Im Griff des Dopings : DDR-Kanutin Spiegelberg könnte als Erste Opferrente erhalten

Die Kanutin Kerstin Spiegelberg wurde als Minderjährige ohne ihr Wissen in der DDR mit Anabolika behandelt – jetzt könnte ihr als Erste eine Opferrente zugesprochen werden.

Als die Nebenwirkungen noch weit weg waren. Kerstin Spiegelberg mit Kolleginnen aus der Nationalmannschaft der DDR bei einem internationalen Wettkampf auf Kuba 1986.
Als die Nebenwirkungen noch weit weg waren. Kerstin Spiegelberg mit Kolleginnen aus der Nationalmannschaft der DDR bei einem...Foto: promo

Wie schnell und kräftig sie das Paddel durchs Wasser ziehen konnte, daran erinnern ihre Arme, drahtig und zupackend. Bis in die Nationalmannschaft der DDR hat es Kerstin Spiegelberg geschafft und einige internationale Wettkämpfe bestritten. Das ist mehr als zwanzig Jahre her, doch der Leistungssport hat sie nicht mehr losgelassen, er hat sich nach Jahren noch einmal schmerzhaft und bösartig zurückgemeldet – mit Brustkrebs und Hautkrebs. Kerstin Spiegelberg musste eine Brust abgenommen werden. Aus dem beengenden Griff des Leistungssports kann sie sich nicht mehr befreien.

Kerstin Spiegelberg kämpft vor Gericht um Opferrente

An diesem Freitag wird Kerstin Spiegelberg vor dem Sozialgericht Berlin um eine Opferrente kämpfen. Sie wäre die Erste, die das schaffen würde, die Erste mit einer Vergangenheit als Dopingopfer der DDR. Man sieht der 45-Jährigen auf den ersten Blick nicht an, warum ihr diese Opferrente zustehen könnte. So wie man Athleten auch nicht ansieht, welche Mittel sie geshluckt haben oder schlucken mussten. Spiegelberg lacht viel, wenn sie in ihrem Garten im Norden Berlins vom Kanufahren erzählt, sie wirkt fröhlich und lebensbejahend. Aber nur so lange, bis das Gespräch auf ihre Erkrankungen kommt, auf die Folgen des Dopings. „Die Tumormarker im Blut sind in diesem Jahr wieder nach oben gegangen“, sagt sie.

Auf der Jugendsportschule wurden ihr ohne ihr Wissen Dopingmittel verabreicht

Kerstin Spiegelberg wollte eigentlich nur Sportlerin sein. Sie wuchs in Berlin auf, sie fühlte sich im Wald und auf dem Wasser wohl, als Kanutin wurde sie auf der Kinder- und Jugendsportschule aufgenommen. Die folgenreichen Veränderungen passierten ohne ihr Wissen. Beiläufig wurden ihr mit 16 Jahren kleine blaue Pillen mit dem Hinweis gegeben, es seien Vitamine. Die übliche Verschleierungsformel für Anabolika. Auch die Anti-Baby-Pille sollte sie von ihrem 16. Lebensjahr an schlucken, ihren Eltern aber nichts davon sagen.

1988 war mit dem Leistungssport Schluss, sie schaffte den Anschluss an die Besten aus dem Nationalkader nicht mehr. Sport war jetzt für sie Freizeit. Sie glaubte, mit dem Leistungssport abgeschlossen zu haben. Bis sie 1990 einen Anruf von Brigitte Berendonk bekam. Seitdem ist alles anders.

Gemeinsam mit ihrem Mann Werner Franke hatte Berendonk unzählige Archivakten der DDR zusammengetragen, aus denen sich bis hin zu einzelnen Dosierungen das Staatsdoping der DDR rekonstruieren ließ. Dass sich darin auch Kerstin Spiegelberg fand, erzählte Berendonk ihr 1990 in einem Café am Kurfürstendamm. Von ihrer unfreiwilligen Dopingvergangenheit wollte Spiegelberg zunächst nichts wissen, ihr damaliger Lebensgefährte paddelte noch. Seine Karriere hätte Schaden nehmen können, dachte sie sich.

