Einkommenslücke zwischen Mann und Frau beträgt 24,5 Prozent zuungunsten der Frau (in Deutschland: 21 Prozent). Schon das Einstiegsgehalt der Frauen ist in Japan in Durchschnitt um 14,5 Prozent geringer, und je höher die Position im Unternehmen ist, desto weniger Frauen sind darunter.

Otaki ist überzeugt davon, dass das Problem auch an den Frauen selbst liegt – auch wenn diese nichts dafür könnten. Ihnen fehle das Selbstbewusstsein und die Mentalität, für die Gleichberechtigung einzustehen, sagt sie. Eben weil den Frauen von klein auf gesagt worden sei, dass sie dies und das nicht dürften. „Weil du ein Mädchen bist“. Der alte Spruch, er schwebt wie ein Damoklesschwert bis heute über ihnen.

Japanischen Frauen wurde ein Duldungskultur anerzogen

Das alles führt dazu, dass die Frauen in Japan regelrecht dazu erzogen werden, Dinge hinzunehmen, auch wenn sie zutiefst ungerecht sind. Man könnte von einer Duldungskultur sprechen. Diese ist der Nährboden für Machtmissbrauch und dementsprechend für sexuelle Belästigungen durch Männer, auch im Sport. „Solche Fälle gibt es viele, aber es herrscht die Atmosphäre, dass man es nicht öffentlich machen kann“, sagt Otaki. Obwohl es in ihrem direkten Umfeld keine Frau gegeben habe, die sich direkt beschwert hätte, habe es Fälle gegeben, die man im Nachhinein als sexuelle Belästigung sehen würde, erzählt sie.

Da die Thematik von den Frauen gerne im Verborgenen gehalten wird, gibt es auch kaum institutionelle Einrichtungen im Kampf gegen sexuelle Gewalt. In den meisten Sportverbänden und Sportvereinen existieren nicht einmal Richtlinien über den Umgang mit sexuellen Übergriffen. Das alles hängt laut Otaki außerdem damit zusammen, dass es in Japan keine klare Definition von sexueller Gewalt gibt. Dementsprechend gibt es auch kaum wissenschaftliche Analysen dazu.

Immerhin existiert eine größer angelegte Studie aus dem Jahr 2007 zum Thema sexuelle Übergriffe im Sport. Zwar ist die Studie nicht mehr aktuell, aber der Autor der Recherche äußerte in einem Interview 2018 seine Vermutung, dass sich an den Ergebnissen seitdem nicht viel verändert habe. An der Umfrage hatten über 1100 Athletinnen und Athleten und über 3700 Trainer teilgenommen. Der Studie zufolge neigten Frauen dazu, sexuelle Belästigungen wie der Nötigung des Geschlechtsverkehrs oder vermeintliche „Massagen“ eher zu dulden als Männer. Je jünger die Befragten waren, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, solche Taten schweigend hinzunehmen. Experten gehen daher von einer sehr hohen Dunkelziffer an Opfern sexueller Gewalt aus.

Seit einiger Zeit gibt es in Japan die sogenannte Blumen-Bewegung

So traurig das alles ist, so groß ist die Hoffnung, dass sich in Japan in dieser Hinsicht etwas zum Positiven verändert. Und das, obwohl die MeToo-Bewegung in Japan nie wirklich angekommen ist. Doch es passierte Sonderbares in diesem Jahr. Hintergrund ist der Fall Shiori Ito. Die Journalistin wollte ihr Schicksal nicht einfach so hinnehmen und ging mit der Anschuldigung an die Öffentlichkeit, dass sie von einem Mann, einem regierungsnahen Journalisten, vergewaltigt worden sein soll. Trotz großer Widerstände verklagte sie ihren mutmaßlichen Peiniger – ohne Erfolg. Shiori Ito wollte sich das Leben nehmen. Der Fall rüttelte viele japanische Frauen auf. So entstand in diesem Jahr die sogenannte Blumen-Bewegung, in der Frauen gegen sexuelle Gewalt demonstrieren.

Japans Frauen sind dabei, langsam zu verstehen, dass sie die Dinge in ihrem Land nicht einfach so geschehen lassen dürfen. Sie beginnen, sich zu wehren und nicht mehr alles zu erdulden. Orientierung geben ihnen Menschen wie Shiori Ito oder die Fußballerin Ami Otaki.

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