Ex-Kanutin Kerstin Spiegelberg.
Ex-Kanutin Kerstin Spiegelberg.Foto: promo

Dass es kein Entkommen gibt, musste sie jedoch schmerzhaft erfahren. Im Jahr 2000 wurde bei ihr Brustkrebs festgestellt, sie war damals 32 Jahre alt. Es gibt in der Tat Fälle, in denen auch jüngere Frauen an Brustkrebs erkranken. Meistens sind sie deutlich älter. Für Werner Franke steht der Zusammenhang fest: „Anabolika tragen zum Wachstum von Tumoren bei.“ Franke ist nicht nur der prominenteste Anti-Doping-Aktivist in Deutschland, er ist auch eine Kapazität in der Wissenschaft, am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Für Spiegelbergs Gerichtsverfahren hat er ein 200 Seiten starkes Gutachten geschrieben, das zweifelsfrei darlegen soll, dass die Krebserkrankung auf die Anabolikavergabe zurückzuführen ist.

Die Ämter behaupten, es habe kein Zwangsdoping in der DDR gegeben

„Ein solch umfangreiches und starkes Gutachten habe ich noch nicht gesehen und das wird auch der Richter noch nicht gesehen haben“, sagt Rechtsanwalt Sven Leistikow, der Kerstin Spiegelberg vertritt. Vor der Gerichtsverhandlung ist er überaus zuversichtlich: „Die Chancen stehen einmalig gut, weil wir uns über einige Hürden hinweggesetzt haben.“ Die größte Hürde war, überhaupt vor einem Gericht angehört zu werden. „Wir scheitern regelmäßig daran, dass die Ämter behaupten, es habe kein Zwangsdoping in der DDR gegeben“, sagt Leistikow, „aber es gab in der DDR einen Staatsplan Doping mit höchster Geheimhaltungsstufe.“ Die Gegenpartei vor Gericht ist nun das Landesamt für Gesundheit und Soziales, sie müsste die Opferrente bewilligen. Die Höhe der Rente würde sich nach Spiegelbergs Gehalt richten.

Spiegelberg ist schon staatlich anerkanntes Dopingopfer, eine Einmalzahlung als Entschädigung hat sie auch bekommen. Aber sie fürchtet sich davor, ihren Beruf als Physiotherapeutin nicht mehr ausüben zu können, weil ihr Körper einfach nicht mehr mitmacht, sie braucht eine Absicherung. Spiegelberg hat viel investiert in den Sport, zurückbekommen hat sie große Schmerzen, und sie hat keine glänzenden Olympiamedaillen gewonnen, über die sie sich damals freuen konnte und mit denen sie sich heute trösten könnte. Ihren beiden Kindern versucht sie, das Thema Doping auf verständliche Weise zu vermitteln und hat ihnen kürzlich eine Hörspielkassette geschenkt: „Die drei Fragezeichen – Dopingmixer“.

Auf den Gerichtstermin wartet sie nun gespannt. „Ich will es endlich hinter mir haben, weil es mich immer noch belastet.“ Sie weiß, dass sie das Verfahren nicht nur für sich führt. Wenn sie mit dem Anspruch durchkommt, könnten ihr andere Dopingopfer folgen. „Ich habe das Glück, dass ich eine Rechtsschutzversicherung habe. Es ist auch ein Kampf für die anderen, die sich das nicht leisten können“, sagt sie. „Es werden auch immer noch Menschen da sein, die Folgen haben, ohne dass sie es wissen.“

Die unfreiwillige Dopingvergangenheit begegnet ihr immer wieder. Ein Orthopäde fragte sie einmal: „Sind das bei Ihnen nicht Dopingknochen? Ihre Muskelansätze sind so stark ausgeprägt.“ Sie erlebt Doping als endlose Geschichte. Für eine Veranstaltung im Drachenbootfahren muss Kerstin Spiegelberg an einem Doping-Präventionskurs teilnehmen. Einen der Kursleiter kennt sie. Sie weiß von ihm, dass er früher selbst aktiv gedopt hat, wissen will er davon nichts mehr. Für den Kurs soll sie zwölf Euro zahlen.

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